Normal – 4K UHD/Blu-ray Review
Mit Normal bringt Leonine einen der schrägsten und blutigsten Genre-Ausreißer der letzten Zeit auf den heimischen Bildschirm, und zwar gleich in der optisch bestmöglichen Fassung: Die neue Veröffentlichung enthält den Film sowohl als 4K-Disc als auch als klassische Blu-ray im gemeinsamen Set. Regie führt der britische Ausnahmeregisseur Ben Wheatley, der sich mit Werken wie Kill List und vor allem Free Fire längst einen Ruf als Meister des unbequemen, hintergründig komischen Genrekinos erarbeitet hat und zuletzt mit dem Blockbuster Meg 2: The Trench auch im großen Hollywood-Maßstab bewiesen hat, dass er auch massentaugliche Unterhaltung liefern kann, ohne seine eigenwillige Handschrift ganz aufzugeben. In Normal verbindet er beides: die schmutzige, unberechenbare Energie seiner frühen Arbeiten mit dem satten Actionkino, das seit Nobody untrennbar mit seinem Hauptdarsteller verknüpft ist.
Eine Kleinstadt, die alles andere als normal ist
Eigentlich sollte die vorübergehende Versetzung in die verschlafene Kleinstadt Normal für Sheriff Ulysses eine willkommene Auszeit von Eheproblemen und beruflichen Rückschlägen sein. Doch als ein misslungener Banküberfall die trügerische Ruhe der Stadt durcheinanderbringt, wird schnell klar, dass die Bewohner weit mehr zu verbergen haben, als zunächst angenommen. Ulysses merkt plötzlich: Diese Kleinstadt ist alles andere als „normal". Was als gemächliches, fast schon behäbiges Sheriff-Drama beginnt, kippt binnen weniger Minuten in einen ebenso blutigen wie bitterbösen Genre-Cocktail, der klassische Neo-Western-Motive mit der explosiven Energie moderner Actionkomödien verschmilzt. Wheatley und Drehbuchautor Derek Kolstad, der mit der John-Wick-Reihe bereits sein Gespür für stilvoll inszenierte Gewalt unter Beweis gestellt hat, treiben die anfängliche Kleinstadtidylle mit sichtlichem Vergnügen gegen die Wand und lassen unter der freundlichen Oberfläche eine international verstrickte Verschwörung zutage treten, die niemand in dem verschneiten Provinznest vermutet hätte.
Bob Odenkirk als späte Actionikone
Im Zentrum des Films steht erneut Bob Odenkirk, der mit seiner Rolle als Sheriff Ulysses seine spätberufene Verwandlung vom Better-Call-Saul-Anwalt zum ernstzunehmenden Actionhelden konsequent fortsetzt. Nachdem er mit Nobody bewiesen hat, dass ihm die physische Wucht des Genres ebenso liegt wie die trockene Komik, für die er lange bekannt war, legt er in Normal noch eine Schippe drauf. Odenkirk verleiht Ulysses eine müde, fast schon abgekämpfte Grundhaltung, die den Figuren des Films ihre menschliche Verletzlichkeit gibt, bevor die Handlung ihn kompromisslos in immer brutalere Auseinandersetzungen zwingt. An seiner Seite brilliert Lena Headey, bekannt aus Game of Thrones und 300, als gastfreundliche, aber keineswegs so harmlose Barkeeperin Moira, deren Präsenz dem Film eine angenehm lakonische Gegenspielerin zu Odenkirks grüblerischem Sheriff verleiht. Ryan Allen komplettiert das Ensemble als Deputy Blaine Anderson, der Ulysses in den Mühen des Kleinstadtalltags zur Seite steht und dabei einen willkommenen komödiantischen Ausgleich zur zunehmenden Eskalation der Handlung bietet.
Wheatleys Handschrift zwischen Slapstick und Splatter
Was Normal besonders auszeichnet, ist die Konsequenz, mit der Wheatley den Tonartwechsel von beschaulicher Kleinstadtkomödie zu ultrabrutalem Actionspektakel vollzieht, ohne dass sich die beiden Ebenen je gegenseitig im Weg stehen. Die Gewaltdarstellung ist dabei bewusst überzeichnet und mit einem Augenzwinkern inszeniert, das an die schwarzhumorigen Genre-Verdrehungen der Coen-Brüder erinnert, gepaart mit einer schonungslosen Direktheit, die man von Wheatleys früheren Arbeiten kennt. Diese Mischung aus absurder Situationskomik und plötzlich hereinbrechender Brutalität macht Normal zu einem Film, der sein Publikum bewusst auf dem falschen Fuß erwischt und genau darin seinen größten Reiz entfaltet.
Bild, Ton und Ausstattung der 4K-Veröffentlichung
Die technische Umsetzung der neuen Leonine-Veröffentlichung weiß zu überzeugen. Auf der 4K-Disc entfaltet sich die winterlich-triste Kulisse der fiktiven Stadt Normal mit einer Detailschärfe, die den bewusst kargen, fast schon western-artigen Look der Kameraarbeit voll zur Geltung bringt, während der erweiterte Kontrastumfang gerade in den nächtlichen und schneebedeckten Szenen für spürbar mehr Tiefe sorgt als eine konventionelle HD-Fassung. Die beiliegende Blu-ray-Fassung steht dem in nichts nach und bietet all jenen, die noch nicht auf ein 4K-fähiges Setup umgestiegen sind, eine gleichwertige Möglichkeit, den Film in bestmöglicher Bildqualität zu erleben. Tonlich profitiert insbesondere die zweite Filmhälfte mit ihren zunehmend intensiven Actionsequenzen von einer druckvollen, klar durchhörbaren Abmischung, die den schwarzhumorigen Score ebenso souverän einfängt wie die schroffen Geräuschkulissen der eskalierenden Gewalt.
Fazit
Normal ist ein herrlich respektloser Genre-Mix, der die Erwartungen an eine gemütliche Kleinstadtgeschichte binnen weniger Filmminuten gnadenlos unterläuft und dabei sowohl von Ben Wheatleys sicherem Gespür für schwarzen Humor als auch von Bob Odenkirks fortgesetzter Reinkarnation als späte Actionikone lebt. Lena Headey und Ryan Allen ergänzen das Hauptdarsteller-Duo mit spürbarer Spielfreude, während die neue 4K-Veröffentlichung von Leonine dem Film sowohl bildtechnisch als auch klanglich ein würdiges Zuhause bietet. Wer schwarzhumorige, blutige Genrekost mit Überraschungsmoment schätzt, sollte diesem vermeintlich normalen Kleinstadtabenteuer unbedingt eine Chance geben.