Mit "Absolute Martian Manhunter: Wahrheit gegen Wahn" liefern Deniz Camp und Javier Rodríguez eine der radikalsten und künstlerisch ambitioniertesten Neuinterpretationen ab, die das Absolute-Universum von DC bisher zu bieten hat. Diese Serie, die bei Panini erschienen ist, verwandelt eine der klassischen DC-Ikonen in ein surrealistisches psychologisches Horrordrama, das die Grenzen dessen auslotet, was das Medium Comic zu leisten vermag.
Im Zentrum der Geschichte steht FBI-Agent John Jones, der in der fiktiven Stadt Middleton lebt und dessen Leben nach einem überlebten Bombenanschlag eine bizarre Wendung nimmt. Entweder ist Jones komplett dem Wahnsinn verfallen, oder sein Bewusstsein wurde tatsächlich von einer außerirdischen Entität vom Mars infiltriert. Diese Grundprämisse nutzt Camp geschickt, um die Leser in einen Zustand permanenter Unsicherheit zu versetzen, in dem die Grenzen zwischen Realität und Wahnvorstellung, zwischen FBI-Ermittlung und kosmischem Konflikt vollständig verwischen.
Was diese Serie so bemerkenswert macht, ist ihre konsequente Abkehr von konventionellem Superhelden-Storytelling. Der "Grüne Marsianer" manifestiert sich hier nicht als physische Gestalt, sondern als interdimensionales Bewusstsein, das in Johns Geist als vertraute Bilderwelt eines grünen Außerirdischen visualisiert wird. Diese Entität gewährt Jones die sogenannte "Marsianervision", mit der er in die Gedanken und Erinnerungen der Menschen um ihn herum eintauchen kann. Die Serie entwickelt sich zu einem metaphysischen Krieg gegen den "Weißen Marsianer", eine weitere kosmische Entität, die Anti-Leben sät und die soziale Ordnung von Middleton von innen heraus zersetzt.
Camp, der Autoren wie Thomas Pynchon, Ursula K. Le Guin und J.G. Ballard sowie Werke wie "2001: A Space Odyssey" als Einflüsse nennt, kreiert eine psychedelische Noir-Erzählung, die große philosophische Fragen durch eine sehr persönliche, intime Linse betrachtet. Die Geschichte befasst sich mit fundamentalen Themen wie Realität, freiem Willen, Gut und Böse, verpackt diese aber in eine dichte, atmosphärische Erzählung voller surrealer Bilder und konzeptueller Abstraktionen. Wenn der "Weiße Marsianer" etwa das philosophische Konzept von Heim und Geborgenheit durch systematische Brandstiftung zu vernichten sucht, wird deutlich, dass Camp hier auf einer Ebene operiert, die weit über klassische Gut-gegen-Böse-Erzählungen hinausgeht.
Javier Rodríguez' Artwork ist dabei nicht nur Illustration, sondern integraler Bestandteil des narrativen Konzepts. Seine vielfarbigen Rauchschwaden, die aus den Menschen aufsteigen und ihre inneren Zustände visualisieren, seine abstrakte Darstellung des "Marsianer" als Tonskulptur und seine experimentelle Panelgestaltung schaffen eine visuelle Sprache, die perfekt mit der desorientierten, psychedelischen Atmosphäre der Geschichte harmoniert. Die Artwork zwingt Leser regelrecht dazu, sich aktiv mit jedem Panel auseinanderzusetzen und selbst zu interpretieren, was real ist und was nicht.
Besonders beeindruckend ist, wie die Serie gesellschaftliche Unruhen und Konflikte verhandelt. In einer Szene erschießt ein Bewaffneter Zivilisten in einem syrischen Viertel namens "Little Damascus" aus rassistisch motiviertem Fremdenhass. Der Marsianer entdeckt dabei eine psychologische Anomalie, die sich von der Bigotterie des Täters ernährt – ein brillantes metaphorisches Konzept, das zeigt, wie destruktive Ideologien wie Parasiten in menschlichen Köpfen gedeihen können. Diese Verbindung von Science-Fiction-Horror mit sehr konkreten sozialen Themen verleiht der Serie eine Relevanz und Dringlichkeit, die über bloße Unterhaltung hinausgeht.
Die Tatsache, dass die ursprünglich als Miniserie mit sechs Ausgaben geplante Reihe aufgrund des enormen Erfolgs auf zwölf Hefte erweitert wurde und die erste Ausgabe über 120.000 Vorbestellungen verzeichnete, spricht für sich. Hier ist DC und dem kreativen Team etwas gelungen, das im Superhelden-Genre selten ist: eine Geschichte, die intellektuell herausfordernd, visuell experimentell und emotional packend zugleich ist, ohne dabei ihre konzeptuelle Integrität zu verlieren.
"Absolute Martian Manhunter: Wahrheit gegen Wahn" ist keine leichte Kost und wird sicherlich nicht jeden Leser ansprechen. Wer jedoch bereit ist, sich auf Camps dichte, vielschichtige Erzählung und Rodríguez' experimentelle Visualisierung einzulassen, wird mit einem Comic belohnt, der demonstriert, wie viel philosophische Tiefe und künstlerische Ambition das Medium zu bieten hat. Es ist ein Werk, das die Superhelden-Mythologie dekonstruiert und neu zusammensetzt, das die Form selbst hinterfragt und dabei eine Geschichte erzählt, die sowohl zutiefst menschlich als auch radikal fremd ist. Für Leser, die Comics als Form der grafischen Literatur ernst nehmen, ist dieser Band ein Muss.