Nagasaki, 1964: Nach der Ermordung seines Vaters, des Anführers einer Yakuza-Bande, nimmt sich ein berühmter Kabuki-Schauspieler des 14-jährigen Kikuo an und zieht ihn gemeinsam mit seinem leiblichen Sohn Shunsuke in der traditionellen japanischen Theaterkunst groß. Mit dieser Ausgangskonstellation entfaltet der südkoreanisch-japanische Regisseur Lee Sang-il ("The Unforgiven", "Rage") in "Kokuho – Meister des Kabuki" ein gewaltiges, fünf Jahrzehnte umspannendes Künstlerepos, das in seiner Heimat zu einer regelrechten kulturellen Sensation wurde: Mit umgerechnet über 100 Millionen US-Dollar Einspielergebnis avancierte der Film zum erfolgreichsten japanischen Realfilm aller Zeiten und sorgte sogar dafür, dass die zuletzt etwas aus der Mode gekommenen Kabuki-Theater in Japan wieder regen Zulauf verzeichneten. Nun bringt OneGate Media das von der Kritik gefeierte und für den Auslands-Oscar in der Vorauswahl befindliche Drama, das zudem als erster japanischer Film überhaupt eine Oscar-Nominierung für bestes Make-up und Hairstyling erhielt, in einer ungekürzten Standardedition auf Blu-ray nach Deutschland.
Basis des Films ist der zweibändige, rund 800 Seiten starke Roman von Shuichi Yoshida, der bereits mit "Villain" und "Rage" literarische Vorlagen für Lee Sang-il lieferte und für die Recherche zu "Kokuho" mehrere Jahre als Bühnenhelfer hinter den Kulissen einer Kabuki-Truppe verbrachte – eine Hingabe an den Stoff, die sich in jeder Einstellung des Films widerspiegelt. Erzählt wird die fiktive Geschichte zweier außergewöhnlicher Künstler: Der vom Vater zur Waise gemachte Findling Kikuo und der leibliche Erbe einer großen Kabuki-Dynastie, Shunsuke, wachsen gemeinsam zu Onnagata heran – jenen männlichen Darstellern, die traditionell die oft lieblich-idealisierten Frauenrollen im Kabuki übernehmen. Obwohl Kikuo seinen Ziehbruder an Talent übertrifft und vom strengen Meister Hanjiro Hanai, kongenial verkörpert von Ken Watanabe, sogar bevorzugt wird, zählt in der Öffentlichkeit eines mehr: Im Kabuki sind Künstlernamen erblich, und nur der leibliche Sohn trägt das Gewicht einer jahrhundertealten Familientradition. Aus dieser Ungleichheit entwickelt der Film eine hochreaktive, zunehmend instabile Beziehung zwischen Freundschaft und Rivalität, die über Jahrzehnte hinweg immer wieder auf die Probe gestellt wird, bis am Ende nur einer von beiden den Ehrentitel "Kokuho" – Nationalschatz – erringen kann.
Was den Film besonders auszeichnet, ist die kluge erzählerische Verschränkung von Leben und Kunst: Die großen Kabuki-Klassiker, die Kikuo und Shunsuke im Laufe ihrer Karriere auf die Bühne bringen, fungieren immer wieder als Spiegel und Metapher für ihre eigene, zunehmend zerrüttete Beziehung, ohne dass der Film dabei plump erklärend würde. Stattdessen lässt Lee Sang-il sein Publikum die Parallelen selbst entdecken, fühlen und deuten. Kameramann Sofian El Fani, bekannt durch "Blau ist eine warme Farbe", fängt die Theateraufführungen in prachtvollen, ruhig geführten Totalen ein, die die räumliche Dimension der Bühne voll zur Geltung bringen, während er sich in den Close-ups eine Intimität erlaubt, die dem Medium Film vorbehalten bleibt. Diese visuelle Opulenz, gepaart mit dem zugleich zarten wie episch ausgreifenden Soundtrack von Hara Marihiko, macht "Kokuho" zu einem genuin sinnlichen Kinoerlebnis, das die brutale Präzision und Artistik des Kabuki auch jenen zugänglich macht, die mit dieser jahrhundertealten Theaterform bislang nicht vertraut waren.
Tragisch und ambivalent bleibt dabei vor allem die Hauptfigur Kikuo: Der Film zwingt sein Publikum nie zu einer eindeutigen Lesart, ob es sich bei ihm um einen bewundernswert hingebungsvollen Künstler oder einen Menschen handelt, der für seinen Ehrgeiz alles und jeden um sich herum opfert. Diese erzählerische Offenheit erlaubt es, immer wieder sanft zwischen beiden Perspektiven zu changieren, und macht gerade die Schauspielleistung von Ryo Yoshizawa in der Hauptrolle so eindrücklich. Ryusei Yokohama als Shunsuke steht ihm dabei als ebenbürtiger Partner zur Seite, dessen tief empfundene Zuneigung zu Kikuo trotz aller Eifersucht und allem Verrat stets spürbar bleibt – eine fast schon tragische platonische Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die ihr Leben lang im Schatten des jeweils anderen stehen. Erkauft wird diese Intensität allerdings mit gewissen erzählerischen Kompromissen: Mehrfach wird angemerkt, dass die weiblichen Figuren im Umfeld der beiden Protagonisten dramaturgisch eher knapp bedacht werden, was sich allerdings auch als bewusste inhaltliche Spiegelung des rücksichtslosen Ehrgeizes der beiden Männer und der patriarchalen Strukturen des historischen Japan lesen lässt.
Bei einer Laufzeit von fast drei Stunden nimmt sich der Film viel Zeit, um seine über fünf Jahrzehnte verteilte Geschichte zu entfalten, was ihm streckenweise eine gewisse episodische Kleinteiligkeit verleiht – die Handlung wird in mehrere klar abgegrenzte Kapitel unterteilt, zwischen denen mitunter etliche Jahre liegen. Diese Form des filmischen Bildungsromans, der von der Schauspielschule bis auf die größten Bühnen Japans führt, mag im Kernkonflikt um Ruhm, Ehre und den Preis künstlerischer Größe nicht völlig neue Wege beschreiten, doch die schiere erzählerische und visuelle Wucht, mit der Lee Sang-il diese altbekannten Themen inszeniert, sorgt dafür, dass die Laufzeit nie als Belastung empfunden wird. Im Gegenteil: Mehrere Stimmen aus der internationalen Kritik bescheinigen dem Film sogar, dass eine noch längere Fassung der Geschichte gutgetan hätte – tatsächlich soll ein früher Schnitt sogar die Vier-Stunden-Marke geknackt haben.
Die deutsche Blu-ray-Veröffentlichung von OneGate Media bringt den Film in seiner ungekürzten 174-minütigen Fassung als Original mit Untertiteln in einer schlichten Standardedition heraus. Wer sich auf das gemächliche, aber nie langatmige Erzähltempo und die opulente Bildsprache dieses Ausnahmewerks einlässt, wird mit einem der eindrucksvollsten internationalen Filmerlebnisse der jüngeren Vergangenheit belohnt – einem Werk, das die jahrhundertealte Tradition des Kabuki nicht nur dokumentiert, sondern auf der Leinwand regelrecht zum Leben erweckt.