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Kazuma Kaneko's Tsukuyomi – Review (Nintendo Switch)


Entwickler/Publisher: COLOPL | Genre: Roguelike Deck-Building RPG | Preis: ca. 19,99 € | Erschienen: 23. April 2026


Eine Legende betritt neues Terrain


Kazuma Kaneko ist eine lebende Legende der Videospielbranche. Sein unverwechselbarer Kunststil hat Serien wie Shin Megami Tensei und Persona über Jahrzehnte hinweg geprägt, und auch ikonische Designs wie die Devil Trigger-Verwandlungen aus Devil May Cry tragen seine Handschrift. Nun wagt der sogenannte „Demon Artist" mit Kazuma Kaneko's Tsukuyomi den Sprung ins Genre der Roguelike-Deckbuilder – und liefert dabei ein Ergebnis ab, das so faszinierend wie widersprüchlich ist.


Geschichte: Tokyo am Rande des Abgrunds


Das Spiel versetzt euch in ein nahzukünftiges Tokyo, in dem eine Eliteorganisation namens Tsukuyomi über übernatürliche Fähigkeiten verfügt. Ihre Mitglieder können mithilfe des gleichnamigen Gottes Dämonen – sogenannte Jinma – in Kartenform beschwören. Die Lage eskaliert, als THE HASHIRA, ein hochmoderner Wolkenkratzer über der Bucht von Tokyo, plötzlich von einer mysteriösen Barriere eingeschlossen wird. Im Inneren haben entfesselte Jinma die Kontrolle übernommen und bedrohen das Leben der eingeschlossenen Bewohner. Vier Tsukuyomi werden entsandt, um das Rätsel hinter dem Anschlag zu lösen und ein Ritual zu stoppen, das ganz Tokyo in den Abgrund zu reißen droht.


Die Geschichte ist handwerklich solide und bewegt sich stilistisch klar im Fahrwasser der klassischen Mainline-SMT-Titel. Wer Persona-artige Charaktertiefe erwartet, wird enttäuscht werden – die Protagonisten sind eher archetypisch angelegt, mit deutlich erkennbaren Law-, Chaos- und Neutral-Zügen. Das muss jedoch kein Nachteil sein: Fans der älteren, düstereren SMT-Atmosphäre werden sich sofort heimisch fühlen.


Weniger überzeugend ist das letzte Drittel der Story, das in eine merkwürdig selbstreferenzielle Richtung abdriftet. Ohne zu spoilern lässt sich sagen, dass die Erzählung an einem bestimmten Punkt eine Wendung nimmt, die mehr als Eitelkeit denn als dramaturgische Stärke wirkt.


Gameplay: Vertraut, zugänglich, mit Tücken


Erkundung des Turms


Die Bewegung durch THE HASHIRA ist bewusst simpel gehalten: Der Charakter läuft automatisch durch Korridore und bleibt an Kreuzungen stehen, an denen man die Richtung wählen muss. Eine kleine Übersichtskarte gibt dabei grobe Hinweise darauf, was die einzelnen Wege bereithalten könnten – sei es ein Kampf, ein Händler, eine Raststätte oder ein zufälliges Ereignis. Diese kleinen Navigationsentscheidungen fühlen sich leichtgewichtig, aber dennoch bedeutungsvoll an.


Zufällige Ereignisse lockern den Rhythmus zusätzlich auf: Kleine Textszenarien verlangen eine Entscheidung, deren Ausgang manchmal klar ist – und manchmal nicht. Das verleiht dem Durchlauf eine angenehme Unberechenbarkeit.


Das Kampfsystem


Das eigentliche Herzstück des Spiels ist das Kartenkampfsystem, und hier macht Tsukuyomi vieles richtig. Pro Runde zieht man drei Karten, die Angriffe, Verteidigung oder Spezialfähigkeiten repräsentieren. Gegner kündigen ihre Angriffe im Voraus an, sodass man gezielt planen kann: Die richtige Defensivkarte im richtigen Slot blockt Schaden vollständig, während Angriffskarten die Lebenspunkte des Feindes reduzieren. Viele Karten bringen darüber hinaus Bonuseffekte mit – Heilung, Statusveränderungen oder Schadensboosts unter bestimmten Bedingungen. Das System ist leicht erlernbar, bietet aber genug strategische Tiefe, um dauerhaft zu fesseln.


