Mit "Vision & Scarlet Witch: Der Todesruf" legt Steve Orlando eine emotional komplexe Miniserie vor, die zum 50. Hochzeitstag von Wanda Maximoff und Vision erscheint und dabei sowohl nostalgisch zurückblickt als auch mutig nach vorne schaut. Diese bei Panini erschienene Sammlung vereint fünf Ausgaben, die zwei ikonische Marvel-Figuren wieder zusammenführen und dabei die Frage stellt, ob manche Beziehungen jemals wirklich enden können, selbst wenn sie längst vorbei sind.
Die Geschichte beginnt mit einem düsteren Mysterium. Auf der ganzen Welt öffnen sich geheimnisvolle Türen, die Menschen mit Versprechungen von Wundern und Wiedersehen mit verstorbenen geliebten Personen anlocken. Als Vision der tödlichen Wahrheit hinter diesem Phänomen auf den Grund gehen will, wird er lebensgefährlich verwundet. Um das Leben ihres Ex-Mannes zu retten, muss Wanda zu extremen Maßnahmen greifen, doch das Resultat ist anders als beide erwartet haben. Hinter allem steckt der Grim Reaper, Visions "Bruder", der mit dunkler, ätherischer Magie experimentiert und einen Pakt mit der eldrischen Entität Gargantos eingegangen ist.
Orlando, der seit 2021 die definitive Stimme für Wanda Maximoff ist, gelingt hier etwas Bemerkenswertes. Er verschmilzt nahtlos seine eigene laufende Scarlet Witch-Serie mit Tom Kings hochgelobter Vision-Run und schafft dabei eine Erzählung, die beiden Charakteren gerecht wird. Die ersten Seiten lesen sich wie ein typisches Scarlet Witch-Abenteuer mit magischen Bedrohungen und mystischen Kulten, doch sobald Vision am Himmel erscheint, um zu helfen, verwandelt sich die Atmosphäre und nimmt Elemente aus Kings suburban horror-Ansatz auf. Diese Verschmelzung zweier sehr unterschiedlicher Tonfälle ist eine der größten Stärken der Serie.
Besonders beeindruckend ist Orlandos Umgang mit der komplizierten Geschichte dieser beiden Figuren. Wanda und Vision waren verheiratet, hatten Kinder und galten als eines der großen, wenn auch merkwürdigsten Liebespaare der Marvel-Geschichte. Dann kam die "Darker Than Scarlet"-Storyline, die Vision seiner Emotionen beraubte, seine Wonder Man-Engramme löschte und den White Vision in die Welt setzte. Seitdem verbrachten sie Jahre in einer seltsamen Trennung. Orlando zeigt, dass beide inzwischen Heilung erfahren haben und mit ihren jeweiligen neuen Familien weitergezogen sind. Ihre Gespräche sind sanft und zeigen, dass noch immer Zuneigung besteht, aber es ist keine romantische Liebe mehr, sondern etwas Tieferes und Komplexeres. Sie werden sich immer zu Hilfe eilen, weil sie Familie sind, auch wenn sie nicht mehr zusammen sind.
Die emotionale Tiefe der Serie kulminiert in einer überraschenden Wendung im vierten und fünften Heft. Nachdem Wanda und Vision den Grim Reaper aus Gargantos' Fängen gerettet haben, finden sie sich allein in der Outer Dark wieder, in einem Raum außerhalb von Zeit und Raum, den sie nach ihren Wünschen gestalten können. Was folgt, ist eine der mutigsten narrativen Entscheidungen der Serie. Sie erschaffen eine Taschenwelt auf einem übrig gebliebenen Planetoiden und leben dort ein ganzes Leben zusammen, gefüllt mit Lachen, Leidenschaft und ja, auch Sex. Sie streiten, sie altern, aber sie geben niemals auf. Als sie am Ende dieses gemeinsam gelebten Lebens zur Erde zurückkehren, ist keine Zeit vergangen und beide sind wieder in dem Alter, in dem sie gegangen sind. Doch Vision, wie wir ihn kannten, existiert nicht mehr, und seine Rückkehr würde tödliche Konsequenzen haben.
