Eine Wand. Endlos. Voller Geheimnisse, Ressourcen und Horrorkreaturen. Und mittendrin: du, in einer mechanischen Roboterspinne, bewaffnet mit Bohrern und Waffensystemen, bereit tiefer zu graben als je zuvor. Wall World 2 von Entwickler Alawar ist der Nachfolger des gleichnamigen Indie-Roguelites aus dem Jahr 2023, und er macht in nahezu jeder Hinsicht mehr aus dem, was den ersten Teil bereits so charmant und süchtigmachend gemacht hat.
Ursprünglich im November 2025 für den PC erschienen, ist Wall World 2 seit Ende Mai 2026 auch für die PS5 erhältlich – und das für faire 13,99 Euro. Aber lohnt sich der Kauf auf Sonys Konsole? Die kurze Antwort: Ja, definitiv. Die lange Antwort folgt auf den nächsten Zeilen.
Das Konzept: Klettern, Graben, Kämpfen, Überleben
Wer noch nie Wall World gespielt hat, dem sei das Grundprinzip schnell erklärt: Die Spielwelt ist eine gigantische, vertikal ausgerichtete Wand, die sich in unbekannte Tiefen und Höhen erstreckt. Man steuert eine sogenannte Roboterspinne – einen mechanisierten Spinnenpanzer – und klettert an dieser Wand entlang. Von der Oberfläche aus taucht man in prozedural generierte Minen ab, sammelt Ressourcen, findet vergessene Technologien und Artefakte, kämpft gegen Feinde und kehrt dann rechtzeitig zurück, bevor feindliche Kreaturen die Roboterspinne überwältigen.
Dieser Loop ist simpel erklärt, aber in der Ausführung erstaunlich tiefgründig und befriedigend. Der Roguelite-Charakter bedeutet: Jede Expedition fühlt sich durch zufällige Layouts, unterschiedliche Ressourcenverteilungen und variable Upgrades einzigartig an. Und trotzdem gibt es permanenten Fortschritt – man kehrt nie mit leeren Händen zurück.
Gameplay im Detail: Der Kern des Spiels
Jede Runde in Wall World 2 folgt einem klaren, aber flexiblen Ablauf. Zunächst wählt man eine Mission aus, steigt in die Mine ab und beginnt zu graben. Mit dem Exo-Suit des Protagonisten – einem tragbaren Bohrsystem – arbeitet man sich durch das Gestein, baut Mineralien ab und sucht nach versteckten Artefakten und Technologien.
Dabei tickt stets eine unsichtbare Uhr. Je länger man in der Mine bleibt und je mehr man abgebaut hat, desto stärker werden die Feindwellen, die irgendwann an die Oberfläche schwappen und die Roboterspinne angreifen. In diesen Momenten verlässt man die Mine und wechselt in den Verteidigungsmodus: mit Waffen und installierten Systemen werden Wellen von Kreaturen abgewehrt, die sich an der Wand entlangbewegen. Das Timing dieser Wechsel zwischen Abbauen und Verteidigen ist das spielerische Herzstück von Wall World 2 – und es funktioniert hervorragend.
Neu in Teil 2: Mehr von allem, aber sinnvoll
Wall World 2 ist kein schlichtes Aufwärmen des ersten Teils. Der Entwickler hat die Kritikpunkte des Originals ernst genommen und das Spiel in fast jeder Dimension erweitert.
Eine der größten Neuerungen ist die Sphere City – ein Hub-Bereich zwischen den Expeditionen, in dem man neue Charaktere trifft, permanente Upgrades kauft und sich auf die nächste Runde vorbereitet. Das gibt dem Spiel eine soziale und narrative Dimension, die dem ersten Teil noch fehlte. Die Charaktere dort sind zwar keine tiefgründigen Figuren, verleihen der Welt aber Persönlichkeit und liefern Hinweise auf die übergeordnete Geschichte.
Das Upgrade-System selbst wurde erheblich ausgebaut. Es gibt nun zwei parallele Upgrade-Pfade: den für den Exo-Suit des Piloten und den für die Roboterspinne selbst. Beim Exo-Suit kann man Bohrgeschwindigkeit, Reichweite, Anzahl der Bohrstrahlen und Spezialfähigkeiten verbessern. Bei der Roboterspinne stehen Heilung, Waffensysteme wie das Maschinengewehr, den Stake Launcher oder das Drone-System zur Verfügung – und sogar die Beine des Mechs lassen sich gegen Raupenketten oder andere Varianten austauschen, was Mobilität und Kampfstil beeinflusst.
Hinzu kommen temporäre Run-Upgrades, die man in den Minen findet – Artefakte und Waffen, die nur für die aktuelle Expedition gelten, aber den Spielverlauf massiv verändern können. Wer clever kombiniert, kann überraschend mächtige Synergien entdecken.
