Träume sind ein gefährliches Terrain. Das weiß jeder, der schon einmal schweißgebadet aus einem Albtraum aufgeschreckt ist und nicht sofort wusste, wo Schlaf endet und Wirklichkeit beginnt. Genau in diesem unsicheren Niemandsland siedelt Racheal Cain ihr Spielfilmdebüt Somnium an, und sie tut es mit einer Sicherheit und stilistischen Reife, die man von einer Erstlingsarbeit so nicht unbedingt erwarten würde.
Die Geschichte folgt Gemma (Chloe Levine), einer jungen Frau aus einer Kleinstadt in Georgia, die mit dem festen Glauben an die eigene Zukunft nach Los Angeles zieht, um Schauspielerin zu werden. Was folgt, ist das ernüchternde Lehrstück über die Schattenseiten des amerikanischen Traums: misslungene Vorsprechen, leere Konten, schwindende Hoffnung. Als sie zufällig auf ein Hinweisschild der experimentellen Schlafklinik Somnium stößt und dort als Nachtwache eingestellt wird, scheint das Glück endlich auf ihrer Seite zu stehen. Doch die Klinik, in der zahlungskräftige Patienten per Traummanipulation von tief sitzenden Ängsten befreit werden sollen, birgt dunklere Geheimnisse als ihr blitzsauberes, in Rosa- und Blautönen gehaltenes Erscheinungsbild vermuten lässt. Bald verschwimmen für Gemma die Grenzen zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was aus den Träumen der anderen in ihre Wirklichkeit sickert.
Cain, die das Drehbuch selbst verfasst hat und auch für das Produktionsdesign verantwortlich zeichnet, hat einen ausgesprochen eigenen Blick. Die Klinik selbst, mit ihren leuchtenden Schlafkapseln und schattenhaften Korridoren, ist kein bloßes Bühnenbild, sondern wirkt wie eine eigenständige Figur im Film. Die Bildsprache weckt Assoziationen an David Lynch und frühen David Cronenberg, ohne dabei imitatorisch zu wirken. Der Synthwave-Score, der zwischen zarter Melancholie und bedrohlicher Dunkelheit pendelt, trägt maßgeblich dazu bei, dass der Film auch in ruhigeren Momenten eine unterschwellige Spannung aufrechterhalten kann.
Das Herzstück des Films ist zweifellos Chloe Levine. Sie trägt Somnium praktisch im Alleingang und tut dies mit einer Intensität und Verwundbarkeit, die es dem Publikum unmöglich macht, den Blick abzuwenden. Ihre Gemma ist kein Genrefilm-Klischee der naiven Außenseiterin, sondern eine dreidimensionale Figur, deren Unsicherheiten, Sehnsüchte und Widerstandsfähigkeit in jeder Szene greifbar sind. Dass Levine beim FilmQuest Festival den Preis als beste Hauptdarstellerin erhielt, kommt nicht von ungefähr. Im Ensemble stehen ihr Johnathon Schaech und Grace Van Dien zur Seite, die ihre Rollen mit solider Präsenz ausfüllen, wenngleich das Drehbuch ihnen naturgemäß weniger Raum lässt als der Hauptfigur.
Somnium ist dabei ehrlicher Weise kein einfacher Genrefilm. Wer sich puren Schrecken oder Slasher-Momente erhofft, wird überrascht sein, wie sehr Cain das psychologische Drama in den Vordergrund stellt. Der Film funktioniert eher als metaphernreiche Studie über Selbstzweifel, Traumverlust und die Ausbeutungsstrukturen, die junge, hoffnungsvolle Menschen in der Unterhaltungsindustrie vorfinden, als als klassischer Horrorfilm. Die Schlafklinik als Abkürzung zum Erfolg ist ein treffendes Bild für die Versuchungen und Gefahren, denen Gemma ausgesetzt ist. Manch einer mag angesichts des langsamen Erzählrhythmus ungeduldig werden, und tatsächlich hätte die Montage hier und da straffer ausfallen dürfen. Auch erzählt Cain zum Teil über ausgedehnte Rückblenden in Georgias Vergangenheit, die dramaturgisch nicht immer nahtlos mit dem Klinik-Thriller-Strang verzahnt sind. Das sind die sichtbaren Nähte eines Debüts, das über mehrere Jahre entstanden ist und vielleicht etwas zu viel auf einmal erzählen möchte.
Gleichzeitig ist genau diese Ambition das, was Somnium aus der Masse vergleichbarer Low-Budget-Produktionen heraushebt. Der Film hat etwas zu sagen, und er sagt es mit eigener Stimme. Das Festival-Publikum hat das honoriert: Somnium gewann auf dem Chattanooga Film Festival den Audience Award und holte beim Brooklyn Horror Film Festival den Silver Audience Award.
Die Blu-ray-Veröffentlichung von Meteor Film ist für alle Genrefreunde, die abseits des Mainstreams nach handwerklich ambitioniertem, inhaltlich substanziellem Kino suchen, eine klare Empfehlung. Somnium ist kein makelloser Film, aber er ist ein aufrichtiger, atmosphärisch dichter und von einer faszinierenden Hauptdarstellerin getragener, der ahnen lässt, welch reifes Werk Racheal Cain folgen lassen wird, wenn sie das nächste Mal vor die Kamera tritt.
Fazit:
Ein ungewöhnliches, persönliches und visuell beeindruckendes Spielfilmdebüt, das zwischen psychologischem Horror, Science-Fiction und Charakterstudie balanciert und dabei vor allem dank Chloe Levines außergewöhnlicher Leistung in Erinnerung bleibt. Empfohlen für alle, die bereit sind, sich auf ein langsam brennendes, ambitioniertes Kino einzulassen.