The Mad Foxes (VHS) – Retro-Review: Exploitation-Exzess von Movie Video
Originaltitel: Los Violadores
Alternativtitel: Mad Foxes – Feuer auf Räder / Stingray 2
Regie: Paul Grau
Jahr: 1981 (Kino) / ca. 1983-1987 (VHS-Release)
Darsteller: José Gras (als Robert O'Neal), Laura Premica, Andrea Albani, Eric Falk, Peter John Saunders
VHS-Vertrieb: Movie Video (Deutschland)
Laufzeit VHS: Ca. 77 Minuten
Format: PAL, Magnetband
FSK: Ungeprüft (später FSK 18)
Produzent: Erwin C. Dietrich
Damaliger VHS-Preis: Ca. 69-89 DM (Kaufversion)
Es ist Mitte der 80er Jahre, und die Videothek um die Ecke hat gerade ihre Action-Ecke neu sortiert. Dort, versteckt hinter einem Vorhang zwischen anderen fragwürdigen Titeln, steht eine Schachtel mit einem Cover, das selbst für Exploitation-Verhältnisse extrem ist. Ein Mann mit einer Maschinenpistole, im Hintergrund Nazi-Biker mit Totenköpfen auf den Jacken, Motorräder, Explosionen, und in grellen roten Lettern der Titel Mad Foxes mit dem Untertitel Feuer auf Räder. Das Movie Video-Logo oben rechts signalisiert: Das hier ist harter Stoff, und das weiß auch der Videothekenbesitzer, der dich skeptisch mustert. Du bist volljährig, greifst zu, zahlst die 8 Mark Leihgebühr für drei Tage, nimmst das Tape mit nach Hause. Später am Abend läuft der Videorekorder, das Bild flackert auf, und für die nächsten 77 Minuten erlebst du einen Film, der so absurd, brutal und unfreiwillig komisch ist, dass du nicht weißt, ob du lachen, wegsehen oder einfach nur ungläubig den Kopf schütteln sollst.
Willkommen bei The Mad Foxes, einem der bizarrsten, most over-the-top Exploitation-Filme, die jemals auf VHS erschienen sind, und Movie Video war der Verleiher, der mutig genug war, ihn in Deutschland zu veröffentlichen, in einer Zeit, als die Bundesprüfstelle noch jeden zweiten Film auf den Index setzte.
Die Geschichte von Mad Foxes beginnt in den frühen 80ern mit dem Schweizer Filmproduzenten Erwin C. Dietrich, einer Legende im Bereich des europäischen Exploitation-Kinos. Dietrich hatte in den 70ern mit Filmen wie Rolls Royce Baby, Barbed Wire Dolls und zahlreichen Jess Franco-Produktionen sein Geld verdient und kannte sich aus mit Sleaze, Gewalt und Nacktheit. Als Paul Grau, einer seiner Produktionsleiter, ihm 1981 vorschlug, einen eigenen Film zu drehen, sprang Dietrich als Co-Produzent ein, verfolgte die Dreharbeiten aber nicht aktiv und bekam erst den fertigen Film zu sehen, den er bis heute in kompletter Länge nicht ansehen konnte. Dietrich hat ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Film. Einerseits spielte Mad Foxes seine Kosten nie ganz ein, weil er recht zeitnah zur Kinoauswertung indiziert wurde, andererseits wollte Dietrich nie bewusst Trashfilme drehen, und Mad Foxes ist purer, unkontrollierter Trash.
