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Mother Nature: Die Rache der Erdgeister! ist eine ungewöhnliche Graphic Novel aus dem Panini-Programm, geschrieben von der Oscar-prämierten Schauspielerin und Horror-Ikone Jamie Lee Curtis gemeinsam mit Russell Goldman und eindrucksvoll illustriert von Karl Stevens. Das Werk verbindet Umweltthriller, persönliches Drama und übernatürlichen Horror zu einer düsteren, emotional aufgeladenen Geschichte, die sich bewusst von klassischen Comic-Konventionen absetzt und eher wie ein moderner, gesellschaftskritischer Genre-Film in gezeichneter Form wirkt.


Im Mittelpunkt steht Nova Terrell, die als Kind den mysteriösen Tod ihres Vaters miterleben musste. Er arbeitete als Ingenieur für die mächtige Cobalt-Gesellschaft und kam bei einem experimentellen Ölförderprojekt unter rätselhaften Umständen ums Leben. Jahre später lebt Nova in Catch Creek, einer scheinbar idyllischen Kleinstadt in New Mexico, deren wirtschaftliche Existenz vollständig vom Konzern abhängt. Dank des sogenannten Mother-Nature-Projekts verfügt die Region über sauberes Wasser und scheinbaren Wohlstand, doch Nova misstraut dieser Fassade zutiefst. Getrieben von Trauer, Wut und einem unstillbaren Bedürfnis nach Gerechtigkeit beginnt sie, die Anlagen des Unternehmens zu sabotieren und einen zunehmend riskanten Feldzug gegen die Firma zu führen. Als sie schließlich hinter die wahre Natur des Projekts blickt, verwandelt sich ihre persönliche Rachegeschichte in einen alptraumhaften Horrortrip, in dem uralte Kräfte und menschliche Hybris aufeinanderprallen und eine Katastrophe auslösen, die alles zu verschlingen droht.


Curtis und Goldman erzählen ihre Geschichte bewusst ambivalent. Nova ist keine klassische Heldin, sondern eine zutiefst verletzte, oft impulsive Figur, deren Handlungen ebenso nachvollziehbar wie problematisch sind. Ihre Wut wirkt authentisch, doch gleichzeitig zeigt die Erzählung die Konsequenzen ihres Handelns und stellt immer wieder die Frage, wie weit man im Namen der Gerechtigkeit gehen darf. Auch die Bewohner von Catch Creek werden nicht eindimensional dargestellt, sondern verkörpern verschiedene Perspektiven auf den Konzern – von dankbarer Loyalität bis hin zu wachsender Skepsis. Dadurch entsteht ein glaubwürdiges Bild einer Gemeinschaft, die zwischen wirtschaftlicher Abhängigkeit und moralischen Zweifeln gefangen ist.


Atmosphärisch setzt die Graphic Novel weniger auf reinen Splatter als auf schleichendes Unbehagen. Der Horror entwickelt sich langsam aus einer zunächst nur unterschwellig bedrohlichen Stimmung heraus, bis er schließlich in albtraumhafte Visionen und gewalttätige Eskalationen mündet. Die Natur erscheint dabei nicht nur als Opfer menschlicher Gier, sondern als eigenständige, unberechenbare Kraft, die gleichzeitig faszinierend und furchteinflößend wirkt. Diese Mischung aus ökologischem Thriller und übernatürlichem Folk-Horror verleiht dem Comic eine ganz eigene Identität.


Karl Stevens’ Zeichnungen tragen entscheidend zur intensiven Wirkung bei. Sein rauer, kantiger Stil verzichtet bewusst auf Hochglanzästhetik und setzt stattdessen auf eine rohe, fast fiebrige Bildsprache, die perfekt zur emotionalen Zerrissenheit der Protagonistin passt. Staubige Wüstenlandschaften, bedrückende Industrieanlagen und groteske Naturerscheinungen verschmelzen zu einer beklemmenden visuellen Erfahrung. Gleichzeitig kann der unkonventionelle Look für Leser, die einen klassischen Mainstream-Stil erwarten, zunächst gewöhnungsbedürftig sein.


Inhaltlich überzeugt die Graphic Novel vor allem durch ihre Themenvielfalt und den Mut, moralische Grauzonen auszuleuchten. Umweltzerstörung, Greenwashing und die Macht großer Konzerne stehen ebenso im Fokus wie persönliche Trauerbewältigung und die Suche nach Identität. Allerdings wirkt die Handlung stellenweise etwas gehetzt, und manche Wendungen hätten von mehr Raum zur Entfaltung profitiert. Trotz dieser Schwächen bleibt das Gesamtwerk ein intensives, eigenständiges Leseerlebnis.


Unterm Strich ist Mother Nature: Die Rache der Erdgeister! eine Graphic Novel, die Horror mit gesellschaftlicher Relevanz verbindet und sich dabei bewusst von typischen Genre-Formeln löst. Sie ist düster, unbequem und emotional aufwühlend, mit einer komplexen Hauptfigur und einer beklemmenden Atmosphäre, die lange nachhallt. Wer Geschichten mit starkem thematischem Kern, ungewöhnlicher visueller Umsetzung und einer Mischung aus persönlichem Drama und unheimlicher Naturmystik sucht, findet hier ein Werk, das im Gedächtnis bleibt und zum Nachdenken anregt.