Die große Orgie – Blu-ray-Review
Ordinary Dreams 2, Nr. 12 – Wicked Vision Media
Ein Fest der Sinne im Schatten der Monarchie
Mit „Die große Orgie" (Originaltitel „Vizi privati, pubbliche virtù") legt Wicked Vision Media im Rahmen ihrer sorgsam kuratierten Reihe „Ordinary Dreams 2" ein Werk vor, das seinerzeit für erhebliche Aufregung sorgte und bis heute nichts von seiner hypnotischen Wirkung eingebüßt hat. Der ungarische Regisseur Miklós Jancsó, bekannt für seine choreografisch anmutenden Massenszenen und seine unnachahmliche Verwendung langer, fließender Kamerafahrten, entwirft hier ein sinnliches Kammerspiel, das sich lose an das Leben und den mysteriösen Tod des österreichisch-ungarischen Kronprinzen Rudolf anlehnt und dieses in ein rauschhaftes, farbenprächtiges Fresko der Dekadenz verwandelt.
Der Film versetzt uns in eine abgelegene, sonnendurchflutete Villa, in der der Thronfolger ein Leben führt, das jedem Anschein von höfischer Etikette Hohn spricht. Zwischen nackten Leibern im Garten, verbotener Liebe zur bürgerlichen Sofia und ungezügelten Stunden mit der älteren Bediensteten Therese in duftenden Heuhaufen entsteht ein Panorama der Auflehnung gegen den strengen Puritanismus des Vaters. Mit der Ankunft der Stiefschwester Sofie und eines jungen, ebenso freizügigen Grafen gewinnt das Treiben zusätzliche Dynamik – die beiden bringen frische, provokante Spiele in die ohnehin schon enthemmte Gesellschaft, ehe Rudolf schließlich zum großen Fest lädt, bei dem sich die Sprösslinge der mächtigsten Familien des Kaiserreichs in einem Taumel aus Lust und Machtspielen verlieren.
Miklós Jancsó – Meister der choreografierten Kamera
Kaum ein Regisseur des europäischen Nachkriegskinos hat einen derart unverwechselbaren visuellen Stil entwickelt wie Miklós Jancsó. Der gebürtige Ungar, der mit Werken wie „Die Runde" oder „Die roten Psalmen" internationales Renommee erlangte, verstand es wie kein Zweiter, große Menschengruppen in einem beinahe tänzerischen Fluss durchs Bild zu bewegen, begleitet von ausladenden, oft minutenlangen Plansequenzen. Diese Handschrift trägt auch „Die große Orgie" unverkennbar: Die Kamera gleitet, kreist und begleitet ihre Figuren mit einer Nonchalance, die den Blick des Zuschauers nie gewaltsam lenkt, sondern ihn einlädt, selbst innerhalb des Bildraums zu wandern. Jancsós Interesse an Macht, Ritual und der Inszenierung von Körpern im Raum findet hier eine besonders freizügige, ja geradezu befreite Ausdrucksform – der Film liest sich weniger als Skandalstück denn als konsequente Fortführung seines ästhetischen Programms, nur eben mit einer sinnlichen Offenheit, die seine politischen Arbeiten selten in dieser Deutlichkeit zeigten.
Die Darstellerriege zwischen Anmut und Provokation
Im Zentrum des Geschehens steht Lajos Balázsovits als Kronprinz Rudolf, der der Figur eine schwer fassbare Mischung aus jugendlichem Trotz, melancholischer Leere und spielerischer Grausamkeit verleiht. Balázsovits, der bereits in mehreren Jancsó-Filmen vor der Kamera stand, bringt eine physische Präsenz mit, die dem Film seine hypnotische Sogwirkung verleiht, ohne dabei je ins bloß Dekorative abzugleiten.
An seiner Seite entfaltet Pamela Villoresi als Stiefschwester Sofie eine Mischung aus kindlicher Verspieltheit und berechnender Raffinesse, die der italienischen Schauspielerin früh in ihrer Karriere internationale Aufmerksamkeit einbrachte. Franco Branciaroli, der junge Graf an ihrer Seite, ergänzt das Duo mit einer androgynen Leichtigkeit, die perfekt in Jancsós Bildwelt aus fließenden Körpern und aufgelösten Geschlechtergrenzen passt.
Besondere Erwähnung verdient Teresa Ann Savoy, die britische Schauspielerin, die zu jener Zeit bereits durch Tinto Brass' „Salon Kitty" für Aufsehen gesorgt hatte und mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus Zerbrechlichkeit und Selbstbewusstsein auch hier eine bleibende Spur hinterlässt. Laura Betti, eine der prägendsten Charakterdarstellerinnen des italienischen Autorenkinos jener Dekade – man denke an ihre Zusammenarbeit mit Pier Paolo Pasolini – bringt als Therese eine erdige, unverstellte Sinnlichkeit ein, die dem Film seine erdverbundenen Momente jenseits des höfischen Glamours verleiht. Der kroatische Schauspieler Ivica Pajer rundet das Ensemble mit einer Präsenz ab, die zwischen Verführung und stiller Beobachtung changiert und dem Figurenreigen eine zusätzliche Facette hinzufügt.