Der Film wurde in Spanien und der Schweiz gedreht mit einem winzigen Budget und einem Cast, der hauptsächlich aus Laien und Dietrich-Stammdarstellern bestand. José Gras, der später in Filmen wie Bruno Matteis Hell of the Living Dead und Lucio Fulcis Conquest auftauchen würde, spielt den vermeintlichen Helden Hal Walters, einen Playboy-Schürzenjäger im grellsten Anzug der Filmgeschichte. Die Handlung ist schnell erzählt: Hal und seine 18-jährige Freundin, die zufällig noch Jungfrau ist, werden nach einem Disco-Besuch von einer Gang Nazi-Bikern angegriffen, die Lederkluft mit Totenköpfen, Codpieces und Fliegerbrille tragen. Die Biker verprügeln Hal und vergewaltigen seine Freundin auf offener Straße. Hal schwört Rache, holt sich Hilfe von seinem Freund, einem Karate-Lehrer, und dessen Schülern. Gemeinsam überfallen sie die Biker bei einer Beerdigung, kastrieren den Anführer Stileto und füttern ihm sein eigenes abgetrenntes Gemächt. Was folgt, ist eine endlose Spirale der Gewalt: Die Biker töten Hals Familie, Hal tötet mehr Biker, die Biker töten noch mehr unschuldige Menschen, bis am Ende praktisch jeder tot ist in einem nihilistischen Finale, das keinem der Beteiligten eine Erlösung bietet.
Das klingt nach einem ernsten Rape-Revenge-Film im Stil von I Spit on Your Grave, aber Mad Foxes ist alles andere als ernst. Es ist ein absurdes, chaotisches, hilarisch schlecht inszeniertes Stück Exploitation, das zwischen extremer Gewalt, unfreiwilliger Komik und bizarren ästhetischen Entscheidungen schwankt. Die Kampfszenen sind so schlecht choreografiert, dass sie aussehen wie eine Grundschul-Theateraufführung. Menschen sterben mit dramatischen Gesichtsausdrücken, aber du siehst nie, wie die Schläge landen. Die Karate-Kicks sind in Zeitlupe und verfehlen ihr Ziel um Meilen. Die Tode sind lächerlich: Ein Gärtner wird mit einer Gartenschere ermordet, ein Mann ertrinkt in einer gelben, urin-farbenen Badewanne, ein Nazi-Biker wird von Hals aufgerissener Motorhaube erdrückt. Jedes Mal, wenn jemand stirbt, gibt es einen dramatischen Zoom auf das Gesicht des Opfers, begleitet von den unpassendsten Musikstücken, die die Redaktion auftreiben konnte.
Und dann ist da die Synchronisation. Die deutsche Fassung, die Movie Video veröffentlichte, hat eine der schlimmsten Synchronisationen der VHS-Ära. Die Stimmen passen nicht zu den Mündern, die Dialoge sind holprig und unfreiwillig komisch, und manche Szenen wirken, als hätte der Synchronregisseur den Film nie gesehen. Stileto, der Anführer der Biker, hat eine der ikonischsten Zeilen der Filmgeschichte: Hello, bastards! Here's a little present for ya!, bevor er jemanden mit einer Schaufel erschlägt. Diese Zeile wurde in den 80ern zum Kult unter VHS-Sammlern, die den Film in Midnight-Screenings gemeinsam anschauten und die besten bad lines mitzitierten.
Die Movie Video-VHS-Fassung war, wie bei vielen kleineren deutschen Verleihern der Zeit, technisch solide, aber nicht brillant. Movie Video, ein Label, das sich auf internationale Action- und Horrorfilme spezialisiert hatte, brachte den Film in einer ungeprüften Version auf den Markt, was bedeutete, dass keine FSK-Prüfung stattfand. Das Cover war typisch für Movie Video: grell, reißerisch, voller Action-Motive. José Gras mit Maschinenpistole, die Nazi-Biker im Hintergrund, Explosionen, Feuer. Die Rückseite hatte eine übertriebene Inhaltsangabe, die den Film noch härter klingen ließ, als er war, plus Szenenfotos, die die brutalsten Momente zeigten. Das Movie Video-Logo war dezent, aber erkennbar, und Sammler wussten: Wenn Movie Video einen Film veröffentlichte, war es meistens was Hartes.
Die Bildqualität war für Mitte der 80er Jahre durchschnittlich. Das Bild war relativ scharf, die Farben kräftig, manchmal übersättigt, was dem Film eine surreale, Comic-artige Qualität gab. Der Ton war Mono, gelegentlich dumpf, aber funktional. Die deutsche Synchronisation rettete, was zu retten war, auch wenn einige Dialoge so absurd waren, dass man sich fragte, ob das Absicht war. Die Gore-Effekte kamen gut rüber, auch in der beschnittenen VHS-Qualität, und die vielen Nacktszenen, sowohl männliche als auch weibliche full-frontal nudity, waren unzensiert. Mad Foxes war berüchtigt für seine exzessive Darstellung von Genitalien, insbesondere männlicher, was in den 80ern ungewöhnlich und für viele Zuschauer schockierend war.
