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Es gibt Momente in der Karriere eines Filmemachers, in denen er sich selbst widerspricht — und dabei etwas Besseres erschafft, als er je beabsichtigt hatte. Quentin Tarantino hatte mit "Pulp Fiction" und "Reservoir Dogs" zwei der lautesten, adrenalingeschwängersten Filme der Neunziger abgeliefert. Mit "Jackie Brown" aus dem Jahr 1997 tat er das Gegenteil: Er drosselte das Tempo, senkte die Stimme und lieferte ein leises, elegantes, zutiefst menschliches Meisterwerk ab, das bis heute zu Unrecht im Schatten seiner lärmenderen Geschwister steht. Die neue 4K-Edition von Arthaus gibt dem Film die Bühne zurück, die er verdient.


Die Geschichte


Mit "Jackie Brown" liefert Quentin Tarantino eine stilvolle Hommage an die Blaxploitation-Ära der 1970er Jahre — elegant, cool und mit gewohnt pointierten Dialogen. Die titelgebende Stewardess Jackie Brown schmuggelt heimlich Geld für den Waffenschieber Ordell Robbie über die Grenze. Als sie von der Polizei geschnappt wird, gerät sie zwischen die Fronten: Entweder sie packt aus und verrät Ordell an die Behörden, oder sie landet im Gefängnis. Doch Jackie plant ein doppeltes Spiel, bei dem sie beide Seiten gleichzeitig austricksen will. Was nach einem klassischen Noir-Thriller klingt, entfaltet sich bei Tarantino zu einem ruhigen, fast meditativen Film über Würde, Selbstbestimmung und die Frage, was ein Mensch braucht, um sich in einer Welt zu behaupten, die ihn längst abgeschrieben hat.


Die Vorlage ist der Roman "Rum Punch" von Elmore Leonard, einem Meister der lakonischen amerikanischen Kriminalliteratur. Tarantino, der Leonard vergötterte, bleibt dem Geist der Vorlage ungewöhnlich treu — ungewöhnlich für einen Regisseur, der sonst alles durch sein eigenes Universum filtert. Das Ergebnis ist sein literarischster, geduldigster und in gewisser Weise erwachsenster Film.


Der Regisseur — Quentin Tarantino


Tarantino kam mit "Jackie Brown" in einer Phase seiner Karriere, in der er alles hätte machen können. "Pulp Fiction" hatte ihm 1994 die Goldene Palme in Cannes und weltweite Berühmtheit eingebracht. Das Erwartungsmanagement war entsprechend riesig, und Tarantino tat das Klügste, was er tun konnte: Er enttäuschte alle Erwartungen absichtlich. Kein nonlineares Erzählen, keine exzessiven Gewaltausbrüche, keine coolen Gangster mit Aktenkoffern. Stattdessen ein Film, der Zeit lässt, der seinen Figuren beim Denken und Schweigen zusieht, der Stimmungen aufbaut, anstatt sie zu zertrümmern.


Tarantinos Liebe zur Blaxploitation, jenem kostengünstig produzierten amerikanischen Genrekino der frühen Siebziger mit seinen schwarzen Heldinnen und Helden, Soulmusik und subversiver Energie, ist in "Jackie Brown" keine distanzierte Referenz, sondern echte Zuneigung. Er zitiert nicht, er umarmt. Die gesamte Ästhetik des Films — die Farbpalette, die Kostüme, der Soundtrack mit Bobby Womack, The Delfonics und Bill Withers — atmet diese Ära, ohne sie zu musealisieren. Die Musik ist dabei kein Stilmittel, sondern Seele des Films. Wenn The Delfonics' "Didn't I (Blow Your Mind This Time)" zum ersten Mal erklingt, versteht man sofort, worum es Tarantino wirklich geht: um Gefühl.


Handwerklich zeigt sich hier ein Regisseur, der gelernt hat, mit Geduld zu arbeiten. Tarantino gibt seinen Figuren Raum, nimmt sich Zeit für scheinbar irrelevante Momente, lässt Szenen länger laufen, als es die Konvention erlaubt. Die berühmte Einkaufszentrumsequenz, in der dasselbe Ereignis dreimal aus verschiedenen Perspektiven gezeigt wird, ist kein Selbstzweck, sondern ein präzises Werkzeug: Sie erzeugt Spannung nicht durch Tempo, sondern durch Information und Perspektivwechsel.


Die Darsteller


Pam Grier in der Titelrolle ist schlicht eine der großartigsten Schauspielleistungen, die das amerikanische Kino der Neunziger hervorgebracht hat. Grier, die in den Siebzigern mit Filmen wie "Foxy Brown" und "Coffy" zur Ikone der Blaxploitation geworden war, hatte danach eine wechselhafte Karriere hinter sich. Tarantino, der sie als eine der bedeutendsten Schauspielerinnen der Filmgeschichte verehrte, schrieb die Rolle eigens für sie — eine seltene Form der Huldigung, die sich auf der Leinwand in jeder Einstellung auszahlt.


Jackie Brown ist keine Superheldin, keine Femme Fatale im klassischen Sinne. Sie ist eine Frau Mitte vierzig, die zu wenig verdient, zu alt ist für die Stelle, die sie hat, und zu klug, um sich damit abzufinden. Grier spielt diese Zerrissenheit zwischen Erschöpfung und Entschlossenheit mit einer Natürlichkeit, die das Herz bricht und gleichzeitig aufrichtet. Wenn Jackie lächelt, glaubt man ihr. Wenn Jackie lügt, glaubt man ihr auch.


