Kusan: City of Wolves – Review (PS5)
Eine Stadt aus Neonlicht und Verrat
Es gibt Städte in Videospielen, die man einfach nur bereist – und es gibt Städte, die einen packen und nicht mehr loslassen. Kusan gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Das fiktive Setting des Entwicklerstudios CIRCLEfromDOT verortet sich optisch irgendwo zwischen Busan, Hongkong und Tokio, wird aber nicht von Menschen, sondern von anthropomorphen Fabelwesen bevölkert, was dem regennassen Neon-Look der Stadt sofort eine eigene, verspielt-morbide Note verleiht. Die Skyline Kusans erinnert dabei nicht zufällig stark an Seoul, denn das südkoreanische Studio hat unverkennbar in der eigenen Heimat Anleihen genommen.
In diese Kulisse wirft uns das Spiel als Jin, einen ehemaligen Soldaten, der sich inzwischen als Auftragskiller durchschlägt und seine Gewalt an den Meistbietenden verkauft. Was als weiterer Routinejob beginnt, entwickelt sich rasch zu einer viel größeren Verschwörung: Jin gerät zwischen die Fronten von Regierung, alten Kriegskameraden und einem mysteriösen Mädchen mit psionischen Kräften, das im Auftrag einer staatlichen Sicherheitsbehörde aufgespürt werden soll, weil in ihm angeblich eine Energie schlummert, die jedes Nervensystem der Stadt lahmlegen könnte. Erzählt wird das Ganze nicht in klassischen Zwischensequenzen, sondern über wunderschön gezeichnete Comic-Panels im Stil einer waschechten Graphic Novel, die zwischen den Kapiteln eingeschoben werden.
Ein Treffer, ein Tod – das Kernprinzip
Wer mit Hotline Miami oder OTXO vertraut ist, wird sich in Kusan sofort zurechtfinden – und genau das ist auch die erklärte Referenz des Spiels. Das Grundprinzip ist gnadenlos simpel: Mit Ausnahme der Bosskämpfe stirbt in diesem Spiel alles nach einem einzigen Treffer, Jin selbst eingeschlossen. Wer kopflos in einen Raum stürmt, ist in der Regel innerhalb von Sekundenbruchteilen tot, denn die Gegnerzahl übersteigt die eigene bei Weitem. Stattdessen verlangt jedes Level eine sorgfältige Planung: welche Tür zuerst, welcher Gegner zuerst, welcher Fluchtweg im Notfall.
Diese Prämisse ist naturgemäß nicht neu, doch Kusan verleiht ihr durch sein Kampfsystem eine ganz eigene Note. Neben Feuerwaffen und einem Wurfmesser steht Jin die namensgebende „War Hand" zur Verfügung, ein mechanischer Kampfarm, der für kurze, aber verheerende Nahkampfkombinationen sorgt. Besonders bemerkenswert ist das Konter-System: Gegner kündigen ihre Angriffe durch ein kurzes Aufblitzen an, und wer im exakt richtigen Moment reagiert, wird mit einem befriedigenden, geradezu balletartigen Ausweich-Konter belohnt. Das Zeitfenster dafür ist jedoch winzig, und die Konsistenz dieser Paraden hängt spürbar von der eigenen Bildschirm-Latenz ab: Auf Fernsehern mit merklichem Input-Lag fällt es deutlich schwerer, die Konter zuverlässig zu treffen, als auf einem reaktionsschnellen Monitor. Wer das Beste aus dem System herausholen will, sollte also tatsächlich in einen möglichst latenzarmen Bildschirm investieren oder zumindest den Spielemodus des eigenen Fernsehers aktivieren.
Auf technischer Seite unterstützt die PS5-Fassung dabei einen waschechten 120-Hz-Modus, der sich im Praxistest als angenehm stabil und ruckelfrei erweist – genau die richtige Priorität für ein Spiel, dessen gesamtes Fundament auf Bruchteilen von Sekunden aufbaut.
Fortschritt, Waffen und das Bolts-System
Kusan belohnt geschicktes, stilvolles Spiel mit einer Währung namens Bolts, die sich durch schnelle Stage-Abschlüsse, Kombo-Vielfalt und Präzision verdienen lässt. Mit diesen Bolts lässt sich die War Hand aufrüsten, es lassen sich neue Feuerwaffen freischalten und die Fähigkeiten des Wurfmessers erweitern. Die freigeschalteten Upgrades müssen anschließend in ein Gitter-System eingepasst werden, was für interessante Build-Entscheidungen sorgt und dem an sich linearen Fortschritt eine leichte taktische Tiefe verleiht.
Insgesamt umfasst die Kampagne 54 Stages, die sich spürbar weiterentwickeln und nie beliebig wiederholen. Für eine erste Durchspielung sollte man je nach Spielweise mit etwa acht bis zwölf Stunden rechnen; wer zusätzlich jedes Geheimnis aufspüren, jedes Upgrade freischalten und in jeder Stage den bestmöglichen Rang erreichen möchte, findet danach noch reichlich zusätzlichen Anreiz, da bereits abgeschlossene Level jederzeit erneut angegangen werden können, um Bestzeiten und Ranglisten zu verbessern.
Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Erzählung und vor allem Spielökonomie verlieren im späteren Spielverlauf spürbar an Substanz, während das Kampfsystem selbst bis zum Abspann konsequent seine Klasse behält. Man hätte sich für Story und Ressourcenverteilung offenbar dieselbe Sorgfalt gewünscht, die in die Kämpfe geflossen ist.
Präsentation: Pixelkunst mit Wucht
Rein optisch positioniert sich Kusan bewusst im Retro-Gewand: handgezeichnete Pixelgrafik, durchzogen von tropfendem Neonlicht und ständigem Regen, verleiht der Stadt eine dichte Neo-Noir-Atmosphäre. Was die Stimmung aber tatsächlich trägt, ist der Soundtrack. In einem derart temporeichen Actionspiel kann die Musik über Erfolg oder Misserfolg der Atmosphäre entscheiden, und genau hier liefert CIRCLEfromDOT ab – treibende Synth-Klänge, die den brutalen Rhythmus der Kämpfe perfekt untermalen, ohne dabei aufdringlich zu wirken.
Die Schwierigkeit wirkt zwar auf den ersten Blick gnadenlos, fühlt sich dabei aber selten unfair an, da das Spiel konsequent durch Wiederholung statt durch lange Tutorials lehrt. Gegnerverhalten wird mit der Zeit vorhersehbar, sodass man zunehmend effizientere Wege durch jede Konfrontation entwickeln kann.
Für wen lohnt sich Kusan?
Wer knallharte, hochpräzise Action-Titel im Stil von Hotline Miami schätzt und sich von einer fordernden Trial-and-Error-Struktur nicht abschrecken lässt, findet in Kusan: City of Wolves ein außergewöhnlich fokussiertes Erlebnis. Das kleine, nur vierköpfige Entwicklerteam demonstriert ein bemerkenswert klares Verständnis dafür, was „Flow" in einem Actionspiel bedeutet, auch wenn Geschichte und Balancing gegen Ende nicht ganz mit dem stets erstklassigen Kampfsystem mithalten können. Für Genrefans, die auf ihrer PS5 nach der nächsten adrenalingeladenen Herausforderung suchen, ist das Spiel dennoch eine klare Empfehlung – zumal der Preis von 14,99 Euro angesichts von acht bis zwölf Stunden Hauptspielzeit plus Wiederspielwert durch Ranglisten-Optimierung fair kalkuliert ist.