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Die weiße Göttin der Kannibalen (VHS) – Retro-Review: Als Ursula Andress in den Kannibalen-Dschungel ging


Originaltitel: La montagna del dio cannibale / Mountain of the Cannibal God
Alternativtitel: Slave of the Cannibal God / Prisoner of the Cannibal God
Regie: Sergio Martino
Jahr: 1978 (Kino) / ca. 1980-1983 (VHS-Release)
Darsteller: Ursula Andress, Stacy Keach, Claudio Cassinelli, Antonio Marsina
VHS-Vertrieb: UFA (Deutschland)
Laufzeit VHS: Ca. 88-93 Minuten (gekürzte Fassung)
Format: PAL, Magnetband
FSK: Ungeprüft (indiziert 1984-2011 als "Video Nasty")
Besonderheit: Auch als Super 8-Film von UFA erhältlich (3 x 110m)
Damaliger VHS-Preis: Ca. 99-129 DM (Kaufversion)


Es ist Anfang der 80er Jahre, und der Kannibalenfilm-Boom hat seinen Höhepunkt erreicht. Nach Ruggero Deodatos schockierendem Cannibal Holocaust sucht jeder Verleiher nach dem nächsten großen Hit im Genre, und die Videothek um die Ecke hat gerade eine neue Lieferung bekommen. Dort, im hintersten Regal, hinter dem Vorhang, wo die ungeprüften Titel stehen, prangt eine UFA-VHS-Schachtel mit einem Cover, das sofort ins Auge springt. Ursula Andress, die legendäre Bond-Girl aus Dr. No, minimal bekleidet, umgeben von dunkelhäutigen Eingeborenen mit wilden Gesichtern und Kriegsbemalung, im Hintergrund der Berg Ra Ra Me, der mystische Berg des Kannibalengottes. Der Titel in dramatischen Lettern: Die weiße Göttin der Kannibalen. Das UFA-Logo verspricht Qualität, aber das Cover verspricht etwas ganz anderes: Exploitation der härtesten Sorte, garniert mit einem Hollywood-Star, der sich in Gefilde wagte, die normalerweise B-Movie-Darstellern vorbehalten waren.


Du bist volljährig, greifst zu, zahlst die 10 Mark Leihgebühr für drei Tage, nimmst das Tape mit nach Hause. Später am Abend läuft der Videorekorder, das Bild flackert auf, und für die nächsten 90 Minuten erlebst du einen Film, der gleichzeitig erstklassig produziert und gnadenlos brutal ist, der eine Ex-Bond-Girl komplett nackt zeigt und der dich mit Szenen von echter Tierquälerei konfrontiert, die bis heute schwer zu ertragen sind. Willkommen bei Mountain of the Cannibal God, dem professionellsten und gleichzeitig kontroversesten Kannibalen


film der Ära, und UFA war der Verleiher, der ihn nach Deutschland brachte, kurz bevor die Bundesprüfstelle zuschlagen würde.


Die Geschichte von Mountain of the Cannibal God beginnt 1978, als Sergio Martino, der italienische Regisseur, der sich mit stilvollen Gialli wie All the Colours of the Dark und Torso einen Namen gemacht hatte, beschloss, ins lukrative Kannibalenfilm-Genre einzusteigen. Martino war kein Hack wie manche seiner Kollegen, er war ein handwerklich versierter Regisseur mit einem Auge für Bildkomposition und Atmosphäre. Als er hörte, dass Ursula Andress, die damals 41-jährige Schweizer Schauspielerin und Bond-Ikone, bereit war, in einem Exploitation-Film mitzuspielen, sah er seine Chance. Andress hatte in den 70ern bereits in einigen freizügigen europäischen Produktionen mitgewirkt, aber ein Kannibalenfilm war neu für sie. Martino überzeugte sie mit einem anständigen Budget, der Zusicherung, dass er einen classy cannibal film machen würde, und der Tatsache, dass sie die unbestrittene Hauptrolle spielen würde. Stacy Keach, damals ein respektierter amerikanischer Charakterdarsteller, wurde als männlicher Lead engagiert, und die Produktion ging nach Sri Lanka, wo der Großteil des Films gedreht wurde, mit zusätzlichen Aufnahmen in Italien.