Der Film selbst ist schwer zu kategorisieren, weil er so viele Genre-Elemente mischt und dabei in keinem wirklich erfolgreich ist. Es ist ein Biker-Film ohne coole Bikes, ein Martial-Arts-Film ohne gute Kampfszenen, ein Rape-Revenge-Film ohne moralische Klarheit, und ein Nazisploitation-Film ohne echten politischen Subtext. Die Nazi-Biker sind einfach böse, weil sie Nazi-Symbolik tragen, aber der Film erklärt nie, warum oder was ihre Ideologie ist. Sie sind einfach da, um schlecht zu sein und zu sterben.
Was Mad Foxes besonders macht, ist seine schiere Unverfrorenheit. Der Film schreckt vor nichts zurück. Die Vergewaltigungsszenen sind hart und unangenehm, die Gewaltdarstellungen sind über-the-top und blut
ig, und die Sexszenen sind explizit und zahlreich. Hal, der Held, ist kein Held. Er ist ein Schürzenjäger, der mindestens drei Freundinnen gleichzeitig hat, eine davon erst 18 Jahre alt, und der ohne zu zögern Leute umbringt, ob sie es verdienen oder nicht. Am Ende des Films ist er genauso schuldig wie die Biker, und der Film weiß das. Das nihilistische Ende, in dem praktisch alle Hauptfiguren tot sind, ist selten für Exploitation-Filme dieser Ära, die normalerweise zumindest eine Art moralische Wiederherstellung bieten. Mad Foxes bietet keine. Es ist ein Film über Gewalt, die nur mehr Gewalt erzeugt, bis niemand mehr übrig ist.
Die Movie Video-Veröffentlichung war kommerziell erfolgreich genug, um den Film in Sammlerkreisen bekannt zu machen, aber er blieb ein Nischenprodukt. Die meisten Videotheken stellten ihn ins hinterste Regal, hinter einen Vorhang, wegen der harten Gewalt- und Sexszenen. Eltern waren entsetzt, wenn ihre Teenager den Film ausliehen. Die Bundesprüfstelle nahm Notiz und setzte ihn schließlich auf den Index, wo er jahrelang blieb. Heute ist Mad Foxes kein indizierter Film mehr, und moderne Releases von Labels wie Cauldron Films und Full Moon haben ihn in restaurierten 4K-Versionen herausgebracht, komplett ungeschnitten und mit Extras, die die absurde Geschichte des Films dokumentieren.
Kritiker waren und sind sich einig: Mad Foxes ist ein furchtbarer Film. Die Inszenierung ist inkompetent, die Schauspielerei amateurhaft, die Handlung nonsense. Aber er ist auch faszinierend, weil er so unapologetically trash ist. Es gibt keine Ironie, keine Selbstreflexion. Paul Grau und Erwin C. Dietrich machten diesen Film ernst, auch wenn er aus heutiger Sicht wie eine Parodie wirkt. Ein Kritiker schrieb: There's exploitation and then there's Mad Foxes, und das trifft es perfekt. Mad Foxes geht weiter als die meisten Exploitation-Filme, weiter in Gewalt, Sex, Absurdität. Es ist nicht der dreckigste oder blutigste Film der Ära, aber er ist der unverblümteste, der Film, der sagt: Ja, das sind wir. Ja, das machen wir. Nein, wir schämen uns nicht.
Heute ist die Movie Video-VHS von Mad Foxes ein Sammlerstück, das je nach Zustand zwischen 30 und 80 Euro kostet. Nicht astronomisch, aber respektabel für einen Film, der vor über 40 Jahren erschien. Die Blu-ray von Cauldron Films aus den 2010ern ist technisch überlegen, restauriert, ungeschnitten, mit englischem und deutschem Ton. Aber die VHS hat ihren Charme. Sie erinnert an eine Zeit, als Filme wie dieser gefährlich waren, als ungeprüft noch etwas bedeutete, als ein Movie Video-Label auf einer Kassette signalisierte: Hier wird es hart.
