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Es gibt Bücher, die ein Thema nicht nur dokumentieren, sondern ihm endlich die Würde zuteil werden lassen, die es verdient. „The Drum Thing" von Deirdre O'Callaghan, erschienen im Prestel Verlag und nun in einer handlichen Kompaktausgabe erhältlich, ist genau ein solches Buch. Es ist eine Liebeserklärung an die Menschen hinter dem Schlagzeug – an jene Musikerinnen und Musiker, die auf der Bühne oft im Hintergrund stehen, im Schatten der Frontleute agieren und dennoch das pulsierende Herz jeder Band bilden. Mit ihrer Kamera und ihrem feinen Gespür für den richtigen Moment hat O'Callaghan ein Werk geschaffen, das weit über den Rahmen eines gewöhnlichen Musikbuchs hinausgeht und sich als eigenständiges fotografisches Kunstwerk behauptet.


Der Ausgangspunkt des Buches ist so einfach wie treffend: Der Schlagzeuger ist in der Regel das unbekannteste Mitglied jeder Band. Während Sänger und Gitarristen die Magazincover zieren und die Schlagzeilen beherrschen, hält der Drummer im Hintergrund den Laden zusammen – buchstäblich. Er oder sie ist es, die den Groove trägt, die Energie definiert und die anderen Musiker in einem gemeinsamen Rhythmus hält. Deirdre O'Callaghan dreht diese Perspektive um. In „The Drum Thing" rückt sie die Schlagzeuger ins Zentrum, gibt ihnen den Raum, den sie verdienen, und zeigt sie so, wie man sie selten zu sehen bekommt: nicht auf der Bühne unter grellem Scheinwerferlicht, sondern in ihren privaten Rückzugsorten, in Proberäumen und Kellern, in Schlafzimmern, Garagen und Gärten.


Genau diese Entscheidung ist es, die „The Drum Thing" zu einem außergewöhnlichen Werk macht. O'Callaghan fotografiert ihre Protagonisten in ihrem eigenen Umfeld, und das macht einen gewaltigen Unterschied. Denn wer einen Menschen in dem Raum ablichten darf, den er sich selbst geschaffen hat, dem öffnet sich etwas. Die Umgebung erzählt. Das Chaos oder die Ordnung des Proberaums, die persönlichen Gegenstände, die Anordnung des Schlagzeugs, die Art, wie jemand sitzt oder in die Kamera schaut – all das fügt sich zu einem Bild zusammen, das tiefer geht als jede inszenierte Studiofotografie. Man sieht nicht nur den Musiker, man sieht den Menschen. Und das ist die eigentliche Leistung dieser Fotografin: Sie schafft Vertrauen, und dieses Vertrauen überträgt sich auf jedes einzelne Bild.


Die Liste der porträtierten Musikerinnen und Musiker liest sich wie ein Who's who der Schlagzeuggeschichte und ist in ihrer Vielfalt schlicht atemberaubend. Fast 100 gefeierte Namen versammelt das Buch, darunter Legenden wie Ringo Starr, der mit den Beatles die Popmusik miterfunden hat, Ginger Baker, dessen exzessive Energie den Blues-Rock der 1960er Jahre prägte, und Neil Peart, der mit Rush das Schlagzeugspiel in die Sphären des Virtuosentums hob. Daneben stehen Jazz-Giganten wie Jack DeJohnette, Steve Gadd und Tony Allen, dessen afrobeat-geprägte Arbeit mit Fela Kuti ganze Musikgenres beeinflusst hat, sowie Crossover-Größen wie Questlove, Travis Barker und Dave Grohl, der selbst als Schlagzeuger bei Nirvana Geschichte schrieb, bevor er mit den Foo Fighters zur Ikone wurde. Mit Larry Mullen Jr. von U2, Lars Ulrich von Metallica und Jim Keltner, dem vielleicht meistbeschäftigten Session-Drummer aller Zeiten, sind auch jene Männer vertreten, die das Rückgrat weltberühmter Bands bilden. Und neben diesen bekannten Namen finden sich Musikerinnen wie Cindy Blackman und Terri Lyne Carrington, die als Frauen in einer nach wie vor männerdominierten Szene ihren Platz erkämpft und behauptet haben und deren Präsenz in diesem Buch ebenso wichtig wie bereichernd ist.