Diese Wendung ist emotional verheerend und zugleich wunderschön. Sie erinnert an "Meanwhile" aus Futurama oder "A Life in the Day" aus The Magicians, doch Orlandos Ausführung hat ihre eigene Melancholie. Es ist eine Liebeserklärung an das, was war, und gleichzeitig ein Abschied. Die Serie macht deutlich, dass manche Beziehungen in einer bestimmten Zeit perfekt sein können, aber nicht für die Ewigkeit bestimmt sind. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass diese Liebe real war und dass beide dadurch gewachsen sind.
Die künstlerische Umsetzung durch Lorenzo Tammetta und Jacopo Camagni ist spektakulär. Tammetta fügt sich nahtlos in die weiche, zugängliche Ästhetik ein, die Sara Pichelli in Orlandos Scarlet Witch-Serie etabliert hat. Seine Darstellung von Wandas magischen Fähigkeiten ist visuell beeindruckend, ohne überladen zu wirken. Besonders gelungen sind die Szenen in Visions Vorstadthaus, die bewusst Gabriel Hernandez Waltas ikonisches Artwork aus Tom Kings Vision-Serie zitieren und damit eine visuelle Brücke zwischen den Epochen schlagen. Die Farbpalette von Ruth Redmond ist phänomenal. Die ikonischen Farbschemata von Scarlet Witch (Scharlachrot) und Vision (Gelb, Grün, Rot) werden in leuchtenden, vibranten Tönen präsentiert, die den Figuren ihre visuelle Identität zurückgeben. Camagnis Arbeit in den späteren Heften, besonders während des Kampfes gegen Gargantos in der Outer Dark, ist atemberaubend detailliert und fängt sowohl die kosmische Bedrohung als auch die Intimität zwischen Wanda und Vision ein.
Allerdings ist die Serie nicht ohne Schwächen. Das Finale wurde von einigen Kritikern als problematisch wahrgenommen, da es die gesamte Miniserie rückwirkend eher wie eine Bonusepisode von Orlandos Scarlet Witch-Run wirken lässt als wie eine gleichberechtigte Behandlung beider Charaktere. Vision wird am Ende effektiv aus der Gleichung entfernt, während die letzte Seite verspricht, dass mehr von Scarlet Witch kommen wird, möglicherweise in ihrer neuen Rolle als Sorcerer Supreme. Für Vision-Fans ist das enttäuschend, da die Serie als Feier beider Charaktere angekündigt wurde. Zudem wirft das Ende Fragen auf, woher Wanda plötzlich die Macht hat, eine Taschenwelt zu erschaffen und ein ganzes Leben darin zu leben. Früher geschah dies nur, wenn sie als Werkzeug von jemand anderem benutzt wurde, der ihre Magie verstärkte. Da sie nicht mehr die Wirtin von Chthon ist, bleibt unklar, woher diese immense Kraft stammt.
Trotz dieser narrativen Unstimmigkeiten bleibt "Vision & Scarlet Witch: Der Todesruf" eine emotional packende und visuell beeindruckende Serie, die zeigt, warum Steve Orlando derzeit einer der interessantesten Autoren im Marvel-Universum ist. Er versteht es, komplexe Beziehungen durch die gonzo-Linse von Superhelden-Comics zu erforschen, ohne dabei die menschlichen Emotionen zu verlieren. Die Serie ist eine würdige Hommage an 50 Jahre Marvel-Geschichte und gleichzeitig ein mutiger Schritt nach vorne, der zeigt, dass selbst die größten Liebesgeschichten enden können, ohne ihre Bedeutung zu verlieren. Für Fans von Wanda Maximoff ist dies eine essenzielle Lektüre, für Vision-Enthusiasten ein bittersüßer Abschied, und für alle, die an Comics als Medium für emotionale Tiefe glauben, ein beeindruckendes Statement darüber, was das Genre zu leisten vermag.