Navy CIS: Tony & Ziva – Staffel 1
Rezension · Paramount Pictures · DVD · 10 Episoden
Es gibt Fernsehfiguren, die größer werden als die Serien, aus denen sie stammen. Anthony DiNozzo und Ziva David gehören zweifellos dazu. Über Jahre hinweg waren sie das emotionale Herzstück von Navy CIS, einem Ermittlerduo, dessen unausgesprochene, immer wieder aufgeschobene Liebesgeschichte das Publikum in atemloser Spannung hielt – und dessen letztlich getrennte Abschiede von der Serie bei den Fans tiefe Spuren hinterließen. Nun, mehr als ein Jahrzehnt später, kehren beide zurück: Michael Weatherly und Cote de Pablo nehmen ihre Kultrollen wieder auf – das erste Mal seit zwölf Jahren, dass die beiden gemeinsam auf dem Bildschirm zu sehen sind. Das Ergebnis ist ein Spin-off, das den Erwartungen seiner Fangemeinde auf überraschende Weise begegnet: nicht als Nostalgieprojekt, sondern als eigenständiges Agentendrama mit europäischer Kulisse und emotionalem Tiefgang.
Die Ausgangssituation ist denkbar ruhig – und gerade deshalb wirkungsvoll. Die Serie knüpft daran an, dass Ziva nach Paris gereist war, um sich mit Tony und der gemeinsamen Tochter Tali zu vereinen. Seitdem hat die Familie dort ein friedliches Leben aufgebaut: Tony leitet eine private Sicherheitsfirma, Ziva eine Sprachschule. Die Konstellation ist ehrlicher, als man es von einem Franchise dieses Kalibers erwarten könnte: keine schnelle romantische Auflösung alter Gefühle, sondern eine nachdenklich-reife Darstellung zweier Menschen, die sich finden mussten, ohne dabei ihre komplizierte Geschichte zu vergessen.
Doch die Idylle hält nicht lange. Als Tonys Sicherheitsagentur in großem Stil angegriffen wird, bricht das fragile Gleichgewicht des Pariser Familienlebens zusammen. Tony, Ziva und Tali müssen untertauchen und beginnen eine Flucht quer durch Europa, auf der sie gleichzeitig versuchen herauszufinden, wer hinter dem Angriff steckt, und weitere Gefahren von sich abzuwenden. Der Showrunner hat das Projekt treffend als unkonventionelle Liebesgeschichte bezeichnet – und trifft damit den Kern der Serie: Es geht weniger um klassische Kriminalermittlung als um das Vertrauen zweier Menschen, die einander in- und auswendig kennen und sich dennoch immer wieder missverstehen.
Im Mittelpunkt steht naturgemäß das Duo, das die Serie trägt und dem sie ihren Namen verdankt. Anthony DiNozzo war einst Senior Field Agent beim NCIS – witzig, charmant, filmbesessen und mit einem detektivischen Gespür ausgestattet, das er hinter hemdsärmeliger Lässigkeit zu verbergen pflegte. Im Spin-off ist dieser Charme noch immer präsent, aber gebrochen durch die Jahre, die Verantwortung als Vater und die Last einer Vergangenheit, die er nie ganz hinter sich lassen konnte. Weatherly spielt DiNozzo mit einer neuen Schicht Verletzlichkeit, ohne die Leichtigkeit zu verlieren, die die Figur über Staffeln hinweg so beliebt machte.
Cote de Pablo verleiht Ziva David einmal mehr jene Qualität, die die Figur zur vielleicht faszinierendsten des gesamten Navy-CIS-Universums macht: eine unbedingte emotionale Intensität, die durch äußere Kälte nur notdürftig verborgen wird. Die ehemalige Mossad-Agentin ist bekannt für ihren starken Willen, ihre Kampffähigkeiten und eine emotionale Tiefe, die sie selbst selten preisgibt – und genau diese Spannung zwischen Kontrolle und Gefühl, zwischen professioneller Kälte und mütterlicher Wärme, trägt die Serie durch ihre zehn Episoden.
Zu den schönsten Entscheidungen des Spin-offs gehört die Aufwertung der Tochter Tali zur eigenständigen Figur. Isla Gie spielt die frühreife Zwölfjährige mit bemerkenswerter Präsenz: ein Mädchen, das es satt hat, wie ein Kind behandelt zu werden, das mehr Intuition und Wachsamkeit besitzt, als die Erwachsenen um sie herum ihr zutrauen wollen. Gie gelingt dabei das Kunststück, die Figur weder zu verniedlichen noch zu überfrachten. Tali ist das lebendige Bindeglied zwischen zwei Menschen, die eigentlich noch nicht wissen, wie sie miteinander sein sollen – und bringt damit eine Dynamik ins Spiel, die weit über das übliche Familiendrama hinausgeht.
Das Ensemble wird durch zwei prägnante Nebenfiguren abgerundet. Amita Suman, bekannt aus Shadow and Bone, spielt Claudette, die Technik-Chefin in Tonys Sicherheitsfirma – unentbehrlich, kaltblütig effizient und mit einem Talent fürs Codeknacken ausgestattet, das selbst in der brenzligsten Situation nicht versagt. Maximilian Osinski, bekannt aus Ted Lasso, verkörpert den brillanten Computerhacker Boris, der ebenfalls seinen Beitrag zur europäischen Verfolgungsjagd leistet. Beide fügen sich organisch in das Gefüge ein und tragen dazu bei, dass die Serie über weite Strecken das Tempo eines Agententhrillers aufrechterhält, ohne die Figurenarbeit zu vernachlässigen.
Was die Serie von bloßer Nostalgie unterscheidet, ist ihr konsequent eingehaltenes thematisches Versprechen: Vertrauen als dramatisches Fundament. Zwei eingefleischte Geheimdienstler, deren Berufsidentität auf Kontrolle, Täuschung und Selbstschutz beruht, müssen lernen, einander bedingungslos zu vertrauen – ausgerechnet dann, wenn die Bedrohung am größten ist. Dass sowohl Weatherly als auch de Pablo als Executive Producer an der Produktion beteiligt waren und die Serie über mehrere Jahre mitentwickelt haben, ist spürbar: Die Figuren wirken nicht wie Wiedergänger einer vergangenen Serie, sondern wie Menschen, die Zeit gehabt haben, zu reifen und zu wachsen.
Paramount Pictures bringt die komplette erste Staffel nun als DVD-Box heraus und bietet damit die Möglichkeit, alle zehn Episoden in einem Zug zu erleben – was der seriellen Dramaturgie des Spin-offs sehr entgegenkommt, denn die einzelnen Folgen bauen aufeinander auf und entfalten ihre volle emotionale Wirkung erst im Zusammenhang. Das Produktionsumfeld einer Streaming-Plattform hat der Serie gut getan: Die Episoden sind dichter erzählt, atmosphärisch europäisch geprägt und frei von den proceduralen Zwängen der Mutterserie.
Navy CIS: Tony & Ziva ist kein Navy CIS mit neuen Vorzeichen. Es ist ein Agentendrama, das seine Stärken aus der Tiefe seiner Hauptfiguren schöpft, aus einer Liebesgeschichte, die noch lange nicht zu Ende erzählt ist, und aus der Erkenntnis, dass Vertrauen vielleicht die mutigste Entscheidung ist, die zwei Menschen mit einer solchen Vergangenheit treffen können.