Bildsprache und Farbdramaturgie
Was „Die große Orgie" über seine bloße Handlung hinaus zu einem sinnlichen Erlebnis macht, ist die konsequente Farbdramaturgie, mit der Jancsó seine Bilder auflädt. Warme, honigfarbene Töne durchfluten die Gartenszenen, während Innenräume in gedämpftem, fast samtenem Licht liegen. Die Kamera verweilt nicht auf einzelnen Körpern im Sinne einer voyeuristischen Fixierung, sondern lässt Leiber, Landschaft und Licht zu einem einzigen, fließenden Organismus verschmelzen. Diese visuelle Opulenz, gepaart mit einer fast schwerelosen Spontaneität in der Inszenierung, macht deutlich, warum der Film bis heute als eines der ungewöhnlicheren Werke seiner Zeit gilt – ein Loblied auf Sinnlichkeit, das nie in reine Effekthascherei abgleitet, sondern stets von Jancsós formalem Gestaltungswillen getragen wird.
Restaurierung und technische Präsentation
Wicked Vision präsentiert „Die große Orgie" in einer aufwendigen Neurestaurierung, die dem Film seine ursprüngliche Farbtiefe und Bildschärfe zurückgibt. Gegenüber der einstigen deutschen Kinofassung fällt vor allem der Laufzeitgewinn von über sechzehn Minuten ins Auge – zusätzliches Material, das dem Rhythmus des Films noch mehr Raum zum Atmen gibt und einzelne Szenen in einer Vollständigkeit zeigt, die deutschen Zuschauern jahrzehntelang vorenthalten blieb. Bild und Ton wirken durchgehend stimmig und lassen die warme, fast gemäldehafte Ästhetik der Kameraarbeit in neuem Glanz erstrahlen.
Ausstattung und Bonusmaterial
Auch abseits des Hauptfilms lässt diese Veröffentlichung keine Wünsche offen und zeigt einmal mehr, mit welcher Sorgfalt Wicked Vision seine Mediabook-Reihen betreut. Das Wendecover mit dem Original-Artwork erlaubt es Sammlern, zwischen der klassischen Kinoplakat-Optik und einer alternativen Gestaltung zu wählen, ganz nach persönlichem Geschmack.
Das beiliegende zwanzigseitige Booklet widmet sich in einem Essay von Prof. Dr. Marcus Stiglegger dem historischen und filmhistorischen Kontext des Werks und ordnet Jancsós Film sowohl in das italienische Kino der siebziger Jahre als auch in die Debatten um Zensur und künstlerische Freiheit jener Ära ein – eine lohnende Lektüre für alle, die mehr über die Entstehungsgeschichte und die Rezeption des Films erfahren möchten.
Filmisch vertieft wird das Verständnis für Regisseur und Werk durch die Featurette, in der sich der Kritiker Michael Brooks ausführlich mit Miklós Jancsós Karriere und stilistischem Vermächtnis auseinandersetzt und dabei auch Bezüge zu dessen früheren, politisch aufgeladenen Arbeiten herstellt.
Einen besonders persönlichen Einblick gewährt das Interview „Die letzte Revolution" mit Giovanna Gagliardo, die nicht nur am Drehbuch mitwirkte, sondern Jancsó auch als Regieassistentin zur Seite stand. Ihre Erinnerungen an die Zusammenarbeit und an die Entstehung einzelner Szenen öffnen einen seltenen Blick hinter die Kulissen einer Produktion, die selbst für die freizügigen siebziger Jahre als gewagt galt.
Ebenso aufschlussreich ist das Gespräch „Ein Loblied auf die Leichtigkeit" mit Darstellerin Pamela Villoresi, die über ihre Rolle als Sofie, die Arbeit mit Jancsó und die besondere Atmosphäre am Set spricht – ein Interview, das die spielerische Unbeschwertheit, die den Film prägt, auch aus schauspielerischer Perspektive greifbar macht.
Abgerundet wird das Bonusmaterial durch den Original-Trailer, der einen kompakten Vorgeschmack auf die visuelle Opulenz des Films liefert.
Fazit
„Die große Orgie" ist weit mehr als ein Kuriosum des europäischen Erotikkinos der siebziger Jahre – es ist ein von Miklós Jancsó mit größter formaler Konsequenz inszeniertes Sinnesfest, das Macht, Begehren und höfische Verlogenheit in betörenden Bildern verhandelt. Die vorliegende Blu-ray-Veröffentlichung von Wicked Vision trägt diesem Rang mit einer hervorragenden Restaurierung, einer nahezu vollständigen Fassung und einem liebevoll zusammengestellten Bonusprogramm in jeder Hinsicht Rechnung. Für Sammler und Cineasten, die sich für das italienische Autorenkino jener Dekade abseits ausgetretener Pfade interessieren, ist dieser zwölfte Teil der „Ordinary Dreams 2"-Reihe eine uneingeschränkte Empfehlung.