Mad Foxes ist kein guter Film. Er ist technisch schlecht, moralisch fragwürdig und narrativ chaotisch. Aber er ist auch ehrlich. Er ist Exploitation in Reinform, ohne Filter, ohne Entschuldigung. Er zeigt, was das Genre war: laut, dreckig, provokativ. Die Movie Video-VHS ist mehr als nur eine Heimkino-Edition. Sie ist ein Zeitdokument einer Ära, in der die Videothek noch ein gefährlicher Ort war, in der ein ungeprüftes Tape das Tor zur Hölle sein konnte, und in der Filme wie Mad Foxes bewiesen, dass man mit fast keinem Budget und keinem Talent trotzdem etwas machen konnte, das unvergesslich war, wenn auch aus den falschen Gründen.
Schalte das Licht aus. Drücke auf Play. Hello, bastards. Die Biker kommen.
Fun Facts
🏍️ Nazi-Biker ohne Erklärung: Die Biker-Gang trägt Nazi-Symbolik, Totenköpfe und Codpieces, aber der Film erklärt nie, warum sie Nazis sind oder was ihre Ideologie ist. Sie sind einfach böse, weil das visuell eindrucksvoll ist.
🎬 Erwin C. Dietrich distanziert sich: Produzent Erwin C. Dietrich, eine Legende des Schweizer Exploitation-Kinos, hat bis heute ein zwiegespaltenes Verhältnis zum Film und gab zu, ihn nie in voller Länge gesehen zu haben.
💀 Stileto-Kult: Der Biker-Anführer Stileto wurde in den 80ern zum Kult-Charakter unter VHS-Sammlern, besonders wegen seiner ikonischen Zeile Hello, bastards! Here's a little present for ya! bevor er jemanden mit einer Schaufel erschlägt.
🍆 Exzessive männliche Nacktheit: Mad Foxes ist berüchtigt für seine exzessive Darstellung männlicher Genitalien, was 1981 in Mainstream-Exploitation-Filmen ungewöhnlich war. Ein Kritiker schrieb: Lots of dongs. I mean LOTS OF DONGS.
🎭 José Gras-Karriere: Hauptdarsteller José Gras (unter dem Pseudonym Robert O'Neal) wurde später in Filmen wie Bruno Matteis Hell of the Living Dead und Lucio Fulcis Conquest besetzt, was zeigt, dass er trotz Mad Foxes eine Karriere im italienischen Exploitation-Kino hatte.
🛁 Urin-farbene Badewanne: Eine der bizarrsten Szenen zeigt eine Sexszene in einer Badewanne mit gelbem, urin-farbenen Wasser. Ob das Absicht war oder schlechte Beleuchtung, bleibt ein Mysterium.
📼 Stingray 2-Betrug: Der Film wurde in Kanada als Stingray 2 vermarktet, obwohl er absolut nichts mit dem 1978er Film Stingray zu tun hat. Es war reines Marketing-Geplänkel, um mehr Verkäufe zu generieren.
🎵 Disco-Soundtrack: Der Soundtrack enthält bizarr unpassende Disco-Musik, inklusive eines Songs der Schweizer Hard-Rock-Band Krokus über die Opening Credits, was den surrealen Ton des Films perfekt zusammenfasst.
💔 Nihilistisches Ende: Anders als typische Rape-Revenge-Filme bietet Mad Foxes keine moralische Wiederherstellung. Fast alle Hauptcharaktere sterben, und der Film endet in hoffnungsloser Düsternis, was für Exploitation ungewöhnlich war.
📀 Moderne Restaurierung: 2023 wurde Mad Foxes von Cauldron Films in 4K UHD Blu-ray veröffentlicht, was zeigt, dass selbst die schlechtesten Filme der Geschichte eine treue Fanbase haben, die sie in bester Qualität sehen will.