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Wer zuerst liest, stirbt zuletzt
Tatjana Kruse
Insel Verlag, Mai 2026, 254 Seiten


Es gibt Autorinnen, bei denen man schon beim Lesen des Titels weiß, was einen erwartet: einen Krimi, der nicht blutleer und verbissen daherkommt, sondern mit Witz, Wärme und einem gehörigen Augenzwinkern. Tatjana Kruse ist so eine Autorin. Seit Jahrzehnten ist die 1960 in Schwäbisch Hall geborene Schriftstellerin eine der zuverlässigsten Vertreterinnen der deutschsprachigen Krimödie -- eine Mischform aus Krimi und Komödie, die sie selbst mit Nachdruck und Überzeugung betreibt und für die sie bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem Marlowe der Raymond-Chandler-Gesellschaft und dem Nordfälle-Preis. Mit "Wer zuerst liest, stirbt zuletzt" legt sie nun beim Insel Verlag einen neuen Roman vor -- und präsentiert eine Protagonistin, die wie für sie gemacht wirkt: eine Buchhändlerin, die Krimis liebt und selbst in einen gerät.


Julia Hortmann betreibt eine kleine Krimibuchhandlung namens "Mord und mehr". Dort gibt es alles, was das Herz eines Genrefans begehrt: klassische Whodunits, nordische Noirs, britischen schwarzen Humor -- und, laut Verlagstext, Cappuccino mit Kakaopulverpistole auf dem Milchschaum. Ein Detail, das mehr über die Atmosphäre dieses Buchs verrät als mancher Klappentext. Julia kennt die Tricks aller großen Ermittlerfiguren der Literaturgeschichte, von Miss Marple bis Inspector Morse. Was ihr bis dato gefehlt hat, sind echte Leichen. Das ändert sich bald.


Eines Tages zieht in Julias Nachbarschaft ein neuer, allzu unauffälliger Mieter ein -- der nächtens verdächtig eingerollte Teppiche in sein Haus trägt. Zur selben Zeit häufen sich die Todesfälle im nahe gelegenen Seniorenheim, in dem auch eine von Julias Stammkundinnen lebt. Die Polizei zeigt sich wenig interessiert. Julia dagegen lässt nicht locker. Sie tut, was eine buchbegeisterte Frau mit kriminalistischer Ader eben tut: Sie recherchiert. Gründlich. Mit Spürsinn, Witz und einer Neugier, die größer ist als ihre eigene Vernunft. Und ehe sie sich versieht, steckt sie in einem Fall, der gefährlicher ist als alles, was sie je zwischen zwei Buchdeckeln gelesen hat.


Die Grundkonstellation ist im Cosy-Crime-Genre eine bewährte: Eine Frau ohne offiziellen Ermittlerstatus, ausgestattet mit Intelligenz, Humor und einem Netz aus menschlichen Beziehungen, löst einen Fall, an dem die zuständigen Behörden scheitern oder schlicht desinteressiert sind. Was das Genre trägt -- und was Tatjana Kruse in ihrer langen Karriere besonders gut beherrscht -- ist die Kunst, diese Konstellation so zu füllen, dass sie sich nicht abgegriffen anfühlt. Das gelingt ihr durch Figuren, die mehr sind als Funktionsträger, durch eine Sprache, die lebt, und durch ein Gespür für die komischen Seiten des Alltags, das sie von Anfang an ausgezeichnet hat.


Julia Hortmann ist eine Protagonistin, die sofort funktioniert. Eine Buchhändlerin, die Krimis verkauft und nun selbst ermittelt, ist nicht nur eine schöne Meta-Konstruktion, sondern auch eine glaubwürdige Figur: Wer täglich Mordmethoden, Tatmotive und Detektivlogik liest und weiterempfiehlt, hat zwangsläufig ein geschultes Auge für das Ungewöhnliche. Julias Wissen kommt aus der Literatur, ihre Methoden sind improvisiert, ihre Schlussfolgerungen manchmal schief -- und genau das macht sie sympathisch. Sie ist keine überlegene Ermittlerfigur, die souverän die Fäden zieht, sondern eine Frau, die sich durchbeißt, die Fehler macht und die dabei nie den Humor verliert.


Das Milieu, das Kruse entwirft, ist das des gut sortierten deutschen Kleinstadtlebens: die Buchhandlung als sozialer Mittelpunkt, das Seniorenheim als Schauplatz stiller Dramen, die Nachbarschaft als Netzwerk aus Neugierde, Freundlichkeit und gegenseitiger Beobachtung. In diesem Milieu bewegt sich Julia wie eine Fischerin im eigenen Teich -- sie kennt die Menschen, sie weiß, wie man Vertrauen gewinnt, und sie versteht, dass gute Ermittlungsarbeit oft weniger mit Kriminalistik zu tun hat als mit der Fähigkeit zuzuhören. Hier liegt eine der Stärken des Cosy-Crime-Genres, und Kruse nutzt sie.


Der mysteriöse Nachbar mit den nächtlichen Teppichtransporten ist ein klassischer Einstieg ins Unheimliche -- alltäglich genug, um nicht reißerisch zu wirken, aber seltsam genug, um die Phantasie anzuregen. Was steckt in diesen Teppichen? Und was hat das mit den Todesfällen im Seniorenheim zu tun? Kruse legt ihre Fährten mit Bedacht, streut Ablenkungsmanöver ein und lässt Julia -- und mit ihr die Leserinnen und Leser -- auf Irrwegen ermitteln, die manchmal komisch und manchmal tatsächlich brenzlig sind. Die Auflösung soll hier nicht vorweggenommen werden, aber wer die Autorin kennt, weiß: Sie lässt sich selten auf reine Routine ein. Überraschungen gehören zum Handwerk.


