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Neon Deutschland – Jesse Simon (Prestel Verlag) – Buchkritik


Es gibt Dinge, die man täglich passiert, ohne sie wirklich zu sehen. Ein flackerndes Schild über einer Drogerie, das schon seit Jahrzehnten dort hängt. Eine Leuchtreklame in verblasstem Rot über dem Eingang eines Friseurs, dessen Schriftzug noch genauso aussieht wie 1967. Man nimmt sie zur Kenntnis, irgendwo am Rand des Bewusstseins, und geht weiter. Jesse Simon ist stehengeblieben. Hat hingeschaut. Hat fotografiert. Und das Ergebnis ist ein Buch, das man so schnell nicht wieder aus der Hand legt.


"Neon Deutschland", erschienen im Prestel Verlag, ist eine Reise durch die leuchtende Hinterlassenschaft der deutschen Nachkriegsmoderne – eine Bestandsaufnahme dessen, was von der großen Neon-Ära noch übrig ist. Simon, Design- und Typografie-Experte mit einem offensichtlich unerschöpflichen Blick für das Übersehene, hat sich durch deutsche Innenstädte, Nebenstraßen und vergessene Ecken bewegt, von Dortmund bis Dresden, von Hamburg bis München, immer auf der Suche nach den flackernden Überbleibseln einer Designkultur, die seit den 1950er und 1960er Jahren das Stadtbild geprägt hat und heute langsam, aber unaufhaltsam erlischt.


Was sofort auffällt beim Blättern durch diesen Band: Simon fotografiert ohne Nostalgie-Kitsch. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das Thema lädt geradezu ein zur Übersentimentalisierung, zum wehmütigen Sepia-Blick auf eine bessere Vergangenheit. Simon verweigert das. Seine Bilder sind präzise, ehrlich und oft von einer sachlichen Schönheit, die gerade deshalb so trifft. Er zeigt die Schilder so, wie sie sind: manchmal in vollem Glanz, manchmal halb erloschen, manchmal nur noch als Silhouette, als Gerippe aus gebogenen Glasröhren, aus denen das Leuchten längst gewichen ist. Diese Bandbreite – von noch funktionierenden Neonprachtstücken bis zu stummen, verwitterten Überresten – gibt dem Buch seine besondere Tiefe. Es ist ein Dokument des Lebendigen ebenso wie des Vergehens.


Die Entscheidung, sowohl Tag- als auch Nachtaufnahmen einzubeziehen, erweist sich als einer der klügsten gestalterischen Griffe des Bandes. Bei Tageslicht sieht man die Konstruktion, das Material, das Handwerk, das hinter diesen Schildern steckt – die gebogenen Röhren, die Halterungen, die manchmal abenteuerlichen Befestigungen an Fassaden, die selbst in die Jahre gekommen sind. Bei Nacht dann die eigentliche Magie: das farbige Leuchten gegen dunklen Himmel oder nasse Straßen, dieser spezifische Glanz, den keine LED-Reklame je wirklich imitiert hat. Wer einmal vor einem echten Neonschild gestanden hat, weiß, dass es ein organisches Flackern hat, eine Wärme, eine leichte Unregelmäßigkeit, die es lebendig erscheinen lässt. Simons Nachtbilder fangen genau das ein.


Typografisch ist das Buch ein Fest. Simon hat als Experte naturgemäß ein besonderes Auge für Schriftgestaltung, und so wird die Vielfalt der abgebildeten Lettern selbst zum Thema. Die breite Palette an Schriftstilen – von sachlicher Nachkriegsmoderne über geschwungene Fifties-Kursivschrift bis zu handwerklich improvisierten Einzelstücken – erzählt nebenbei eine Geschichte der deutschen Gebrauchsgrafik und des Designs im 20. Jahrhundert. Man lernt beim Betrachten, auch wenn man es nicht merkt.


Die Begleittexte sind knapp gehalten, was die richtige Entscheidung ist. Simon erklärt, ordnet ein, gibt Kontext – aber er überschreibt nie das Bild. Die kurzen Legenden zu den einzelnen Aufnahmen, ergänzt durch Karten, die die Fundorte verorten, geben dem Band eine dokumentarische Struktur, ohne ihn in ein trockenes Inventar zu verwandeln. Es bleibt ein Buch zum Schauen, das man aber auch lesen kann, und das ist eine Balance, die im Bereich der Fotobände nicht selbstverständlich ist.


Was "Neon Deutschland" letztlich so wirkungsvoll macht, ist sein Bewusstsein für das, was verloren geht. Nicht larmoyant, nicht anklagend, sondern mit einem leisen, augenzwinkernden Ernst. Jedes dieser Schilder ist ein handgemachtes Objekt, entstanden in einer Zeit, als Werbung noch aus dem Können einzelner Handwerker und Gestalter bestand – Glasbieger, Zeichner, Installateure –, die ihre Arbeit für die Ewigkeit bauten, oder zumindest für sehr viele Jahrzehnte. Die Digitalkultur hat dieses Handwerk an den Rand gedrängt. LED-Panels lassen sich günstiger produzieren, einfacher wechseln, beliebig gestalten. Aber sie haben keine Seele auf diese Weise. Simon sagt das nicht explizit. Er zeigt es einfach.


Für alle, die sich für Design, Typografie, urbane Alltagskultur und die Erhaltung des Analogen interessieren, ist dieser Band schlicht unverzichtbar. Aber auch wer sich bisher nie bewusst mit Neon oder Leuchtreklame beschäftigt hat, wird dieses Buch nicht unberührt zur Seite legen. Es verändert den Blick – und das ist das höchste Lob, das man einem Fotobuch aussprechen kann. Nach der Lektüre geht man durch die eigene Stadt und schaut plötzlich anders hin. Nach oben, an Fassaden, über Eingänge. Auf der Suche nach dem Flackern.