Samuel L. Jackson als Waffenschieber Ordell Robbie ist die Kehrseite dieser Medaille — ein Mann von schillernder Oberfläche und eiskaltem Kern. Jackson, der in "Pulp Fiction" als Jules Winnfield eine seiner berühmtesten Rollen gespielt hatte, findet in Ordell eine völlig andere Energie: berechnendes Charisma, das jederzeit in Brutalität umschlagen kann. Es ist eine Leistung von erschreckender Präzision.


Robert De Niro als Louis Gault, Ordells träger, daubekiffter Kumpan, ist eine Offenbarung der anderen Art. De Niro, zu diesem Zeitpunkt bereits eine lebende Legende, spielt hier jemanden, der im Grunde gar nicht mehr spielt — einen Mann, der so sehr aus der Zeit gefallen ist, dass er kaum noch Sätze zu Ende bringt. Es ist komisch und traurig zugleich, und De Niro macht daraus eine seiner unterschätztesten Leistungen überhaupt.


Robert Forster als Kautionsmakler Max Cherry verdient eine eigene Erwähnung. Forsters Karriere war in den Jahren vor "Jackie Brown" nahezu zum Erliegen gekommen, und Tarantino holte ihn zurück — ähnlich wie er es mit Grier tat. Max Cherry ist ein stiller, würdevoller Mann, der sich unversehens in Jackie verliebt, ohne dass der Film daraus ein großes Drama macht. Die Zurückhaltung, mit der Forster diese Zuneigung spielt, gehört zu den bewegendsten Momenten des Films. Für seine Darstellung erhielt er eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller — eine verdiente Anerkennung für eine Leistung, die gerade dadurch überwältigt, dass sie nie überwältigen will.


Bridget Fonda als Melanie, Ordells sonnenbeschienene, gelangweilte Freundin, rundet das Ensemble mit trockenem Humor ab. Und Michael Keaton als DEA-Agent Ray Nicolet bringt eine professionelle Kühle mit, die gut gegen Jackies hintergründige Wärme funktioniert.


Kamera, Musik und Inszenierung


Kameramann Guillermo Navarro taucht den Film in warme, satte Farben, die die Siebziger-Ästhetik evozieren, ohne sie zu imitieren. Die Bilder haben eine Schwere und Ruhe, die zum Grundton des Films passen. Es gibt keine spektakulären Kamerafahrten, keine auftrumpfenden Einstellungen — und das ist eine bewusste Entscheidung, die dem Film enorm gut tut. "Jackie Brown" vertraut darauf, dass die Figuren interessant genug sind, um sie einfach anzusehen.


Der Soundtrack ist, wie bei Tarantino immer, kuratorisches Können auf höchstem Niveau. Bobby Womacks "Across 110th Street" als Eröffnungslied setzt den Ton mit traumwandlerischer Treffsicherheit: ein Song über das Überleben in einer harten Welt, gespielt über das Bild einer Frau, die durch einen Flughafengang schreitet und dabei aussieht, als hätte sie schon alles gesehen und sich entschieden, trotzdem weiterzumachen.


Die 4K-Veröffentlichung von Arthaus


Die 4K-Restaurierung von Arthaus behandelt "Jackie Brown" mit dem Respekt, den er verdient. Guillermo Navarros warme Farbpalette entfaltet sich in dieser Auflösung mit einer Sattheit und Tiefe, die ältere Heimkinofassungen nicht annähernd erreichten. Hauttöne, Schattierungen in den Innenräumen, die Lichtspiele der kalifornischen Sonne — all das gewinnt an Präsenz und Glaubwürdigkeit. Der Film sieht aus wie ein Film, nicht wie eine Fernsehaufzeichnung, und das ist keineswegs selbstverständlich für eine Produktion dieser Entstehungszeit.


Das Bonusmaterial ist kompakt, aber stimmig. Interviews mit Beteiligten geben Einblick in die Entstehung des Films und in Tarantinos Umgang mit seiner Vorlage und seinen Darstellern. Das "Chicks with Guns"-Video fügt sich als zeitgenössisches Dokument in den Kosmos des Films ein. Der Trailer schließlich erinnert daran, wie damals für ein Werk dieser Art geworben wurde — und wie sehr "Jackie Brown" die Erwartungen seiner Zeit unterlief.


Ein Film, der mit der Zeit wächst


"Jackie Brown" ist bei seiner Veröffentlichung 1997 von manchen Kritikern als Schritt zurück gesehen worden — zu ruhig, zu lang, zu wenig Tarantino. Das genaue Gegenteil ist wahr. Es ist der Film, in dem Tarantino am meisten auf seine Figuren vertraut, am wenigsten auf Effekte, am tiefsten in echte menschliche Erfahrung vordringt. Jackie Brown ist kein cooler Mythos, kein stilisiertes Konstrukt. Sie ist eine Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Und Pam Grier macht sie unsterblich.


Die 4K-Edition von Arthaus gibt diesem unterschätzten Meisterwerk endlich das Heimkinoformat, das seiner Qualität gerecht wird — als Wiederentdeckung für alle, die ihn damals übersehen haben, und als Neuentdeckung für alle, die glauben, ihn bereits zu kennen.