Mit „Wonder Woman: Mord im Olymp" liefert Panini einen neuen Sammelband ab, der gleich zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen fesselnde Erzählstränge der laufenden Wonder-Woman-Reihe von Bestsellerautor Tom King bündelt. Enthalten sind die Ausgaben 20 bis 28 der 2023er-Serie, und schon der Titel verspricht eine Geschichte, die deutlich über klassisches Superheldenkino hinausgeht.
Den Auftakt bildet ein wahrhaft göttlicher Kriminalfall: Auf dem Olymp wurde ausgerechnet der Kriegsgott Ares ermordet, und die versammelte griechische Götterwelt steht vor einem Rätsel, das sie offenbar nicht aus eigener Kraft lösen kann. Diana, die als Amazonen-Prinzessin eine besondere Verbindung zu den Göttern pflegt, übernimmt die Ermittlungen – und holt sich dabei prominente Verstärkung in Person von Batman, dem wohl versiertesten Detektiv des DC-Universums. Diese Konstellation erweist sich als überraschend reizvoll: Während Wonder Woman ihre mythologische Vertrautheit mit der Götterwelt einbringt, sorgt Batmans nüchterner, methodischer Ermittlungsblick für einen interessanten Kontrast zur oft launenhaften, von Eitelkeiten geprägten Logik des Olymp. Tom King, der bereits mit seinen Arbeiten an „Batman" und „Supergirl: Die Frau von Morgen" sein Gespür für ungewöhnliche Erzählperspektiven unter Beweis gestellt hat, nutzt diese Götterkrimi-Konstellation geschickt, um sowohl klassische Detektivarbeit als auch mythologische Tiefe miteinander zu verweben.
Der zweite, deutlich ausgefallenere Erzählstrang führt die Geschichte in gänzlich andere Gefilde. Entgegen eines ausdrücklichen Verbots der Justice League begibt sich Wonder Woman auf eine zutiefst persönliche und gefährliche Mission zu einer von der Außenwelt abgeschotteten Insel, auf der Superhelden seit Jahrzehnten als unerwünscht gelten. Was Diana dort vorfindet, grenzt an absurdes Kuriositätenkabinett: Eine ganze Welt, unterworfen von dem schurkischen Mouse Man und seiner Armee monströser Riesenmäuse. Diese bewusst überzeichnete, fast schon märchenhaft-groteske Bedrohung mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, entfaltet im Kontext der Geschichte jedoch einen eigenwilligen Charme, der typisch für Kings Erzählstil ist – die Verbindung von ernsthafter emotionaler Tiefe mit bizarren, fast surrealen Elementen.
Zeichnerisch profitiert der Band von einem hochkarätigen Ensemble unterschiedlicher Künstler, deren jeweilige Stärken die verschiedenen Tonlagen der Geschichte exzellent unterstreichen. Guillem March, bekannt für seine Arbeiten an „Catwoman", bringt seine elegante, sinnliche Linienführung ein, die den göttlichen Figuren auf dem Olymp eine angemessene Erhabenheit verleiht. Daniel Sampere, der zuletzt mit „Dark Crisis" für Aufsehen sorgte, überzeugt mit dynamischen, actionreichen Kompositionen, während Jorge Fornés, der seine Sporen unter anderem bei „Batman" verdient hat, mit einer kantigeren, atmosphärisch dichteren Bildsprache punktet, die besonders den düsteren Mystery-Elementen des Götterkrimis zugutekommt. Der Wechsel zwischen diesen Stilen innerhalb des Bandes wirkt nie disharmonisch, sondern unterstreicht vielmehr die unterschiedlichen erzählerischen Register der beiden Haupthandlungsstränge.
Bemerkenswert ist zudem die Zugänglichkeit dieses Bandes für Neueinsteiger. Trotz der fortlaufenden Nummerierung der Originalausgaben gelingt es King, die zentralen Charakterkonflikte und mythologischen Hintergründe so aufzubereiten, dass auch Leser ohne tiefere Vorkenntnisse der laufenden Serie problemlos in die Geschichte hineinfinden. Dianas komplexe Beziehung zu ihrem Amazonen-Erbe, ihre Verbindung zur Götterwelt und ihre eigenständige Stellung innerhalb der Justice League werden organisch in die Handlung eingewoben, ohne dass es zu Verständnisproblemen kommt.
Insgesamt zeigt sich Tom King in „Mord im Olymp" einmal mehr als Autor, der bereit ist, mit den Erwartungen an klassisches Superheldenstorytelling zu spielen. Die Mischung aus mythologischem Kriminalfall und absurder Insel-Odyssee mag ungewöhnlich erscheinen, doch genau in dieser erzählerischen Risikobereitschaft liegt der besondere Reiz dieses Bandes. Unterstützt von einem exzellenten Zeichner-Ensemble entsteht so eine Wonder-Woman-Geschichte, die sowohl mythologische Wucht als auch eigenwilligen Humor und emotionale Tiefe miteinander verbindet.