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Mit „The Stendhal Syndrome“ liefert der italienische Horror- und Giallo-Altmeister Dario Argento einen seiner konzeptionell kühnsten und zugleich verstörendsten Filme ab. Nach seinem Ausflug in die USA mit „Aura – Trauma“ kehrte Argento 1996 nach Italien zurück und schuf mit diesem Psychothriller ein weiteres Kapitel seines makabren Oeuvres, das die Grenzen zwischen Kunst und Gewalt, Schönheit und Sadismus so konsequent verwischt wie kaum ein anderer seiner Filme. Im Zentrum steht ein reales psychisches Phänomen, das dem Film seinen Titel gibt: das Stendhal-Syndrom, jene tranceartige Schockstarre, die manche Menschen im Angesicht überwältigender Kunstwerke befällt. Die junge Polizistin Anna Manni leidet an dieser seltenen Störung, und ausgerechnet diese Schwäche macht sie zur perfekten Beute für einen sadistischen Serienmörder, dem sie auf den Fersen ist. Als der Killer von ihrer entblößenden Anfälligkeit erfährt, nutzt er sie gezielt aus, um Anna zu entführen – eine traumatische Begegnung, die tiefe Narben in ihrer Psyche hinterlässt und sie in einen zunehmend verstörenden Abstieg in den Wahnsinn treibt.


Dario Argento – der Meister des italienischen Horrorkinos


Dario Argento zählt zu den prägendsten Regisseuren des italienischen Genrekinos und hat mit Werken wie „Suspiria“ Filmgeschichte geschrieben, die bis heute als Referenzpunkte für den europäischen Horrorfilm gelten. Sein Stil zeichnet sich seit jeher durch eine ungewöhnliche Verbindung von ästhetischer Bildgewalt und schonungsloser Brutalität aus, durch die seine Filme stets auch als eigenständige visuelle Kunstwerke funktionieren, ganz gleich, wie grausam die dargestellten Ereignisse sind. Mit „The Stendhal Syndrome“ geht Argento noch einen Schritt weiter, indem er dieses Prinzip zum eigentlichen Thema des Films macht: Kunst wird hier nicht nur formal zelebriert, sondern inhaltlich zur Falle, zur Bedrohung und schließlich zur Metapher für den seelischen Zusammenbruch seiner Hauptfigur. Diese enge Verzahnung von Form und Inhalt macht den Film zu einem der konzeptionell durchdachtesten Beiträge in Argentos Filmografie und zeigt einen Regisseur, der auch nach Jahrzehnten im Geschäft bereit war, mit seinem eigenen Markenzeichen zu experimentieren.


Asia Argento und Thomas Kretschmann


Die Rolle der Anna Manni übernahm Asia Argento, die Tochter des Regisseurs, die bereits zu diesem Zeitpunkt als eine der interessantesten jungen Schauspielerinnen des italienischen Kinos galt. Ihre Darstellung der zunehmend traumatisierten Polizistin verlangt ein enormes emotionales Spektrum, das von professioneller Entschlossenheit über hilflose Verletzlichkeit bis hin zu kalter, fast entrückter Coolness reicht, je tiefer Anna in ihren psychischen Ausnahmezustand abgleitet. Gerade die Bereitschaft, sich körperlich wie emotional völlig auf diese fordernde Rolle einzulassen, macht ihre Leistung zu einem der Herzstücke des Films. An ihrer Seite steht Thomas Kretschmann, der dem sadistischen Killer eine eiskalte, fast unterkühlte Präzision verleiht, die den Film in seinen intensivsten Momenten zusätzlich verschärft. Kretschmann, der später auch international in zahlreichen Produktionen reüssieren sollte, zeigt hier bereits jene Fähigkeit, Bedrohlichkeit ohne übertriebenes Pathos zu erzeugen, die seine Karriere später prägen wird. Ergänzt wird das Ensemble durch Marco Leonardi und Luigi Diberti, die in weiteren wichtigen Rollen zum dichten, klaustrophobischen Grundton des Films beitragen.


Bildgewalt und Klanggewalt


Ein wesentlicher Teil der Wirkung von „The Stendhal Syndrome“ entsteht durch das Zusammenspiel von Ennio Morricones unverkennbarer Filmmusik und der brillanten Kameraführung von Giuseppe Rotunno, der zuvor bereits mit „Der Leopard“ Filmgeschichte mitgeschrieben hatte. Morricones Score verleiht dem Film eine emotionale Tiefe, die dem oft kühlen, distanzierten Bildstil Argentos ein fühlbares Gegengewicht entgegensetzt, während Rotunnos Kamera die Kunstwerke, die Anna in ihre Anfälle stürzen, mit einer Sinnlichkeit einfängt, die deren Sogwirkung für das Publikum unmittelbar erfahrbar macht. Diese audiovisuelle Verschmelzung von Schönheit und Bedrohung ist es letztlich, die den Film über seine ohnehin schon originelle Prämisse hinaus zu einem echten sinnlichen Erlebnis macht und ihn als eines der ambitioniertesten Werke im Giallo-nahen Spätwerk Argentos auszeichnet.


Das neue Mediabook von Plaion Pictures


Passend zur Bedeutung dieses Ausnahmefilms hat Plaion Pictures nun ein hochwertiges Mediabook aufgelegt, das „The Stendhal Syndrome“ sowohl auf 4K Disc als auch auf Blu-ray enthält und damit Fans die Wahl lässt, in welcher Qualitätsstufe sie sich dem Film nähern möchten. Die Bildrestaurierung kommt der komplexen visuellen Sprache des Films spürbar zugute, da gerade die kunstvoll komponierten Museumsszenen und die intensiven, oft überzeichneten Farbspiele der Anfälle von der gestiegenen Detailschärfe und dem erweiterten Kontrastumfang der 4K-Fassung erheblich profitieren. Abgerundet wird die Veröffentlichung durch ein umfangreiches Bonusprogramm, das dem Sammlerherz einiges zu bieten hat. Enthaltene Interviews gewähren vertiefte Einblicke in die Entstehung des Films und lassen Beteiligte selbst zu Wort kommen, während begleitende Featurettes zusätzliche Hintergrundinformationen zur Produktion, zur Inszenierung und zur thematischen Ausrichtung des Films liefern. Das beiliegende Booklet bietet darüber hinaus vertiefende Textbeiträge, die den Film in Argentos Gesamtwerk einordnen und seine besondere Stellung innerhalb des italienischen Genrekinos beleuchten. Eine Bildergalerie rundet das visuelle Angebot ab und erlaubt einen zusätzlichen Blick hinter die Kulissen, während der beiliegende Trailer einen nostalgischen Rückblick auf die damalige Vermarktung des Films ermöglicht. In der Summe ergibt sich damit ein Mediabook, das sowohl technisch als auch inhaltlich alle Ansprüche erfüllt, die man an eine liebevoll zusammengestellte Sammleredition stellen kann.


Fazit


„The Stendhal Syndrome“ ist ein außergewöhnlich mutiger, formal wie inhaltlich radikaler Film, der Kunst, Gewalt und Wahnsinn auf faszinierende Weise miteinander verschmilzt. Dario Argento beweist hier einmal mehr sein Gespür für verstörende, visuell überwältigende Inszenierungen, während Asia Argento und Thomas Kretschmann dem Film mit intensiven Darbietungen zusätzliches Gewicht verleihen. Das neue Mediabook von Plaion Pictures bietet mit seiner Kombination aus 4K-Bildqualität und umfangreichem Bonusmaterial die derzeit beste Gelegenheit, sich diesem einzigartigen Genrebeitrag in angemessener Form zu nähern.