Das finstere Tal – Der Alpenwestern von Andreas Prochaska auf Blu-ray (One Gate Media)
Mit „Das finstere Tal" hat der österreichische Regisseur Andreas Prochaska 2014 etwas geschafft, das dem deutschsprachigen Kino nur selten gelingt: einen genuinen Genrefilm, der sich mit den ganz Großen des internationalen Westerns messen kann und dabei doch zutiefst in der eigenen alpinen Heimat verwurzelt bleibt. One Gate Media bringt diesen mehrfach prämierten Meilenstein nun als Blu-ray in die Sammlungen der Genrefreunde.
Der Regisseur: Andreas Prochaska und der Weg zum Alpenwestern
Andreas Prochaska, geboren am 31. Dezember 1964 in Wien, kam über Umwege zur Regie. Nach einem abgebrochenen Studium der Publizistik und Theaterwissenschaften begann er als Toncutter und Assistent in verschiedenen Filmgewerken zu arbeiten. Prägend für seinen Werdegang war seine Zeit als Schnittassistent und später als Editor bei mehreren Filmen Michael Hanekes, darunter „Benny's Video", „Das Schloß", „Funny Games" und „Code: unbekannt" – eine Schule der filmischen Präzision, die sich in Prochaskas eigenem Werk deutlich niederschlägt. Sein Regiedebüt gab er 1998 mit der Kinderbuchverfilmung „Die 3 Posträuber", ehe er sich mit „In 3 Tagen bist du tot" 2006 dem Horrorgenre zuwandte und einen der erfolgreichsten österreichischen Kinofilme seiner Zeit ablieferte – bezeichnenderweise mit durchgehend österreichischem Dialekt, eine Entscheidung, die er auch bei „Das finstere Tal" beibehalten sollte.
Die Idee zum Alpenwestern entstand aus Prochaskas Vorliebe für Genrekino und seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Produzent Helmut Grasser. Für die Verfilmung von Thomas Willmanns Bestseller musste sich Prochaska gegen zahlreiche deutsche Mitbewerber durchsetzen; den Zuschlag erhielt er nach eigener Aussage vor allem, weil er der Erste war, der beim Autor anfragte, und weil dieser über ein Jahr Zeit hatte, sich von Prochaskas Hartnäckigkeit und seinen bisherigen Filmen zu überzeugen. Als stilistisches Vorbild für die Hauptfigur nannte Prochaska ausdrücklich Alain Delon in „Der eiskalte Engel" – eine Mischung aus Attraktivität und stiller Tiefe, die er in Sam Riley wiederfand.
Die Handlung: Rache im eingeschneiten Hochtal
Ende des 19. Jahrhunderts erreicht ein einsamer Reiter über einen versteckten Pfad ein kleines Dorf, das sich zwischen unwirklichen Alpengipfeln duckt. Niemand weiß, woher dieser Fremde kommt, der sich Greider nennt, und niemand will ihn hier haben. Erst eine Handvoll Goldmünzen hält die Söhne des despotischen Brenner-Bauern davon ab, ihn wieder fortzujagen. Als vorgeblicher Fotograf gibt sich Greider aus, während er bei der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi den Winter über Quartier bezieht. Luzi steht kurz vor ihrer Heirat mit ihrem Lukas, doch die Vorfreude weicht nackter Furcht – denn eine Hochzeit ist in diesem Dorf mit einer grausamen Tradition verknüpft, deren Verweigerung erbarmungslos bestraft wird.
Sobald der Schnee das Tal von der Außenwelt abschneidet und kaum noch ein Sonnenstrahl die engen Hänge erreicht, beginnt eine Serie mysteriöser Todesfälle unter den Brenner-Söhnen. Was zunächst wie tragisches Unglück wirkt, entpuppt sich zunehmend als kalkulierte Vergeltung: Greider hat mit der patriarchalisch beherrschten Sippschaft eine Rechnung aus lange vergangen geglaubten Zeiten zu begleichen. Prochaska und Co-Autor Martin Ambrosch haben dabei die Romanvorlage bewusst gestrafft und beschleunigt – im Buch ist Greider Kunstmaler statt Fotograf, und die Handlung erstreckt sich über viele Wochen behutsamer Annäherung, während der Film das archaische Rachedrama stärker auf den Punkt bringt und konsequent auf die eisige, klaustrophobische Enge des Tals zuspitzt.
