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Rezension: Heike Geißler – Michaela Kohlhaas
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 253 Seiten. 24,00 €


Das Recht, wütend zu sein


Heike Geißler hat sich etwas Riskantes vorgenommen: Sie überschreibt einen der kanonischsten Texte der deutschen Literatur. Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas (1808) ist nicht irgendeine Vorlage — es ist jene Novelle, die den Begriff des obsessiven Rechtsgefühls vielleicht am nachhaltigsten in der Literaturgeschichte verkörpert. Ein Pferdehändler, der für sein gutes Recht kämpft und darüber zum Räuber und Mörder wird. Geißler greift diesen Stoff auf und fragt: Was passiert, wenn dieselbe Figur eine Frau ist?
Das Ergebnis ist ein Roman, der sich nicht als brav feministische Umschreibung versteht, sondern als tollkühne Neuaneignung eines Mythos — sprachlich eigenwillig, politisch pointiert, komisch und beklemmend zugleich.


Die Figur: Wut ohne Schwert


Michaela Kohlhaas ist Anfang vierzig, Mutter zweier Kinder, Ehefrau und stellvertretende Friedhofsverwalterin. Das ist keine zufällige Berufswahl: Wer zwischen Gräbern und Totenkränzen waltet, hat täglich mit dem Endlichen zu tun, mit dem, was bleibt und was vergeht. Und Michaela hat genug. Genug von alltäglichen Demütigungen, von Willkür, von einer Gesellschaft, die ihr Unrecht für selbstverständlich hält und ihren Widerstand für Wahnsinn erklärt.


Wo Kleists Michael Kohlhaas zum Schwert greift, greift Michaela zur Sprache. Ihr Arsenal sind Worte: Übertreibung, Zuspitzung, Sabotage und Spektakel. Wie eine vermeintliche Hexe zieht sie fluchend und Verwünschungen aussprechend durchs Land — und stößt dabei auf dasselbe institutionelle Schweigen, dieselbe Mauer aus bürokratischer Gleichgültigkeit und paternalistischer Herablassung, gegen die schon ihr Vorgänger aus dem 19. Jahrhundert anrannte. Nur dass es für eine Frau noch schwerer wiegt: Es ist von Nachteil, eine Frau zu sein. Es ist von Nachteil, sich zu wehren.


Geißler macht aus dieser doppelten Einschränkung keine bloß klagende Botschaft, sondern eine narrative Energie. Michaelas Wut ist der Treibstoff des Romans, aber auch sein Irrsinn und seine Würde. Sie ist, wie der Verlag treffend schreibt, eine Schimpfende, eine Zärtliche, eine große Liebende — und jemand, der nicht nur Verbesserung will, sondern Wiedergutmachung und Sühne. Und eine gänzlich andere Einrichtung der Welt.


Die Sprache: Dicht, souverän, vibrierend


Heike Geißler, 1977 in Riesa geboren, ist nicht nur Romanautorin, sondern auch Übersetzerin und Performancekünstlerin — und das spürt man dem Text in jeder Zeile an. Die Sprache von Michaela Kohlhaas ist kein neutrales Transportmittel, sie ist selbst Schauplatz des Geschehens. Kritiker haben sie als „in einer ihrer Dichte und Schlüssigkeit wegen schönen Sprache" bezeichnet, die den Stoff in eine „auch skurrile Performance" verwandelt.


Das trifft es gut. Geißler schreibt in einem Modus, der zwischen Alltagsnüchternheit und rhetorischer Aufladung pendelt — eine Spannung, die man als „flirrend oszillierend zwischen Pathos und Alltag" beschreiben könnte, und die genau dadurch „den eigentümlichen Charakter des Kohlhaas'schen Widerstands orchestriert". Wenn Michaela einen Fluch ausspricht, klingt das zugleich wie ein juristischer Schriftsatz und wie ein Kindertrotz. Wenn sie anklagt, klingt es nach Kleist und nach dem Smalltalk an der Supermarktkasse.


Diese Gleichzeitigkeit ist keine stilistische Spielerei, sondern politische Methode: Geißler zeigt, dass das Unrecht, um das es geht, kein historisches Ausnahmephänomen ist, sondern im Gewöhnlichen steckt, im Kleinen, im Alltäglichen. Und dass die Sprache selbst — ihre Beherrschung, ihr Missbrauch, ihre Verweigerung — das Schlachtfeld ist, auf dem diese Figur kämpft.


