Grizzly – Eine Bestie läuft Amok (Super 8) – Retro-Review: Als „Der weiße Hai" Tatzen bekam
Originaltitel: Grizzly
Regie: William Girdler
Jahr: 1976 (Kino) / ca. 1978-1982 (Super 8-Release)
Darsteller: Christopher George, Andrew Prine, Richard Jaeckel, Joan McCall
Super 8-Vertrieb: Piccolo Film (Deutschland)
Format: 120 Meter, Color/Ton (Magnetton)
Laufzeit: Ca. 17 Minuten (von ursprünglich 89 Min.)
Besonderheit: Stark gekürzte Schnittfassung, oft aus amerikanischem Universal-8-Material
Damaliger Preis: 149 DM
Es ist Ende der 70er, Anfang der 80er. Das Fotofachgeschäft um die Ecke hat gerade sein Super 8-Sortiment aufgestockt, und da, zwischen „Der weiße Hai" und „Das Omen", steht eine Schachtel mit einem Cover, das schon beim Ansehen Angst macht. Ein riesiger Grizzlybär, aufgerichtet, die Tatzen erhoben, hinter ihm eine panische Frau im Bikini, im Hintergrund brennender Wald. Der Schriftzug „Grizzly – Eine Bestie läuft Amok" in grellen, reißerischen Lettern, und oben das vertraute Piccolo-Film-Logo. 120 Meter, Farbe, Ton. 89 Mark, Sonderaktion. Du greifst zu, zahlst, nimmst die Spule mit nach Hause. Später am Abend, der Eumig Mark S 810 läuft, die Leinwand leuchtet auf, und für die nächsten 17 Minuten bist du mittendrin im blutigsten Tierhorrorfilm, den der C64-Generation das Heimkino zu bieten hatte.
Willkommen in der Ära, als Piccolo Film die amerikanischen Exploitation-Hits nach Deutschland brachte und „Grizzly" einer der härtesten Titel war, die man legal auf Super 8 bekommen konnte. Vergiss VHS, vergiss Videotheken – Super 8 war das Medium, auf dem solche Filme zuerst ins Wohnzimmer kamen, und Piccolo Film war der Verleiher, der sich traute, sie zu veröffentlichen.
Die Geschichte von „Grizzly" ist schnell erzählt und gleichzeitig ein perfektes Beispiel für das Exploitation-Kino der 70er Jahre. Nach dem gigantischen Erfolg von Steven Spielbergs „Der weiße Hai" im Jahr 1975 gab es eine simple Frage in Hollywood: Wenn ein Hai im Wasser funktioniert, warum nicht ein Bär im Wald? Produzent Harvey Flaxman hatte während eines Familienausflugs eine Begegnung mit einem Bären, Co-Produzent David Sheldon erkannte das kommerzielle Potenzial, und Regisseur William Girdler – damals bekannt für Low-Budget-Grindhouse-Filme wie „Sheba, Baby" mit Pam Grier – fand innerhalb einer Woche die Finanzierung bei Edward L. Montoros Film Ventures International. 750.000 Dollar Budget, gedreht in Clayton, Georgia, mit vielen Einheimischen in Nebenrollen. Das Ergebnis? Ein Film, der 1976 zum erfolgreichsten unabhängigen Film des Jahres wurde und weltweit fast 39 Millionen Dollar einspielte – mehr als das 50-fache seiner Produktionskosten.
Die Handlung? Ein 18 Fuß großer, prähistorischer Grizzlybär terrorisiert einen Nationalpark. Ranger Mike Kelly, gespielt von Christopher George, versucht verzweifelt, den Park zu schließen, aber der bürokratische Parkleiter Kittridge weigert sich – Touristen bringen Geld, und ein paar tote Camper sind da nur Kollateralschaden. Kelly holt sich Hilfe vom Helikopterpiloten Don Stober (Andrew Prine) und dem Naturforscher Arthur Scott (Richard Jaeckel), und gemeinsam jagen sie das Monster. Der Bär tötet weiter, brutal und gnadenlos. Frauen werden zerfleischt, Männer zerstückelt, ein Kind verliert sein Bein. Am Ende? Eine Bazooka. Ja, eine verdammte Bazooka. Der Bär explodiert in einem Feuerball. Roll Credits.
Die Piccolo-Film-Fassung von „Grizzly" ist ein faszinierendes Stück Super 8-Geschichte, weil sie zeigt, wie der deutsche Markt in den späten 70ern und frühen 80ern funktionierte. Piccolo Film, mit Sitz zunächst in Stuttgart und später in Ismaning bei München, war einer der großen drei deutschen Super 8-Verleiher neben UFA und Marketing. Was Piccolo besonders machte, war ihre Strategie: Sie kauften oft fertige Kopien aus dem amerikanischen Programm – in diesem Fall von Universal-8, dem Nachfolger von Castle Films – und versahen sie mit deutscher Synchronisation. Das war kostengünstiger als eigene Kopien herzustellen, und es ermöglichte Piccolo, Filme schnell auf den Markt zu bringen. „Grizzly" kam vermutlich zwischen 1978 und 1982 in die Läden, zeitgleich mit anderen Universal-8-Titeln wie „Airport", „Das Omen" oder „Kampfstern Galactica", die Piccolo ebenfalls übernahm.