Bildsprache: Western trifft Heimatfilm
Was „Das finstere Tal" so besonders macht, ist die Verschmelzung zweier scheinbar unvereinbarer Genretraditionen. Prochaska holt den ureigen amerikanischen Western nach Südtirol, wo der Film im eisigen Schnalstal gedreht wurde, und verbindet ihn mit den Motiven des alpenländischen Heimatdramas – Referenzen an Sergio Corbuccis Schneewestern „Leichen pflastern seinen Weg" sind dabei unübersehbar. Anders als bei Tarantinos postmodernen Genre-Pastiches bleibt Prochaska jedoch durchgehend dem filmischen Naturalismus verpflichtet, bis hin zum kompromisslosen Showdown auf der Almhütte. Kamera, Ausstattung und eine herausragende Soundgestaltung bringen die schroffe Bergwelt in beklemmender Unmittelbarkeit auf die Leinwand: Das Knarzen der Äste, das Einsinken der Schritte im Tiefschnee, der trockene Knall eines Schusses – all das baut eine Spannung auf, die weit über die reine Rachehandlung hinausreicht. Das Tempo ist bewusst getragen, fast so, als würde der schwere Schnee selbst den Gang der Ereignisse verlangsamen.
Die Besetzung
Für die Rolle des Greider durchforstete Prochaska nach eigener Aussage sehr lange internationale Agenturen, bis er bei Sam Riley fündig wurde. Der britische Schauspieler, geboren am 8. Januar 1980 in Leeds, hatte seinen Durchbruch 2007 mit der Hauptrolle als Ian-Curtis-Darsteller in Anton Corbijns Biopic „Control" gefeiert, für die er unter anderem mit dem British Independent Film Award ausgezeichnet wurde. Bevor er zum Film fand, war Riley selbst Frontmann der Band 10,000 Things gewesen – eine musikalische Vergangenheit, die seiner Verkörperung von Ian Curtis besondere Authentizität verlieh. Weitere Stationen seiner Karriere führten ihn unter anderem zu „Brighton Rock", „On the Road" und, im selben Jahr wie „Das finstere Tal", zu seiner Rolle als Diaval in Disneys „Maleficent". Riley lebt mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Alexandra Maria Lara, die er am Set von „Control" kennenlernte, in Berlin. Als Greider liefert er genau jene Mischung aus Anziehungskraft und undurchsichtiger Tiefe, die Prochaska vorschwebte, und erinnert dabei in seiner wortkargen, kantigen Präsenz nicht von ungefähr an klassische Western-Rächerfiguren.
Sein kongenialer Gegenspieler ist Tobias Moretti als Anführer des Brenner-Clans. Der 1959 in Tirol geborene Moretti, eigentlich Tobias Bloéb, zählt zu den profiliertesten Schauspielern des deutschsprachigen Raums und wurde einem breiten Publikum durch seine Rolle als Kriminalinspektor in der Fernsehserie „Kommissar Rex" bekannt. Nach seiner Schauspielausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule war er lange am Bayerischen Staatsschauspiel und an den Münchner Kammerspielen engagiert, ehe ihn Rollen wie der Wolf Pachler in „Krambambuli" oder später Adolf Hitler in Heinrich Breloers Dokudrama „Speer und Er" auch darstellerisch weit über das Fernsehpublikum hinaus bekannt machten. In „Das finstere Tal" verkörpert er den patriarchalen Brenner-Bauern mit einer bedrohlichen Autorität, die dem Film seinen zweiten großen darstellerischen Pol verleiht – eine Leistung, die ihm sowohl beim Bayerischen Filmpreis als auch beim Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller Anerkennung einbrachte.