Das Thema: Gerechtigkeit als weibliche Unmöglichkeit


Michaela Kohlhaas ist ein politisches Buch. Nicht im Sinne eines Traktats oder einer Streitschrift, sondern im Sinne eines literarischen Körpers, der die Widersprüche der Gegenwart in sich trägt und ausagiert. Geißler hat in Interviews betont, dass sie ursprünglich einen „blutigen, gewalttätigen, vielleicht sogar mörderischen Text" schreiben wollte — doch die Figur selbst hat ihr gezeigt, dass das nicht plausibel wäre. Michaela erwischt auch nicht immer das richtige Ziel. Gerechtigkeit ist, wenn der Roman endet, noch nicht hergestellt.


Das ist kein Scheitern, sondern eine ehrliche literarische Aussage: Kleists Kohlhaas durfte im Wahnsinn des Kampfes untergehen und damit zumindest eine Art dramatischer Konsequenz erreichen. Michaelas Kampf ist diffuser, unabgeschlossener, verzettelter — und damit realistischer. Frauen, die Unrecht benennen und bekämpfen, werden nicht als tragische Heldinnen erinnert. Sie werden für wahnsinnig erklärt. Sie verlieren das Sorgerecht, den Job, den sozialen Frieden.


Geißler schreibt gegen diese Vergessenheit an. Sie gibt einer Figur Sprache und Geschichte, die in der Literatur meistens fehlt oder als Nebenrolle verkommt. Dabei entsteht kein Opfernarrativ: Michaela ist trotzig, ironisch, manchmal absurd komisch, manchmal erschreckend lucide. Sie ist nicht dazu da, Mitleid zu wecken, sondern Erkenntnis.


Der Intertext: Kleist als Vorlage und als Einspruch


Ein besonderer Verdienst des Buches ist der souveräne Umgang mit der Vorlage. Geißler schreibt nicht gegen Kleist, sondern mit ihm — und gleichzeitig gegen ihn. Sie lässt die Parallelstruktur deutlich genug bestehen, dass der Vergleich produktiv bleibt, macht aber an entscheidenden Stellen kenntlich, dass das 19. Jahrhundert und die Gegenwart unterschiedliche Regeln für denselben Widerstand bereithält. Was bei Kleist als Rechtsphilosophie und staatstheoretische Debatte verhandelt wird, wird bei Geißler zum Erfahrungsbericht einer Frau, die merkt, dass das Rechtssystem für sie anders funktioniert als für den Pferdehändler.


Das ist klug, weil es nicht vereinfacht. Geißler lässt Michaela nicht einfach als modernes Opfer patriarchaler Strukturen auftreten. Die Figur ist zu widersprüchlich dafür, zu eigen, zu schwierig. Geißlers eigene Wortgewandtheit, ihr Sinn für starke Bilder, ihre klare Sicht auf unlösbares Übel kommen dabei zu einem Zusammenklang, den man als „großes Stück Literatur" bezeichnet hat — und dem man das nicht widersprechen möchte.


Einordnung in Geißlers Werk


Michaela Kohlhaas erscheint als Teil eines Werkes, das konsequent politisch denkt und dabei nie das Literarische dem Politischen opfert. Geißlers vorheriger Roman Die Woche (2022) kreiste um Erschöpfung, Empörung und die Suche nach dem richtigen Protest im Alltag. Verzweiflungen, ihr politischer Essay, wurde in der Kategorie Sachbuch ausgezeichnet. 2025 erhielt sie den Klopstock-Preis — die Jury würdigte sie als „herausragende Gegenwartserkunderin".


Michaela Kohlhaas setzt diese Erkundung fort — nun mit dem gewichtigsten literarischen Mittel, das Geißler bisher eingesetzt hat: dem großen Prätext, dem kanonisierten Männerroman, den sie sich nimmt, umschreibt und zurückgibt. Verändert.


Fazit


Michaela Kohlhaas ist ein ungewöhnliches Buch: mutig in seiner Anlage, konsequent in der Ausführung, sprachlich auf höchstem Niveau. Heike Geißler gelingt es, einen literarischen Klassiker nicht bloß umzuschreiben, sondern ihn gegen sich selbst zu kehren — und dabei eine Figur zu erschaffen, die in ihrer Wut, ihrer Zärtlichkeit und ihrer ungebrochenen Forderung nach Gerechtigkeit weit über den Text hinausweist.


Das Schicksal ihrer Michaela ist, wie Kritiker notiert haben, „folgerichtig und dabei unwahrscheinlich, beklemmend und zugleich belebend" — und darin liegt das eigentliche Kunststück. Ein Roman, der beunruhigt, weil er so nah an der Wirklichkeit ist. Und der trotzdem, oder gerade deshalb, mit wehenden Fahnen auf sein Ende zusteuert.