Stilistisch bleibt Kruse ihrer Linie treu. Ihre Prosa ist leicht und lesbar, ohne oberflächlich zu sein. Die Dialoge sitzen, die Beobachtungen sind scharf, der Witz stellt sich nie in den Vordergrund, sondern ergibt sich aus Situationen und Charakteren. Das ist schwerer zu schreiben als es klingt: Humor, der aufgesetzt wirkt, macht einen Kriminalroman kaputt. Krusis Humor ist organisch, er entsteht aus dem Widerspruch zwischen Julias literarisch geschultem Blick auf die Welt und der unordentlichen Wirklichkeit, die sich ihr bietet. Sie erwartet Hochstapler wie Raffles und bekommt einen Rentner mit Teppich. Das Genre kennt sie in- und auswendig -- und Kruse weiß das und spielt damit.


Ein Aspekt, der bei Tatjana Kruse immer wieder auffällt, ist ihre Neigung, das Gewöhnliche ernst zu nehmen. Die alten Menschen im Seniorenheim sind keine Staffage, keine rührseligen Nebenfiguren und keine Witzfiguren. Sie haben Geschichten, Eigensinn und Würde. Dass ausgerechnet an einem solchen Ort Todesfälle als natürlich abgehakt werden, ist nicht nur ein narrativer Trick, sondern auch ein leiser gesellschaftlicher Kommentar: Wer schaut wirklich hin, wenn alte Menschen sterben? Kruse stellt diese Frage nicht mit erhobenem Zeigefinger, aber sie stellt sie.


Die Einbettung ins Buchhandlungsmilieu hat zudem einen eigenen Reiz für alle, die Bücher lieben. Hier wird Literatur nicht als schmückendes Beiwerk eingesetzt, sondern als Lebenswelt der Protagonistin: Julia denkt in Büchern, sie ordnet die Welt durch Bücher, sie findet in Büchern Trost und Orientierung -- und manchmal auch die falsche Fährte, weil die Wirklichkeit nun mal kein gut konstruierter Roman ist. Das ist eine charmante und zugleich kluge Reflexion über das Lesen selbst, und man spürt, dass hier eine Autorin schreibt, die nicht nur über Bücher schreibt, sondern die Bücher wirklich liebt.


Mit dem Insel Verlag hat Tatjana Kruse einen Verleger gefunden, der ihrem Ton liegt. Bereits zuvor erschienen ihre Romane "Schwund", "Zwei Schwestern für ein Halleluja", "Manche mögen's tot", "Meerjungfrauen morden besser" und "Schöner sterben auf Sylt" im selben Haus -- Bücher, die zeigen, dass Kruse auch im Insel-Programm ihr eigenes, unverwechselbares Profil beibehält. "Wer zuerst liest, stirbt zuletzt" knüpft an diese Zusammenarbeit an und wirkt wie ein natürlicher nächster Schritt: ein neuer Schauplatz, eine neue Hauptfigur, aber derselbe zuverlässige Kruse-Sound.


Wer mit dem Genre nicht vertraut ist: Cosy Crime, der Stil, dem sich dieses Buch zuordnen lässt, ist explizit keine dunkle, psychologisch erschöpfende Lektüre. Es geht nicht um das Innenleben von Tätern, um gesellschaftliche Abgründe oder um Gewalt als solche. Cosy Crime bietet Rätsel, Atmosphäre, liebenswerte Figuren und das Versprechen, dass am Ende Ordnung hergestellt wird. Wer das sucht -- und es gibt sehr viele Leserinnen und Leser, die genau das suchen --, wird hier bestens bedient. Wer hingegen die Düsternis eines skandinavischen Noir erwartet, greift besser woanders hin. Das ist keine Kritik, sondern eine Einordnung. Kruse weiß genau, was sie schreibt, und sie schreibt es mit hoher Könnerschaft.


Ein kleiner Vorbehalt für sehr anspruchsvolle Krimikenner: Die Spannung ist bewusst dosiert und die Bedrohlichkeit des Falls bleibt überschaubar. Das ist Genrekonvention und kein Versagen der Autorin -- aber wer auf echten Nervenkitzel aus ist, sollte die Erwartungen entsprechend anpassen. Das Vergnügen dieses Buchs liegt nicht im Schauer, sondern im Schmunzeln, im Mitraten und in der Gesellschaft einer Protagonistin, mit der man gern Zeit verbringt.


Fazit: 

"Wer zuerst liest, stirbt zuletzt" ist eine vergnügliche, handwerklich solide und charmant erzählte Krimödie, die Tatjana Krusis Stärken einmal mehr unter Beweis stellt. Die neue Figur der Buchhändlerin Julia Hortmann trägt das Potenzial für eine längere Reihe, und man würde ihr gern öfter begegnen. Für alle, die Cosy Crime mögen, Buchläden lieben und einen Roman suchen, der gute Laune macht, ohne den Verstand zu beleidigen: unbedingt lesen. Und wer Tatjana Kruse noch nicht kennt -- dies ist ein ausgezeichneter Einstieg.