Es gibt Filme, die das Kino einer vergangenen Ära so vollständig in sich tragen, dass man beim Zuschauen das Gefühl bekommt, durch eine Zeitkapsel zu blicken. Meine Schwester und ich aus dem Jahr 1929 ist so ein Film – eine verspielt-elegante Verwechslungskomödie aus der Frühphase des deutschen Tonfilms, die jetzt dank One Gate Media in der feinen Reihe „Classics" erstmals auf Blu-ray erscheint und damit endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr schon lange zusteht.
Die Geschichte klingt nach dem reinsten Boulevardtheater, was sie im besten Sinne auch ist: Eine Prinzessin aus einem kleinen, nicht namentlich genannten Fantasieland soll in einer arrangierten Hochzeit einen Ex-König heiraten – ein Schicksal, das sie mit dem ganzen Charme einer jungen Frau ablehnt, die ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen will. Kurzerhand entflieht sie dem höfischen Protokoll, taucht in der pulsierenden Anonymität der Großstadt unter und nimmt eine Stelle als Schuhverkäuferin an. Dort, im ganz und gar bürgerlichen Milieu zwischen Schuhkartons und Ladentisch, verliebt sie sich in einen gutaussehenden Ingenieur – einen Mann, der nichts von ihrer royalen Herkunft weiß und sie um ihrer selbst willen begehrt. Was folgt, ist das klassische Spiel aus Verkleidung, Identitätsverwischung, gesellschaftlichem Standesunterschied und der alles überwindenden Kraft der Zuneigung.
Was den Film auch nach fast einem Jahrhundert noch trägt, ist die ungebrochene Leichtigkeit seines Tonfalls. Regisseur Hanns Schwarz, der in den späten 1920ern zu den gefragtesten Unterhaltungshandwerkern der deutschen Filmindustrie gehörte, inszeniert die Geschichte mit einem sicheren Gespür für Rhythmus und komischen Timing. Die Situationskomik entfaltet sich nie grob oder aufdringlich, sondern mit jener federleichten Eleganz, die man dem deutschen Kino jener Jahre manchmal zu Unrecht abspricht. Gerade die Szenen im Schuhgeschäft besitzen eine schöne, fast beiläufige Wärme: Hier ist die Prinzessin nicht mehr Prinzessin, sondern einfach ein Mensch unter Menschen, und in dieser Verwandlung liegt die eigentliche Stärke des Drehbuchs.
Die Darstellerinnen und Darsteller agieren mit einer für das frühe Tonfilmkino erstaunlichen Natürlichkeit. Die Hauptrolle ist mit einer Präsenz besetzt, die weit über die damals übliche Theatralik hinausgeht – man glaubt der Figur sowohl die aristokratische Herkunft als auch die aufrichtige Sehnsucht nach einem ganz gewöhnlichen Leben. Die Chemie zwischen ihr und ihrem bürgerlichen Ingenieur funktioniert, weil beide Figuren mit echter Zuneigung füreinander gezeichnet sind, nicht bloß als Requisiten eines Verwechslungsschemas. Der dekorative Ex-König bleibt hingegen bewusst flach, ein Symbol des erstarrten Althergebrachten, das die Protagonistin hinter sich lassen will – und das ist auch gut so.
Dass der Film trotz allem Charme kein makelloses Kleinod ist, muss man ehrlich eingestehen. Die erzählerische Logik hängt an manchen Stellen am seidenen Faden der Konvention: Wie lange die Identität der Prinzessin verborgen bleiben kann, ist vor allem dem guten Willen des Drehbuchs zu verdanken, nicht der inneren Plausibilität der Handlung. Und die gesellschaftskritischen Implikationen – eine Prinzessin, die das Bürgerleben als Befreiung erlebt – werden eher angedeutet als wirklich ausgelotet. Doch wer das erwartet, nimmt diesen Film beim falschen Kragen: Meine Schwester und ich ist ein Unterhaltungsfilm, der seinen Zweck mit Anstand und Stil erfüllt.
Die Neuveröffentlichung durch One Gate Media verdient gesonderte Erwähnung. Das Unternehmen hat sich mit seiner „Classics"-Reihe einen Namen darin gemacht, vergessene oder schwer zugängliche deutschsprachige Filmschätze in würdiger Form zu bewahren und zu verbreiten – und diese Blu-ray setzt diesen Anspruch konsequent um. Das Bild zeigt sich in einer für das Quellmaterial bemerkenswerter Qualität: Die restaurierte Fassung wahrt den authentischen Charakter des Originals, ohne ihn in ein künstliches digitales Hochglanzgewand zu zwingen. Kontraste und Graustufen des Schwarzweißbildes kommen klar zur Geltung, Filmkorn bleibt organisch erhalten. Der Ton – für einen frühen Tonfilm naturgemäß eine Herausforderung – ist solide aufbereitet, Dialogverständlichkeit und Musikuntermalung fügen sich respektabel ins Gesamtbild. Bonusmaterial hält sich, wie in der Reihe üblich, im überschaubaren Rahmen, das Hauptaugenmerk liegt auf dem Film selbst – was bei einem Werk dieser Art die richtige Prioritätensetzung ist.
Für Liebhaber des klassischen deutschen Unterhaltungskinos, für alle, die dem frühen Tonfilm zugetan sind, und für Sammler der „Classics"-Reihe von One Gate Media ist diese Blu-ray schlicht ein Muss. Meine Schwester und ich mag kein vergessenes Meisterwerk sein, das die Filmgeschichte neu schreibt – aber er ist ein charmantes, herzliches Stück Kinogeschichte, das nun endlich in einem Format vorliegt, das ihm gerecht wird.