Lustiges Taschenbuch Extra Nr. 9 – Anstoß!
Egmont Ehapa, 2026 | ca. 256 Seiten | ab 2. Juni 2026
Das Lustiges Taschenbuch hat über Jahrzehnte hinweg bewiesen, dass die Entenhausener Gesellschaft so gut wie jeden Lebensbereiche zu bespielen vermag – von Weltraumabenteuern bis zu Kochduellen, von Schatzsuchen bis zu Musikkarrieren. Pünktlich zur heißen Phase des Fußballsommers 2026 legt Egmont Ehapa mit dem neunten Band der Extra-Reihe eine thematisch konzentrierte Anthologie vor, die dem runden Leder in all seinen Facetten huldigt. Anstoß! heißt das Heft programmatisch – und es macht von Beginn an klar, dass hier nicht nur ein gelegentlicher Blick aufs Spielfeld geworfen wird, sondern die komplette Fußballwelt von Entenhausen, von der Kreisliga bis zum Endspiel, ausgiebig durchleuchtet wird.
Was eine solche thematische Sonderausgabe von einem gewöhnlichen LTB unterscheidet, ist die Kohärenz des Gesamteindrucks. Wer das Heft aufschlägt, taucht ein in eine Entenhausener Fußballkultur, die zwar erkennbar karikaturesken Charakter hat, aber erstaunlich viele reale Mechanismen des Sports – Vereinspolitik, Trainingsphilosophie, Fanrivalität, die nervenzehrende Logik der letzten Spielminuten – mit warmherziger Treffsicherheit imitiert. Die Geschichten ergänzen sich gegenseitig: Wer Donald gerade als hitzköpfigen Platzwart erlebt hat, der die Rasenpflege mit militärischer Akribie betreibt und dabei den laufenden Spielbetrieb gehörig stört, freut sich um so mehr, wenn er wenig später als Torwart auf dem Feld steht und der Ball ihn mit einer Eigengesetzlichkeit verfolgt, die nur im Universum von Carl Barks und seinen Nachfolgern logisch erscheint.
Donald Duck ist wie gewohnt die tragende Figur des Bandes. Seine Beziehung zum Fußball ist die denkbar komplizierteste: Er liebt das Spiel, aber das Spiel liebt ihn selten zurück, zumindest nicht auf die Weise, die er sich erhofft. Als Platzwart entwickelt er ein nahezu obsessives Verhältnis zum Rasen, das komödiantisches Potenzial in einer Weise entfaltet, die an die besten Slapstick-Traditionen des Disney-Kosmos erinnert. Als Coach versucht er, seinen Spielern taktische Weisheiten zu vermitteln, die er selbst nur halb versteht – mit Ergebnissen, die regelmäßig zwischen Chaos und Triumph pendeln. Besonders gelungen ist seine Rolle als Torwart: Hier spielt das Heft konsequent mit dem klassischen Donald-Prinzip, wonach seine besten Leistungen genau dann entstehen, wenn er gar nicht weiß, was er tut, und seine schlechtesten genau dann, wenn er es am dringendsten versucht.
Micky Maus tritt in diesem Band als ein ruhender Pol auf, der den hektischen Donald immer wieder erdet. Dabei wird er nicht zu einem bloßen Kommentatorfigur degradiert, sondern erhält in mindestens einer Geschichte einen eigenständigen handlungstragenden Auftritt, der seinen ganz eigenen Fußballstil zeigt: bedächtig, strategisch, mit jenem leichten Lächeln, das Micky selbst in brenzligen Situationen nicht zu verlieren scheint. Goofy wiederum ist die wilde Karte des Bandes. Seine physische Komik – das Stolpern, das Verfehlen, das unerwartete Treffen – ist auf dem Fußballfeld gewissermaßen zu Hause, und die Autoren nutzen dieses Potenzial mit sichtlicher Freude. Wenn Goofy in einem Spiel entscheidet, dann auf eine Weise, die das Regelwerk herausfordert, die Physik zumindest strapaziert und das Publikum im Stadion wie vor dem Heft gleichermaßen ratlos und entzückt zurücklässt.
Die vielleicht interessanteste Charakterstudie des Bandes liefert Dagobert Duck. Der reichste Mann der Welt als Fußballenthusiast – das klingt zunächst nach einem reinen Joke-Setup, aber die Geschichten, in denen Dagobert auftaucht, arbeiten mit einer feinen inneren Logik. Ja, er ist zunächst an Toren deshalb interessiert, weil Siege wirtschaftliche Vorteile bringen, Sponsorenverträge, Merchandising, Stadionwert. Aber die guten Fußballgeschichten des LTB-Kosmos lassen Dagobert immer ein wenig weiter gehen als geplant – und so kommt es, dass sein Herz, wie der Klapptext verspricht, tatsächlich auch für Tore zu schlagen beginnt, nicht nur für Taler. Diese kleinen Charaktermomente, in denen die berechnende Fassade bricht und echter Sportgeist zum Vorschein kommt, gehören zu den literarisch befriedigendsten des Bandes.
Erzählerisch setzt das Heft auf Abwechslung im Tempo. Kurze, pointierte Strips wechseln mit längeren Geschichten, die Raum für Dramatik lassen. Die Finalspiele, die sich durch mehrere Geschichten ziehen, bedienen das klassische Spannungsschema des Sports: früher Rückstand, dramatische Aufholjagd, unvermeidlicher Last-Minute-Moment, der entweder in Triumph oder in jener bittersüßen Niederlage endet, die im LTB-Universum nie wirklich tragisch ist, weil beim Umblättern schon die nächste Chance wartet. Diese Rhythmisierung funktioniert gut; das Heft wirkt nie wie ein beliebiges Konglomerat, sondern wie ein sorgfältig zusammengestelltes Programm.
Die Zeichenqualität entspricht dem hohen Standard, den die Extra-Reihe etabliert hat. Die Stadionpanoramen sind detailreich, ohne überladen zu wirken, die Bewegungssequenzen auf dem Spielfeld sind dynamisch gezeichnet und mit jener expressiven Übertreibung versehen, die Entenhauser Sportereignisse von banaler Sportfotografie unterscheidet. Donalds Gesichtsausdruck beim Gegentor ist ein kleines Meisterwerk des Komikzeichnens.
Als Kritikpunkt sei vermerkt, dass ein oder zwei Geschichten das Fußballthema eher als Kulisse denn als inhaltlichen Kern nutzen – die Handlung hätte sich mit minimalem Aufwand auch in anderen sportlichen Kontexten erzählen lassen, und das merkt man. Das ist kein schwerwiegender Mangel, aber gerade weil die stärksten Beiträge so überzeugend zeigen, wie tief Fußball als Thema in die Erzähllogik integriert werden kann, fallen die dünneren Stücke auf.
Insgesamt aber ist LTB Extra Nr. 9 – Anstoß! genau das, was man sich von einer thematischen Sonderausgabe erhofft: eine dichte, gut gelaunte, handwerklich solide Anthologie, die das Sujet ernst nimmt, ohne je den Spaß aus den Augen zu verlieren. Für Fans des Lustigen Taschenbuchs, die den Fußballsommer mit einem augenzwinkernden Blick nach Entenhausen beginnen möchten, ist das Heft eine klare Empfehlung.