Die 120-Meter-Fassung, die Piccolo anbot, war eine drastische Kürzung. Von den ursprünglich 89 Minuten Laufzeit blieben etwa 17 Minuten übrig – gerade einmal 19 Prozent des Films. Was fehlte? Alles, was keine Action war. Die Charakterentwicklung? Weg. Die Liebesgeschichte zwischen Kelly und der Fotografin Allison? Weg. Die Diskussionen über Parkpolitik? Weg. Die atmosphärischen Aufnahmen der georgischen Wälder? Größtenteils weg. Was blieb? Pure, ungeschliffene Bären-Action. Der Bär greift an. Menschen sterben. Der Bär greift wieder an. Mehr Menschen sterben. Hubschrauber-Einsatz. Bazooka. Explosion. Ende. Es war „Grizzly" reduziert auf seine Essenz – ein 17-minütiges Schlachtfest, das keine Zeit für Nebensächlichkeiten wie Plot oder Emotionen verschwendete.
Die Piccolo-Schachtel selbst war ein Kunstwerk der Exploitation-Vermarktung. Das Cover zeigte den aufgerichteten Bären in voller Bedrohlichkeit, dahinter die panische Frau, oft in knapper Kleidung (obwohl diese Szene so im Film gar nicht vorkam – aber das war egal, Sex sells). Die Rückseite hatte eine reißerische Inhaltsangabe: „Ein prähistorischer Grizzly, 18 Fuß groß und 2000 Pfund schwer, terrorisiert einen Nationalpark! Ranger Kelly muss die Bestie stoppen, bevor weitere Opfer fallen!" Dazu Szenenfotos – der Bär, die Opfer, die Explosion. Alles, was man brauchte, um zu wissen: Das wird brutal.
Die Bildqualität der Piccolo-Kopien war, wie bei vielen ihrer Universal-8-Übernahmen, gemischt. Wenn man Glück hatte und eine frühe Kopie erwischte, war das Bild relativ scharf, die Farben kräftig, die Details erkennbar. Wenn man Pech hatte und eine spätere, oft kopierte Rolle bekam, war das Bild matschig, die Farben verwaschen, der Kontrast flau. Das lag daran, dass Piccolo Film in den späten 70ern und frühen 80ern größtenteils Acetat-Film verwendete, ein Material, das dazu neigte, mit der Zeit zu verblassen und ins Rötliche umzuschlagen. Viele Sammler berichten heute vom „Essiggeruch" bei alten Piccolo-Kopien – ein Zeichen dafür, dass sich das Acetat zersetzt. Gegen Ende der Super 8-Ära, vermutlich 1981/82, stellte Piccolo einige Kopien auf Polyester um, ein stabileres Material, aber diese sind selten. Die meisten „Grizzly"-Kopien, die heute noch existieren, zeigen ihr Alter deutlich: rötliche Farben, Kratzer, gelegentliche Bildaussetzer.
Der Ton war typisches Magnetton-Material der Zeit. Mono, manchmal etwas dumpf, aber funktional. Die deutsche Synchronisation war solide – Christopher George klang autoritär, Andrew Prine locker, Richard Jaeckel wissenschaftlich. Die Schreie der Opfer? Laut und eindringlich. Die Explosionen? Knallig. Das Brüllen des Bären? Erschreckend echt. Piccolo nutzte meist die amerikanischen Soundeffekte und legte nur die Dialoge neu – das spart Kosten und funktionierte gut genug. Einziger Nachteil: Gelegentliche Ton-Dropouts, besonders bei älteren Kopien, wenn die Magnetspur beschädigt war. Dann hörte man plötzlich nur noch Rauschen, bis der Ton zurückkam.
Der Film selbst, auch in seiner Kurzfassung, ist ein perfektes Beispiel für William Girdlers Handwerk. Girdler war ein Meister darin, mit wenig Geld viel Wirkung zu erzielen, und „Grizzly" zeigt das auf jeder Ebene. Die Gore-Effekte sind für 1976 bemerkenswert hart: Eine Frau wird von der Tatze des Bären getroffen, ihr Arm fliegt ab, Blut spritzt. Ein Kind wird angegriffen, sein Bein wird abgerissen – eine Szene, die selbst heute noch schockiert. Die berühmte Wasserfall-Szene, in der eine Rangerin beim Baden überrascht wird und der Bär sie unter die Wasserfälle zieht, ist gleichzeitig sexualisiert (sie ist natürlich nackt) und brutal (das Wasser färbt sich rot). Girdler wusste, was das Grindhouse-Publikum wollte: Nacktheit, Gewalt, Explosionen. Und er lieferte.
