Deadly Ever After: Blut und Schnee von T. S. Orgel ist ein düsteres Fantasyepos, das bekannte Märchenfiguren in eine brutale Welt nach dem vermeintlichen Happy End versetzt und dabei die Frage stellt, was aus klassischen Geschichten wird, wenn der letzte Satz verklungen ist. Die Autorenbrüder Tom und Stephan Orgel entwerfen ein Reich, in dem Figuren aus unterschiedlichsten Märchen zusammenleben, jedoch längst nicht mehr in friedlicher Harmonie. Schneewittchen hat sich zur Weißen Kaiserin erhoben und führt einen gnadenlosen Krieg, um die Magie an sich zu reißen und ihre Macht zu sichern. Der Widerstand gegen sie wird zunächst von Streich, dem tapferen Schneider, angeführt, doch die Rebellion scheitert. Nur sein magieloser Neffe überlebt und steht nun vor der scheinbar unmöglichen Aufgabe, neue Verbündete zu finden, den Tod seines Onkels zu rächen und eine unterdrückte Welt zu befreien.
Die große Stärke des Romans liegt in seiner konsequent düsteren Atmosphäre. Statt nostalgischer Märchenromantik dominieren Gewalt, politische Intrigen und moralische Grauzonen. Bekannte Figuren erscheinen in radikal neuen Rollen, wodurch vertraute Motive gebrochen werden und eine beklemmende Spannung entsteht. Besonders die Darstellung Schneewittchens als machtbesessene Imperatorin wirkt provokant und unterläuft bewusst die Erwartungen an klassische Märcheninterpretationen. Die Autoren schaffen es, eine Welt zu zeichnen, in der die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt und selbst Heldinnen und Helden mit zweifelhaften Entscheidungen konfrontiert werden.
Der Schreibstil ist zugänglich, direkt und stark auf Handlung und Dynamik ausgerichtet. Actionreiche Szenen wechseln sich mit ruhigeren Momenten ab, in denen Figurenentwicklung und politische Konflikte im Vordergrund stehen. Der magielose Protagonist dient dabei als Identifikationsfigur, da er sich nicht auf übernatürliche Kräfte verlassen kann und seine Stärke vor allem aus Entschlossenheit und persönlichem Wachstum schöpft. Gleichzeitig zeigt sich, dass die Vielzahl an Figuren und die epische Dimension der Geschichte mitunter dazu führen können, dass einzelne Charaktere eher archetypisch wirken und weniger individuelle Tiefe entwickeln.
Besonders gelungen ist das Worldbuilding, das ein komplexes Märchenuniversum erschafft, in dem bekannte Elemente neu kombiniert werden. Die Autoren nutzen diese Vielfalt, um Themen wie Machtmissbrauch, Loyalität, Rache und die Zerbrechlichkeit von Happy Ends zu verhandeln. Die Welt wirkt rau, gefährlich und voller Konflikte, was dem Roman einen grimdark Ton verleiht und ihn deutlich von romantisierten Märchenadaptionen abhebt.
Insgesamt ist Deadly Ever After: Blut und Schnee ein ambitionierter Beitrag zur deutschsprachigen Fantasy, der vertraute Stoffe mutig neu interpretiert und eine düstere Vision eines Märchenreichs nach dem Ende aller Geschichten entwirft. Wer epische Fantasy mit politischer Spannung, moralischer Ambivalenz und einer kompromisslos dunklen Atmosphäre schätzt, wird hier eine intensive und ungewöhnliche Leseerfahrung finden, während Leserinnen und Leser, die klassische Märchenromantik erwarten, sich auf eine deutlich härtere und realistischere Variante ihrer Lieblingsfiguren einstellen sollten.
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