Biome, Atmosphäre und Weltdesign
Visuell setzt Wall World 2 auf einen detaillierten Pixel-Art-Stil, der trotz seiner technischen Bescheidenheit enorm viel Atmosphäre transportiert. Die Wand ist in verschiedene Biome unterteilt, die sich optisch und spielerisch klar voneinander unterscheiden – von dunklen, feuchten Untergrundhöhlen über schneebedeckte Felsschichten bis hin zu bizarren, fast kosmischen Regionen in der Tiefe. Wettereffekte wie Regen und Schnee sowie dynamische Beleuchtung sorgen dafür, dass jede Zone eine eigene Stimmung hat.
Besonders die tieferen Schichten der Wand atmen eine beklemmende, fast lovecraftianische Atmosphäre – man spürt, dass hier etwas Unbekanntes wartet. Anomalien – spezielle Kacheln in den Minen, die explosive, magnetische oder andere Sondereffekte auslösen – sorgen für zusätzliche Unberechenbarkeit und machen das Erkunden spannend.
Der Soundtrack passt sich intelligent an die Spielsituation an: ruhig und meditativ beim Abbauen, angespannt und treibend bei Feindwellen, unheimlich in den tiefsten Zonen. Er arbeitet unauffällig im Hintergrund, unterstützt aber die Atmosphäre genau im richtigen Maß.
Story und Langzeitmotivation
Wall World 2 erzählt seine Geschichte nicht durch lange Cutscenes oder ausgedehnte Dialoge. Stattdessen entfaltet sie sich langsam über viele Expeditionen hinweg: durch Umgebungsdetails, Artefaktbeschreibungen, Gespräche in der Sphere City und mysteriöse Entdeckungen in der Tiefe. Was steckt hinter der Wand? Was ist das "Loch" in der Tiefe? Wer hat die verlorenen Technologien zurückgelassen?
Diese rätselhafte Prämisse hält die Motivation aufrecht, immer weiter zu graben. Und das ist eine der größten Stärken des Spiels: Der Fortschritt fühlt sich nie sinnlos an. Jede Runde bringt entweder neue Upgrades, neue Erkenntnisse über die Welt oder beides.
Wall World 2 auf der PS5
Die PS5-Version des Spiels macht grundsätzlich eine gute Figur. Das Spiel läuft flüssig und sieht auf dem großen Bildschirm durch die saubere Pixelgrafik sehr ansehnlich aus. Der DualSense-Controller wird sinnvoll eingesetzt: Das haptische Feedback beim Bohren und der Feindabwehr verleiht dem Spielgefühl eine angenehme taktile Dimension, auch wenn das Potenzial des Controllers nicht vollständig ausgeschöpft wird.
Zu beachten sind jedoch einige kleinere technische Probleme. Vereinzelte Freezes beim Übergang zwischen Mine und Außenwelt sowie gelegentliche KI-Patzer, bei denen Feinde stecken bleiben, trüben das Erlebnis leicht. Nichts davon ist spielbrechend, und es ist zu erwarten, dass entsprechende Patches diese Punkte beheben. Für eine frische Konsolenportierung ist das insgesamt aber akzeptabel.
Für wen ist Wall World 2?
Wall World 2 richtet sich an Spieler, die Roguelite-Loops mögen und sich von der Mischung aus Ressourcenmanagement, Aufbau und Action angesprochen fühlen. Wer Spiele wie Deep Rock Galactic, Dome Keeper oder Hades schätzt, wird sich schnell heimisch fühlen. Einsteiger in die Serie müssen den ersten Teil nicht gespielt haben – Wall World 2 erklärt sich selbst gut genug. Dennoch profitieren Veteranen des Originals von bekannten Mechaniken und freuen sich über die vielen Verbesserungen.
Etwas Geduld ist gefragt: Das Spiel entfaltet seinen vollen Reiz erst nach mehreren Stunden, wenn das Upgrade-System seine Tiefe zeigt und die ersten Geheimnisse der Wand sich enthüllen.
Fazit
Wall World 2 ist ein gelungener, ambitionierter Roguelite-Nachfolger, der das Fundament des ersten Teils konsequent ausbaut. Das Mining-Loop-Gameplay ist süchtigmachend, das Upgrade-System motivierend, die Atmosphäre außergewöhnlich dicht für ein Indie-Spiel dieser Preisklasse. Kleine technische Stolperer und eine etwas limitierte Inhaltstiefe in späteren Runs sind die einzigen echten Kritikpunkte.
Für 13,99 Euro bekommt man auf der PS5 einen hervorragenden Roguelite-Vertreter, der problemlos 20, 30 oder mehr Stunden unterhalten kann – und der dank prozeduraler Generierung kaum zwei gleiche Runs produziert.
Stärken:
Süchtigmachender Mining-und-Verteidigungs-Loop
Tiefes, flexibles Upgrade-System für Exo-Suit und Roboterspinne
Atmosphärisch dichte Pixel-Art-Welt mit vielfältigen Biomen
Permanenter Fortschritt motiviert für "nur noch eine Runde"
Faire Preisgestaltung
Schwächen:
Vereinzelte Freezes und technische Bugs auf PS5
Langzeitvarianz in sehr späten Runs ausbaufähig
Geschichte bleibt bewusst vage – nicht jedermanns Sache