Paula Beer, 1995 in Mainz geboren, spielt die junge Luzi und gehörte zum Entstehungszeitpunkt bereits zu den vielversprechendsten deutschen Nachwuchsschauspielerinnen – ihre Karriere hatte 2009 mit der Hauptrolle in Chris Kraus' „Poll" begonnen, für die sie mit gerade einmal sechzehn Jahren den Bayerischen Filmpreis erhielt. In „Das finstere Tal" verleiht sie der von Angst vor der bevorstehenden Hochzeit gezeichneten Bergbauerntochter eine berührende Zerbrechlichkeit, die im Kontrast zur Härte ihrer Umgebung steht. Nur zwei Jahre später sollte Beer mit François Ozons „Frantz" international durchstarten, ehe sie mit dem Silbernen Bären für Christian Petzolds „Undine" endgültig zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen ihrer Generation avancierte.
An ihrer Seite steht Thomas Schubert als Bergbauernsohn. Der 1993 in Wien geborene Schubert kam eher zufällig zur Schauspielerei, als er als Siebzehnjähriger einen Freund zum Casting für Karl Markovics' „Atmen" begleitete und selbst die Hauptrolle erhielt – ein Debüt, das ihm den Darstellerpreis des Sarajevo Film Festival sowie den Österreichischen Filmpreis einbrachte. „Das finstere Tal" gehörte zu seinen ersten großen Rollen nach diesem furiosen Einstand und bestätigte sein Talent für zurückgenommenes, intensives Spiel, das ihn später auch in Filmen wie Christian Petzolds „Roter Himmel" auszeichnen sollte.
Auszeichnungen und Anerkennung
Der Erfolg von „Das finstere Tal" bei Kritik und Fachjurys war beträchtlich. Beim Bayerischen Filmpreis 2013 wurde Andreas Prochaska für die beste Regie geehrt, während Tobias Moretti als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Beim Deutschen Filmpreis 2014 räumte der Film in praktisch allen wichtigen Kategorien ab, darunter auch als bester Film in Silber, während Prochaska selbst für die beste Regie nominiert war. Der Österreichische Filmpreis 2015 kürte „Das finstere Tal" zum besten Spielfilm und zeichnete abermals die Regie aus. Zudem wurde der Film als österreichischer Kandidat für den Auslands-Oscar ins Rennen geschickt – ein Beleg dafür, dass sich der deutschsprachige Film in diesem Fall gegen die verbreitete Skepsis gegenüber Genrekino durchsetzen konnte.
Bild, Ton und Aufmachung
One Gate Media legt „Das finstere Tal" als Blu-ray vor und wird damit der visuellen Wucht des Films gerecht, der maßgeblich von seiner winterlichen Kulisse lebt. Die karge, schneebedeckte Bergwelt Südtirols verlangt nach einer Bildqualität, die feine Kontraste zwischen gleißendem Schnee und tiefen Schatten sauber auflöst, ebenso wie nach einer Tongestaltung, die das naturalistische Sounddesign – jenes fein komponierte Zusammenspiel aus Knarzen, Knirschen und bedrückender Stille – in seiner vollen Wirkung entfaltet. Für Sammler, die diesen Ausnahmefilm des deutschsprachigen Genrekinos in hochwertiger Form im Regal stehen haben möchten, ist diese Veröffentlichung eine naheliegende Wahl.
Fazit
„Das finstere Tal" ist ein seltener Glücksfall: ein deutschsprachiger Genrefilm, der internationale Western-Konventionen souverän beherrscht und sie zugleich mit einer originär alpinen Erzähltradition verschmilzt. Andreas Prochaska gelingt mit archaischer Wucht und großem Gespür für Rhythmus ein packendes Rachedrama, das von einem herausragenden Ensemble getragen wird – Sam Riley als undurchsichtiger Rächer, Tobias Moretti als furchteinflößender Patriarch sowie Paula Beer und Thomas Schubert als Stimmen der jüngeren, gefangenen Generation. Die zahlreichen Auszeichnungen sind mehr als verdient, und die Blu-ray-Veröffentlichung von One Gate Media bringt diesen Ausnahmefilm in angemessener Qualität zurück ins Bewusstsein der Sammler.