Das Geheimnis des Films war der Bär selbst. Anders als bei „Der weiße Hai", wo der Hai größtenteils mechanisch war und oft nicht funktionierte, nutzte Girdler einen echten Bären – Teddy, einen Kodiak-Bären aus Washington, der mit über 11 Fuß Höhe der größte in Gefangenschaft lebende Bär in den USA war. Teddy wurde extra für die Dreharbeiten nach Georgia geflogen, und sein Transport verschlang vermutlich einen Großteil des Budgets. Aber es lohnte sich: Die Szenen, in denen der Bär in voller Größe zu sehen ist, sind beeindruckend und beängstigend echt. Natürlich war Teddy „nur" 11 Fuß groß, nicht die im Film behaupteten 18 Fuß, aber durch clevere Kamerawinkel und die Tatsache, dass er sich oft aufrichtete, wirkte er monströs. Für Nahaufnahmen der Angriffe nutzte Girdler eine riesige Bärentatzen-Attrappe, die von außerhalb des Bildes ins Bild geschoben wurde – primitiv, aber effektiv.
Die Kritiker hassten „Grizzly" natürlich. Vincent Canby von der New York Times nannte ihn „profoundly, offensively stupid". Variety schrieb von einem „tired, hokey disaster film". Kevin Thomas von der Los Angeles Times fand ihn „unintentionally hilarious". Aber das Publikum? Das Publikum liebte ihn. Drive-In-Kinos waren ausverkauft. In Japan spielte der Film allein seine Kosten wieder ein. In Europa wurde er ein Hit. Und auf Super 8? Er war einer der meistverkauften Titel in Piccolos Universal-8-Programm.
Warum funktionierte „Grizzly", obwohl er so offensichtlich ein „Der weiße Hai"-Klon war? Weil er genau das lieferte, was er versprach. Kein falsches Marketing, keine enttäuschende Auflösung. Der Titel sagt „Eine Bestie läuft Amok" – und genau das bekommst du. 89 Minuten (oder in der Piccolo-Fassung 17 Minuten) pures Chaos. Girdler verstand das Handwerk des Exploitation-Kinos: Gib dem Publikum, was es will, und zwar schnell und ohne Umschweife. Die Piccolo-Kurzfassung nahm das Konzept und trieb es auf die Spitze – es war „Grizzly" als Adrenalin-Shot, ohne Verschnaufpausen.
Heute, aus der Perspektive von 2025, ist „Grizzly" ein faszinierendes Zeitdokument. Der Film zeigt die 70er Jahre in all ihrer schmutzigen, unzensierten Herrlichkeit. Die Sexismus ist offensichtlich – fast alle Opfer sind Frauen, und fast alle sterben nackt oder halbnackt. Die Gewalt ist ungeschönt – Gliedmaßen fliegen, Blut spritzt, Schreie hallen. Die Umweltbotschaft (Menschen dringen in die Natur ein, die Natur schlägt zurück) ist simpel, aber präsent. Und das Ende – die Bazooka-Explosion – ist so absurd übertrieben, dass es bereits 1976 Lacher im Kino gab. Aber genau das macht den Film zeitlos: Er ist ehrlich. Er versucht nicht, Kunst zu sein. Er ist Popcorn-Kino, laut und unverschämt.
Die Piccolo-Film-Veröffentlichung ist mehr als nur eine Heimkino-Edition – sie ist ein Stück deutscher Mediengeschichte. Piccolo Film war in den 70ern und frühen 80ern ein Pionier, der es schaffte, amerikanische Blockbuster schnell und günstig auf den deutschen Markt zu bringen. Ihre Strategie, fertige Universal-8-Kopien zu übernehmen und nur die Tonspur zu lokalisieren, war clever und ermöglichte es ihnen, mit größeren Verleihern wie UFA zu konkurrieren. Dabei richteten sie sich bewusst an Käufer mit kleinerem Geldbeutel: 120-Meter-Fassungen waren deutlich günstiger als Mehrteil-Epen, und Sonderaktionen (69 Mark statt 120 Mark!) machten Filme wie „Grizzly" auch für Normalverdiener erschwinglich. Das war Piccolo Films Stärke – sie demokratisierten das Heimkino, lange bevor VHS das tat.
