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Die Affäre der Sunny von B.

Die Affäre der Sunny von B. (1990) – Filmkritik
Blu-ray-Neuveröffentlichung von One Gate Media


Es gibt Fälle, die eine Gesellschaft nicht loslassen – weil sie zu viel preisgeben über das, was hinter verschlossenen Türen der Reichen und Schönen vor sich geht. Der Fall von Bülow war so ein Fall. Als die steinreiche Sunny von Bülow im Dezember 1980 ins Koma fiel, aus dem sie nie mehr erwachen sollte, begann eine der spektakulärsten Justizgeschichten der amerikanischen Nachkriegszeit. Regisseur Barbet Schroeder hat daraus 1990 einen Film gemacht, der bis heute nichts von seiner Klugheit und seiner verstörenden Faszination verloren hat. One Gate Media bringt dieses außergewöhnliche Werk nun auf Blu-ray heraus – eine Veröffentlichung, die höchste Aufmerksamkeit verdient.


Schroeder, der mit "Barfly" bereits bewiesen hatte, dass ihn gesellschaftliche Ränder und menschliche Abgründe fesseln, findet für diesen Stoff einen Ton, der von der ersten Minute an unter die Haut geht. Er verweigert dem Publikum das Einfache, das Eindeutige, das befriedigende Urteil. Stattdessen kreist der Film unablässig um eine zentrale, nie vollständig beantwortete Frage: War Claus von Bülow ein kaltblütiger Mörder aus Habgier – oder ein Mann, der in einem System aus Geld, Abhängigkeit und gesellschaftlichem Druck zum Sündenbock wurde? Die Antwort bleibt offen. Und genau das macht den Film so meisterhaft.


Jeremy Irons spielt Claus von Bülow in einer Leistung, die zurecht mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Es ist eine Darstellung von geradezu beunruhigender Präzision. Irons findet für diese Figur eine Haltung, die zwischen eisiger Eleganz und verletzlicher Menschlichkeit oszilliert, ohne je zu verraten, was wirklich dahintersteckt. Jedes Lächeln könnte Arroganz sein oder Schmerz, jede Geste könnte Berechnung oder Erschöpfung bedeuten. Man beobachtet ihn fasziniert und angewidert zugleich – und genau das ist die Absicht. Irons lässt uns nie zur Ruhe kommen, nie sicher sein. Das ist großes Schauspielkino.


Glenn Close als Sunny, obwohl die Figur den größten Teil des Films bewusstlos ist, hinterlässt durch Rückblenden einen bleibenden Eindruck. Schroeder zeigt uns eine Frau, die in ihrem eigenen goldenen Käfig längst aufgehört hat zu leben, bevor sie ins Koma fiel. Close spielt diese stille Tragödie mit feinem Gespür: Sunny ist keine Heilige und kein Opfer im simplen Sinne, sondern ein Mensch, dessen Reichtum sie von der Welt abgeschnitten und in eine Einsamkeit getrieben hat, aus der es keinen sichtbaren Ausweg gab. Die Frage, ob ihr Ehemann ihr diesen Ausweg gewaltsam beschleunigt hat, bleibt das Zentrum des Films.


Ron Silver als Alan Dershowitz, der reale Starjurist und Rechtsprofessor, der den Fall für die Berufung übernahm, liefert das notwendige Gegengewicht zu Irons' undurchdringlicher Kühle. Dershowitz glaubt nicht an die Unschuld seines Mandanten – aber er glaubt an die Lücken im Verfahren, an die Grundsätze des Rechtsstaats, an das Prinzip, dass ein unfaires Verfahren niemals ein gerechtes Urteil produzieren kann. Diese moralische Ambivalenz, die Silver mit ehrlicher Energie spielt, gibt dem Film eine zusätzliche intellektuelle Schicht. "Die Affäre der Sunny von B." ist auch ein Film über Recht und Gerechtigkeit – und darüber, dass beides nicht zwingend dasselbe ist.


Schroeder trifft darüber hinaus eine formale Entscheidung, die anfangs kühn wirkt und sich am Ende als Geniestreich erweist: Sunny selbst, aus dem Koma heraus, kommentiert als innere Stimme die Ereignisse des Films. Diese Erzählperspektive gibt dem ganzen Werk eine gespenstische, traumwandlerische Qualität. Die Tote – oder die so gut wie Tote – schaut zu, während die Lebenden um Wahrheit, Recht und Ansehen kämpfen. Das ist literarisch gedacht und funktioniert im Film mit großer Wirkung.


Basierend auf dem Sachbuch "Reversal of Fortune" von Alan Dershowitz aus dem Jahr 1985, bleibt der Film seinem Quellmaterial treu in dem, was wirklich zählt: der konsequenten Weigerung, dem Zuschauer eine bequeme Version der Wahrheit anzubieten. Gut und Böse, Schuld und Unschuld – der Film behandelt diese Kategorien als das, was sie in der Realität oft sind: unzureichend, verschwommen, von gesellschaftlichen Interessen überlagert.


Dass One Gate Media diesen Film nun auf Blu-ray veröffentlicht, ist eine Entscheidung, für die man dankbar sein muss. Das Format tut dem Werk gut. Schroedres visuelle Sprache, die zwischen dem blendenden Glanz der Reichen und der nüchternen Welt des Rechtssystems wechselt, kommt in dieser Qualität erst richtig zur Geltung.


"Die Affäre der Sunny von B." ist kein angenehmer Film. Er ist ein unbequemer, kluger, handwerklich makelloser Film über Macht, Wahrheit und die Grenzen dessen, was wir über andere Menschen wirklich wissen können. Dreißig Jahre nach seiner Entstehung hat er nichts von seiner Schärfe verloren. Pflichtprogramm.