Die spielbaren Charaktere


Fünf Tsukuyomi stehen zur Auswahl, jeder mit eigenem Spielgefühl. Izayoi ist der zugängliche Einsteigercharakter mit verlässlichen Karten und starkem Fokus auf Verteidigung. Shingetsu setzt auf lange Kombinationsketten und Energieregeneration durch ihre sogenannte Virtue-Mechanik. Magetsu hingegen ist der Risikocharakter: Er setzt auf Statuseffekte und Selbstschaden, erhält dafür aber zeitweise Unverwundbarkeit. Hangetsu vereint Elemente beider Stile. Den fünften Charakter, Tomi Noriko, muss man erst freischalten – ihr Deck basiert auf den mächtigen Karten der Bosse und ist am komplexesten zu beherrschen.


Balancing und das Gacha-Problem


Hier liegt der größte Schwachpunkt des Spiels. Neben den Karten aus dem randomisierten Dungeon-Pool gibt es ein gacha-ähnliches System, über das man Gottheiten-Karten erhält. Diese lassen sich frei wählen und in zukünftige Durchläufe mitnehmen. Das Problem: Die freiwählbaren Gottheiten-Karten sind häufig schlicht stärker als die zufällig gefundenen Dungeon-Karten. Da außerdem ein dünneres Deck strategisch vorteilhafter ist – man zieht bei jeder gespielten Karte sofort nach – tendiert man bald dazu, fast ausschließlich auf die starken wählbaren Karten zu setzen. Mit wachsender Sammlung werden die Runs dadurch zunehmend ähnlich und das Roguelike-Kernelement verliert spürbar an Gewicht.


Das Devil May Cry-Crossover


Ein echtes Highlight, das Fans begeistern dürfte: Im mittleren Teil der Geschichte begegnet man Dante, Nero und Vergil aus Devil May Cry 5. Abhängig von den getroffenen Entscheidungen kommt es zu Kämpfen gegen die drei Teufelsjäger. Nach dem Sieg schließen sie sich als mächtige Jinma-Karten an, deren Effekte die Fähigkeiten aus dem Ursprungstitel stimmig widerspiegeln. Ein cleveres, gut integriertes Crossover, das weit mehr ist als ein bloßes Marketinggimmick.


Präsentation: Stark – mit einem Aber


Visuell ist Tsukuyomi unverkennbar Kanekos Werk. Die Dämonendesigns sind eindringlich, eigenartig und voller Persönlichkeit – die perfekte Synthese aus alter Folklore und urbaner Moderne. Die Spielwelt verströmt eine beunruhigende Atmosphäre, die dem Feeling der SMT-Reihe in nichts nachsteht.


Weniger überzeugend sind die menschlichen Nebencharaktere, deren Designs deutlich generischer wirken. Hier ist der Kontrast zu den ikonischen Kreaturendesigns besonders deutlich spürbar.


Die KI-Kontroverse


Man kann über Tsukuyomi nicht sprechen, ohne das Thema generative KI anzusprechen. Der Vorgänger des Spiels – Tsukuyomi: The Divine Hunters auf Mobile und PC – nutzte ein KI-Modell namens AI KANEKO, das auf Kanekos Kunstwerken trainiert wurde und basierend auf Spielerentscheidungen neue Karten generierte. Die Switch-Version ist ein Offline-Titel und verzichtet auf diese Echtzeitgenerierung, enthält jedoch Karten, die ihren Ursprung in diesem System haben.


Kaneko selbst beschreibt die KI als kreatives Ausdrucksmittel, vergleichbar mit dem Übergang von Tusche zu digitaler Kunst. Ob man diese Perspektive teilt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen – für viele Spieler wird es ein relevanter Faktor bei der Kaufentscheidung sein.


Fazit


Kazuma Kaneko's Tsukuyomi ist kein makelloses Spiel, aber ein ehrliches und in vielen Momenten wirklich unterhaltsames. Das Kampfsystem ist zugänglich und taktisch, die Charaktervielfalt lädt zum Experimentieren ein, und die Atmosphäre ist unverwechselbar. Das Crossover mit Devil May Cry setzt ein charmantes Ausrufezeichen.


Auf der anderen Seite kämpft das Spiel mit einem Balancing-Problem, das den Roguelike-Kern langfristig aushöhlt, einer Story, die gegen Ende ins Selbstbezügliche kippt, und einer KI-Kunstdebatte, die nicht jeden kalt lassen wird.


Für rund 20 Euro bekommt man dennoch ein solides Gesamtpaket – besonders für SMT-Fans und Einsteiger ins Deckbuilder-Genre eine klare Empfehlung. Veteranen des Genres könnten hingegen zu schnell an die Grenzen des Systems stoßen.