Allerdings hatte Piccolo auch Schwächen. Die Qualität ihrer Acetat-Kopien war inkonsistent, und viele Filme sind heute kaum noch abspielbar, weil sie rot umgeschlagen sind oder nach Essig riechen. Die drastischen Kürzungen (von 89 auf 17 Minuten!) waren zwar verständlich aus Kostengründen, aber sie zerstörten oft die narrative Kohärenz. Bei „Grizzly" funktioniert es noch, weil der Film ohnehin simpel ist – aber bei komplexeren Filmen wie „Lawrence von Arabien" (auch von Piccolo als 70-Meter-Fassung veröffentlicht) waren die Kürzungen katastrophal. Und dann war da noch die Konkurrenz: Als VHS Anfang der 80er aufkam, brach der Super 8-Markt zusammen. Die letzten Piccolo-Titel erschienen 1982/83 („Das Boot" als Dreiteiler war einer der letzten), danach landeten die verbliebenen Kopien auf Wühltischen zu Spottpreisen.
Heute ist die Piccolo-Film-Fassung von „Grizzly" ein Sammlerstück. Je nach Zustand werden 120-Meter-Rollen für 30 bis 80 Euro gehandelt – nicht astronomisch, aber respektabel für einen Film, der vor 45 Jahren erschien. Die besten Kopien sind die frühen Polyester-Versionen aus den frühen 80ern, die ihre Farben besser behalten haben. Die meisten Acetat-Kopien sind heute rot oder zumindest stark verblasst. Aber selbst in schlechtem Zustand haben sie ihren Charme – sie sind Zeitzeugen einer Ära, als Heimkino bedeutete, eine Spule auf einen Projektor zu legen, das Licht auszuschalten und sich von 17 Minuten purem Exploitation-Wahnsinn mitreißen zu lassen.
„Grizzly" mag kein großer Film sein. Er ist weder „Der Pate" noch „Der weiße Hai". Aber er ist ehrlich, brutal und unterhaltsam. Er ist das, was Exploitation-Kino sein sollte: laut, blutig und ohne Reue. Die Piccolo-Film-Fassung kondensiert das auf seine Essenz – 17 Minuten Bären-Chaos, ohne Kompromisse. Und manchmal, wenn du den Projektor anwirfst, die Spule einlegst und das vertraute Surren hörst, dann bist du zurück in einer Zeit, als Filme noch gefährlich waren. Als ein Bär mit einer Bazooka gesprengt wurde und das Publikum jubelte. Als Super 8 das Kino nach Hause brachte – gekürzt, verblasst, aber unvergesslich.
Schalte das Licht aus. Leg die Spule ein. Lass den Bären los. Die Bestie läuft Amok – und du mittendrin.
Fun Facts
🐻 Teddy der Bär: Der Kodiak-Bär Teddy war mit über 11 Fuß Höhe der größte in Gefangenschaft lebende Bär in den USA und wurde extra von Washington nach Georgia geflogen – sein Transport verschlang vermutlich einen Großteil des 750.000-Dollar-Budgets.
💰 Box-Office-Sensation: „Grizzly" wurde 1976 zum erfolgreichsten unabhängigen Film des Jahres und spielte weltweit fast 39 Millionen Dollar ein – mehr als das 50-fache seiner Produktionskosten. Diesen Rekord hielt er bis 1978, als „Halloween" ihn übertrumpfte.
🎨 Neal Adams Poster: Das ikonische Filmplakat wurde von Comic-Legende Neal Adams gestaltet, bekannt für seine Arbeit an Batman und X-Men.
⚖️ Montoro-Skandal: Produzent Edward L. Montoro von Film Ventures International versuchte, die Gewinne für sich zu behalten, statt sie mit Regisseur William Girdler und den Autoren zu teilen. Nach einer Klage musste er zahlen – aber Girdler starb 1978 bei einem Hubschrauberabsturz, bevor er viel davon hatte.
🎬 Lokalkolorit: Viele Einwohner von Clayton, Georgia, spielten in Nebenrollen mit. Catherine Rickman, eines der ersten Opfer, war die Tochter von Claytons lokalem „Mountain Man" Frank Rickman.
🎵 Robert O. Ragland Score: Der orchestrale Soundtrack wurde vom National Philharmonic Orchestra eingespielt und gilt bis heute als einer der besten Aspekte des Films – selbst Kritiker lobten ihn.
🔴 Acetat-Problem: Die meisten Piccolo-Kopien wurden auf Acetat-Film hergestellt, der mit der Zeit rot umschlägt und nach Essig riecht. Nur wenige späte Polyester-Kopien haben ihre ursprünglichen Farben behalten.
🚁 Das Trio: Christopher George, Andrew Prine und Richard Jaeckel spielten unabsichtlich zum zweiten Mal zusammen in einem Film – sie hatten bereits zuvor gemeinsam gedreht.
💣 Bazooka-Finale: Das absurde Ende, in dem der Bär mit einer Bazooka gesprengt wird, war bereits 1976 so over-the-top, dass es im Kino Lacher gab – aber genau das machte es unvergesslich.