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Die Toten von morgen
Kim Koplin
Suhrkamp Verlag, Mai 2026, 270 Seiten


Es gibt Bücher, die man nach der letzten Seite zuklappt und sofort weiß: Das wird in Erinnerung bleiben. "Die Toten von morgen" von Kim Koplin ist so ein Buch. Der zweite Band der Reihe "Berliner Schattenwelt" knüpft nahtlos an den Vorgänger "Die Guten und die Toten" an -- und übertrifft ihn in mancher Hinsicht sogar. Was der Autor, der sich hinter dem Pseudonym Kim Koplin verbirgt und inzwischen als Edgar Rai identifiziert wurde, hier abliefert, ist einer der stärksten deutschsprachigen Thriller seit Jahren: ein Buch mit Rhythmus, Wucht, echten Figuren und einem Berlin, das sich anfühlt wie eine offene Wunde.


Zum Hintergrund: "Die Guten und die Toten", der erste Band der Reihe, erschien 2023 beim Suhrkamp Verlag, belegte Platz drei beim Deutschen Krimipreis und schaffte es im Juni desselben Jahres auf Platz eins der Krimibestenliste. Eine Netflix-Verfilmung ist bereits in Vorbereitung. Das sind Fakten, die den Erwartungsdruck für die Fortsetzung enorm erhöhen. Koplin geht damit souverän um.


Der Fall beginnt mit einem Toten. Unter der Caprivibrücke im Charlottenburger Österreichpark wird Jawed Saidi gefunden, ein afghanischer Flüchtling, hingerichtet durch einen Kopfschuss. An seinem Handgelenk: eine Uhr im Wert von rund dreitausend Euro. Ein Detail, das mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Wer war dieser Mann? Was hat er gewusst? Für wen hat er gearbeitet?


Die Ermittlungen landen bei Kriminalkommissaranwärterin Nihal Khigarian, die den Lesern des ersten Bandes bereits vertraut ist. Nihal steht unter enormem persönlichem Druck: Ihr Vater liegt krebsbedingt im Sterben, ihr Bruder Jami sitzt in der JVA Plötzensee. Er hatte eine Tankstelle überfallen und beim Fluchtversuch einen Polizisten angeschossen -- fünf Jahre Haft, so das Urteil. Was die Sache für Nihal besonders schwer macht: Es war sie selbst, die ihren Bruder der Polizei auslieferte. Der innere Konflikt, den sie damit trägt, ist keine Randnotiz, sondern ein tragender Strang des Romans. Koplin zeigt eine Frau, die zwischen Pflicht, Familie und eigenem Gewissen zerrissen ist, ohne sie dabei zur Märtyrerin zu stilisieren. Nihal ist keine Heldin im klassischen Sinne. Sie macht Fehler, sie zweifelt, sie ist verletzlich -- und genau das macht sie so überzeugend.


Parallel dazu läuft das große Spiel der Berliner Unterwelt. King Charles, mächtiger Bordellbesitzer und Drogengroßhändler, der im ersten Band bereits eine zentrale Rolle spielte, spürt, dass sein Imperium ins Wanken gerät. Eine neue Droge ist auf dem Markt -- besser, billiger, und aus einer Quelle, die er nicht kontrolliert. Die Konkurrenz kommt aus Marseille, aus dem Milieu der französischen Banlieues, aus einer Welt, die brutaler und skrupelloser operiert als alles, was Berlin bisher kannte. King Charles lässt seinen Kontaktmann bei der Organisierten Kriminalität nach Informationen suchen -- vergebens. Der tappt im Dunkeln.


Und dann ist da noch Saad. Der Parkhauswächter aus dem ersten Band ist mit seiner fünfjährigen Tochter Leila aus Hamburg nach Berlin zurückgekehrt. Sein bester Freund Mohammed hat ihm eine Stelle in einer Spedition vermittelt -- einem Betrieb, der nicht ganz das ist, was er vorgibt zu sein. Dort werden die neuen Drogen umgeladen und in der Stadt verteilt. Saad ahnt das, duldet es, weil er keine Wahl hat. Was er nicht ahnt: Der Mann hinter der Operation aus Marseille ist ihm bekannt. Es ist derselbe, der für den Tod seiner Frau verantwortlich ist.


Damit ist der Rahmen gesetzt -- und Koplin nutzt ihn konsequent. "Die Toten von morgen" ist kein Roman, der sich Zeit lässt. Die Kapitel sind kurz, manchmal nur zwei oder drei Seiten lang, die Perspektiven wechseln schnell zwischen Nihal, Saad, King Charles und anderen Figuren. Das erzeugt ein Tempo, das den Leser von Anfang an in Bewegung hält. Aber Koplin weiß, wo er bremsen muss. Immer dann, wenn es um die inneren Zustände der Figuren geht, um ihre Ängste, ihre Beziehungen, ihre kleinen Momente der Erschöpfung oder Zärtlichkeit, nimmt die Erzählung kurz Luft. Diese Balance ist handwerklich beeindruckend.