Was diese Vielfalt so bemerkenswert macht, ist nicht nur die schiere Anzahl der Porträtierten, sondern die Unterschiedlichkeit ihrer Hintergründe, Stile und Persönlichkeiten. O'Callaghan zeigt eindrücklich, dass „Schlagzeuger" keine homogene Kategorie ist, sondern ein weites Spektrum umfasst: von der klassisch ausgebildeten Jazzmusikerin bis zum autodidaktischen Punkrocker, vom zurückgezogenen Studio-Profi bis zum extrovertierten Bühnenstar, von der karibischen Rhythmustradition bis zum skandinavischen Metal. Was sie alle eint, ist einzig und allein die Leidenschaft für ihr Instrument – und genau das macht das Buch so fesselnd.


Die Texte, die jedem Porträt beigegeben sind, stammen aus persönlichen Gesprächen, die O'Callaghan mit ihren Protagonisten geführt hat, und das merkt man. Es sind keine aufgeräumten PR-Interviews, keine vorbereiteten Antworten auf erwartbare Fragen, sondern echte Konversationen, die aus echtem Interesse entstanden sind. Die Ausschnitte, die das Buch präsentiert, geben Einblicke in die Motivation, die Obsessionen und die ganz persönlichen Beziehungen dieser Menschen zu ihrem Instrument. Man erfährt, wie jemand zum Schlagzeugspielen gekommen ist, was ihn oder sie antreibt, wie das Verhältnis zum eigenen Körper und zur eigenen Musikalität ist. Diese Texte sind knapp genug, um den Fotografien den Raum zu lassen, den sie verdienen, und gleichzeitig reichhaltig genug, um das visuelle Erlebnis um eine menschliche Dimension zu bereichern, die das Buch vollständig macht.


Fotografisch bewegt sich O'Callaghan auf einem Niveau, das höchsten Ansprüchen genügt. Ihre Bilder sind weder glamourös überhöht noch dokumentarisch kahl, sondern finden einen eigenen Ton, der Respekt und Intimität in sich vereint. Das natürliche Licht, das viele ihrer Aufnahmen prägt, gibt ihnen eine Wärme und Unmittelbarkeit, die man bei inszenierten Hochglanzproduktionen so gut wie nie findet. Man hat das Gefühl, tatsächlich in den Proberaum getreten zu sein, den Geruch von altem Leder und Trommelfell in der Nase, die Stille vor dem nächsten Einsatz. Es sind Fotos, die man lange betrachten möchte – und kann.


Die Kompaktausgabe, in der das Buch nun vorliegt, macht dieses großartige Werk einem noch breiteren Publikum zugänglich. Das handlichere Format ist dabei kein Verlust, sondern ein Gewinn: Man kann das Buch überallhin mitnehmen, es im Zug aufschlagen, auf dem Sofa durchblättern, es als Gesprächsstarter auf den Tisch legen. Als Geschenk für Musikliebhaber, Schlagzeuger, Fotografiebegeisterte und alle, die Bücher mögen, die echte Menschen in echten Momenten zeigen, ist „The Drum Thing" schlicht ideal.


Fazit: 

„The Drum Thing" ist ein seltenes Buch – eines, das ein vernachlässigtes Thema mit der nötigen Ernsthaftigkeit, künstlerischen Ambition und menschlichen Wärme aufgreift und daraus etwas wirklich Bleibendes schafft. Deirdre O'Callaghan hat den Schlagzeugern der Welt ein Denkmal gesetzt, das ihrer Bedeutung für die Musik endlich gerecht wird. Wer dieses Buch aufschlägt, wird die nächste Konzertkarte mit anderen Augen kaufen – und seinen Blick vielleicht öfter in Richtung der Person wandern, die hinten sitzt, die Sticks in der Hand hält und die Musik am Leben hält. Uneingeschränkte Empfehlung.