Vier Jahrzehnte lang hat sich das Genre der Fußballspiele auf zwei klar abgesteckte Bereiche beschränkt: das, was auf dem Rasen passiert, und das, was Manager hinter den Kulissen von Transfers und Taktiktafeln entscheiden. Mit "Copa City" wagt sich das Warschauer Studio Triple Espresso nun an eine dritte, bislang völlig unbeackerte Ebene des Fußballs – und liefert damit eines der originellsten Konzepte, die das Genre seit Langem gesehen hat. Statt Spieler zu verpflichten oder Aufstellungen zu tüfteln, übernimmt man hier die gesamte logistische Operation rund um einen Spieltag: Sicherheitskonzepte, Fanzonen, Verkehrsplanung, Infrastruktur und die schiere Choreografie, Zehntausende Zuschauer sicher durch eine Stadt und ins Stadion zu bringen. Es ist eine Frage, die naheliegend wirkt, sobald man sie einmal gestellt bekommt, und genau diese Frische macht "Copa City" von der ersten Minute an zu etwas Besonderem.
Das Herzstück des Spiels bildet die Vorbereitung einer Stadt auf ein Großereignis des Fußballs, und so simpel diese Zielsetzung klingt, so vielschichtig gestaltet sich die Umsetzung. Man wird von einem Team aus Beratern für Marketing, Finanzen und Sicherheit begleitet und arbeitet sich über sogenannte Match-Readiness-Stufen voran, die durch das Erfüllen von Aufgaben und die Zufriedenheit der Fans freigeschaltet werden. Mit jeder bestandenen Stufe gibt es mehr Budget, neue Module und Bonuskarten – ein Fortschrittssystem, das angenehm greifbar bleibt und stets neue Anreize zum Weiterspielen liefert. Drei Ressourcen – Geld, Spezialisten und Freiwillige – sowie drei unterschiedliche Fangruppen, von hartgesottenen Ultras bis zu Familien, wollen dabei gleichzeitig austariert werden, was dem Spiel eine bemerkenswerte taktische Tiefe verleiht. Wie man Fanzonen plant, Stadionbereiche zuteilt oder dafür sorgt, dass Ultras nicht versehentlich im Familienblock landen, zeigt eindrucksvoll, wie viel Sorgfalt die Entwickler in die Simulation steckten.
Ein echtes Highlight ist die Verwendung realer Städte als Schauplätze. Berlin, Warschau und Rio de Janeiro sind weit mehr als hübsche Kulissen – jede Stadt bringt eigene Stadtviertel, ein eigenes Verkehrsnetz und eigene kulturelle Besonderheiten mit, die das jeweilige Szenario spürbar prägen. Berlins ausgedehntes Nahverkehrsnetz eröffnet andere strategische Möglichkeiten als Rios geografische Eigenheiten oder Warschaus logistische Herausforderungen, und das Studio hat hier hörbar mit Sachverstand gearbeitet: Mitgründer Dominik Ebebenge verbrachte fast ein Jahrzehnt bei Legia Warschau, zuletzt als Head of Sport, während CEO Jakub Szumielewicz dem Verein als Vize-Geschäftsführer vorstand. Dieses Insiderwissen merkt man dem Spiel in jedem Detail an. Hinzu kommen sechs lizenzierte Vereine – darunter Borussia Dortmund, der FC Bayern München, Arsenal FC, CR Flamengo, Beşiktaş JK und Olympique Marseille –, die jeweils mit eigener Vereinsphilosophie und authentischer Fankultur aufwarten und jedem Szenario eine ganz eigene Note verleihen. Wenn an einem Spieltag schließlich die Fanzonen erstrahlen, Gesänge durch die Straßen ziehen und die Ultras ihre Choreografien zünden, entsteht ein Gefühl von echter Fußballatmosphäre, das laut mehrerer Stimmen aus der Fachpresse näher an das emotionale Erlebnis eines echten Fans herankommt als so manches klassische Fußballspiel.
Auch strukturell hebt sich "Copa City" wohltuend von gewöhnlichen Aufbauspielen ab: Statt gemächlicher, methodischer Expansion arbeitet man hier stets gegen die tickende Uhr des bevorstehenden Spieltags. Diese permanente Dringlichkeit, ständig neue Probleme zu lösen und Fristen einzuhalten, verleiht dem Spiel einen eigenständigen Rhythmus, der selten Langeweile aufkommen lässt. Optisch wird dieser Eindruck untermauert: Die einzelnen Menübildschirme wirken edel gestaltet, und die liebevolle Darstellung der Städte mit ihrer jeweils eigenen Atmosphäre zeugt von echter gestalterischer Sorgfalt.
Natürlich ist ein derart komplexes System nicht ganz frei von Anlaufschwierigkeiten – die Informationsflut der ersten Spielstunde verlangt etwas Geduld, bis sich die ineinandergreifenden Systeme erschließen. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem Spielprinzip belohnt, das sich mit fortschreitender Spielzeit zunehmend öffnet und immer mehr strategischen Spielraum gewährt. Genau hier liegt die größte Stärke von "Copa City": Es traut sich, komplex zu sein, statt jede Ecke zu glätten, und belohnt diejenigen, die bereit sind, sich auf seine Systeme einzulassen.
Mit seinem völlig neuartigen Konzept, der hörbar von echter Fußball-Insiderexpertise getragenen Gestaltung und der mitreißenden Atmosphäre an Spieltagen ist "Copa City" eine der originellsten Sportspiel-Veröffentlichungen der letzten Jahre. Wer sich jemals gefragt hat, was eigentlich alles passieren muss, damit ein Fußballspiel überhaupt stattfinden kann, bekommt hier eine Antwort, die ebenso lehrreich wie unterhaltsam ist – und ein Genre, dem bislang schlicht niemand diese Seite des Sports zugetraut hat, gewinnt mit einem Schlag eine ganz neue Facette.