Der Ton des Romans ist sein vielleicht auffälligstes Merkmal. Koplin schreibt in der Sprache der Straße -- hart, direkt, manchmal roh, oft von einem trockenen, fast lakonischen Humor durchzogen. Berliner Slang mischt sich mit arabischen Einsprengseln, die Sätze sind knapp, die Dialoge sitzen. Man merkt, dass hier jemand schreibt, der diese Milieus kennt, der zuhört, der nicht von oben herab auf seine Figuren blickt. Das unterscheidet Koplin von vielen anderen Autoren des Genres, die ihre Unterschicht-Figuren mit einer Art wohlwollender Distanz betrachten. Bei Koplin sind alle Menschen -- mit allem, was dazugehört.


Besonders gelungen ist die Figur der kleinen Leila, Saads fünfjährige Tochter. Sie ist zu klug für ihr Alter, stellt Fragen, die Erwachsene nicht beantworten können oder wollen, und sorgt in einem Roman, der es an Gewalt und Düsternis nicht mangeln lässt, für Momente echter Wärme und Komik. Leilas Auftritte haben etwas Entlastendes -- sie erinnern daran, dass das Leben auch inmitten von Bandenkriegen und Trauer weitergeht, einfach und unbekümmert, wie es Kinder eben tun.


Das Herzstück der Reihe bleibt die Beziehung zwischen Saad und Nihal. Sie ist weder einfach noch eindeutig. Beide wissen, was der andere getan hat und wer er ist -- und trotzdem, oder gerade deshalb, zieht es sie zueinander. Koplin löst diese Spannung nicht auf. Er hält sie aufrecht, lässt sie schwelen, und das ist die richtige Entscheidung. Eine schnelle romantische Auflösung würde beiden Figuren nicht gerecht werden. Stattdessen bleibt eine emotionale Reibungsfläche, die den Roman trägt und die Leser an die Fortsetzung bindet.


Berlin selbst ist, wie schon im ersten Band, weit mehr als Kulisse. Charlottenburg, der Bezirk, in dem sich das meiste abspielt, ist ein Schauplatz voller Widersprüche: Altbauwohnungen und Sozialkieze, Parkplätze und Kanäle, Wohlstand und Prekarität auf engstem Raum. Koplin beschreibt diese Stadt mit einer Genauigkeit, die manchmal an eine Sozialreportage erinnert -- ohne jedoch je das Tempo des Thrillers zu opfern. Das Berlin in diesem Roman ist kein pittoreskes Postkarten-Berlin, sondern eine Stadt, die stinkt, rumpelt, glänzt und gleichzeitig überfordert. Genau so fühlt sie sich an.


Der Krimiplot ist solide konstruiert. Wer aufmerksam liest, kann manches erahnen, bevor es eintrifft -- aber das ist weniger ein Schwäche als ein Zeichen dafür, dass die Erzählung einer inneren Logik folgt, die nicht auf billige Überraschungen angewiesen ist. Die finale Eskalation, ein Showdown, der es an Wucht und Chaos nicht fehlen lässt, wirkt konsequent und verdient. Und auch hier bleibt Koplin seiner Linie treu: Die Gewalt hat Konsequenzen, sie ist nicht cool, sie hinterlässt Spuren.


Ein kleiner Vorbehalt sei erlaubt: Leser, die den ersten Band nicht kennen, werden einige Bezüge weniger scharf sehen. Die Vorgeschichte von Saad und Mohammed, die gemeinsamen Taten aus "Die Guten und die Toten", sind für das Verständnis der Charakterdynamik wichtig. Koplin liefert zwar ausreichend Kontext, aber die volle emotionale Wucht entfaltet sich doch erst im Zusammenhang mit dem Vorgänger. Wer also die Wahl hat: am besten von vorne beginnen.


"Die Toten von morgen" ist ein Thriller, der beweist, wie gut deutschsprachige Kriminalliteratur sein kann, wenn sie weder Unterhaltung noch gesellschaftliche Relevanz für sich beansprucht, sondern beides selbstverständlich verbindet. Koplin moralisiert nicht, er zeigt. Er erklärt nicht, er lässt sprechen. Das ist selten, und es ist sehr gut.


Fazit: 

Ein mitreißender, atmosphärisch dichter und literarisch überzeugender Thriller, der die hohen Erwartungen nach dem Vorgängerband nicht nur erfüllt, sondern in Teilen übertrifft. Figurenzeichnung, Sprache, Tempo und Milieu bilden eine Einheit, die im Genre ihresgleichen sucht. Uneingeschränkt empfehlenswert -- und ein starkes Argument dafür, dass diese Reihe noch lange nicht zu Ende erzählt ist.