Die Handlung ist klassisches Exploitation-Material, aber besser geschrieben als die meisten Genrevertreter. Susan Stevenson, gespielt von Andress, reist nach Papua-Neuguinea, um ihren verschwundenen Ehemann Henry zu suchen, einen Anthropologen, der auf einer Expedition zum mystischen Berg Ra Ra Me verschollen ist. Mit dabei sind ihr Bruder Arthur, gespielt von Antonio Marsina, und Professor Edward Foster, gespielt von Stacy Keach, ein Kollege ihres Mannes. Die lokalen Behörden warnen sie, dass der Berg Ra Ra Me verboten ist, verflucht von den Punan-Eingeborenen, die dort leben und angeblich Kannibalismus praktizieren. Susan ignoriert die Warnungen und heuert den mysteriösen Guide Manolo, gespielt von Claudio Cassinelli, an, um sie und ihre Gruppe durch den Dschungel zu führen. Was folgt, ist eine klassische Expedition ins Herz der Finsternis: Sie durchqueren reißende Flüsse, kämpfen gegen wilde Tiere, erleben Tierquälerei in expliziten Details, und werden schließlich von den Punan gefangen genommen. Die Enthüllung am Ende ist, dass Susan von Anfang an wusste, wo ihr Mann war, dass die ganze Expedition eine Lüge war, und dass sie in Wahrheit nach Uran suchte, das in den Bergen versteckt sein soll. Ihr Mann hatte die Uranvorkommen entdeckt und war von den Punan getötet worden, die ihr heiliges Land schützen wollten.


Die UFA-VHS-Fassung, die in Deutschland erschien, war eine gekürzte Version mit etwa 88 bis 93 Minuten Laufzeit, abhängig davon, welche Kopie man erwischte. Die italienische Originalfassung lief 99 Minuten, und es gab später noch längere Versionen mit wiederhergestelltem Material, das Martino ursprünglich für zu explizit hielt. Die UFA-Schnittfassung entfernte einige der härtesten Tierquälerei-Szenen, aber nicht alle, und sie beließ die meisten Gore-Effekte und die komplette Nacktheit von Ursula Andress. Das war mutig für UFA, die normalerweise konservativer zensierten als kleinere Verleiher. Die Szene, in der Andress komplett nackt, gefesselt und vor den Kannibalen dargeboten wird, blieb drin, ebenso die Szenen, in denen ein Affe von einer Python gefressen wird, eine Echse aufgeschnitten und ausgeweidet wird, und eine Tarantel getötet wird. Diese Tierquälerei ist bis heute der kontroverseste Aspekt des Films und der Grund, warum er 1984 in Deutschland indiziert wurde und in Großbritannien bis 2001 als Video Nasty verboten war.


Das UFA-Cover war, wie bei vielen ihrer Veröffentlichungen, professionell und dramatisch. Ursula Andress dominiert das Bild, ihr Körper in einem zerrissenen Outfit, umgeben von bedrohlich wirkenden Eingeborenen. Im Hintergrund der Berg Ra Ra Me, mystisch und gefährlich. Der Schriftzug Die weiße Göttin der Kannibalen in großen, reißerischen Lettern. Die Rückseite hatte eine detaillierte Inhaltsangabe, die den Film als abenteuerliches Dschungel-Epos präsentierte, garniert mit Warnungen über die Härte des Materials. Das UFA-Logo war prominent platziert, ein Zeichen, dass dies trotz des kontroversen Inhalts eine qualitativ hochwertige Veröffentlichung war.


Interessanterweise gab es auch eine Super 8-Version von UFA, bestehend aus drei Rollen à 110 Meter, insgesamt also 330 Meter, was etwa 45 bis 50 Minuten Laufzeit entsprach. Das war drastisch gekürzt, aber für Super 8-Sammler, die Film-Optik statt Video-Matsch wollten, war es die Premium-Option. Die UFA Super 8-Fassung kostete vermutlich zwischen 280 und 380 Mark für alle drei Rollen zusammen, deutlich teurer als die VHS, aber dafür mit der Haptik und Qualität von echtem Film. Heute sind diese Super 8-Kopien extrem selten und werden, wenn überhaupt, für mehrere hundert Euro gehandelt, besonders wenn sie komplett und in gutem Zustand sind.


Die Bildqualität der UFA-VHS war für Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hervorragend. Das Bild war scharf, die Farben kräftig und lebendig, was wichtig war, denn Martino hatte in Sri Lanka gedreht und die natürliche Schönheit der Landschaft eingefangen. Die Dschungel-Aufnahmen sind atemberaubend, die Flüsse reißend und gefährlich, die Berge majestätisch. Im Gegensatz zu vielen anderen Kannibalenfilmen, die in spanischen oder italienischen Wäldern gedreht wurden und künstlich wirkten, sieht Mountain of the Cannibal God echt aus, weil er echt ist. Sri Lanka bot eine authentische tropische Kulisse, die auf VHS trotz der technischen Einschränkungen des Formats gut rüberkam. Der Ton war Mono, gelegentlich Stereo bei späteren UFA-Releases, und die deutsche Synchronisation war, wie bei UFA üblich, professionell. Ursula Andress klingt bestimmt und elegant, Stacy Keach grüblerisch und kompetent, und die Dialoge sind klar und verständlich.


Der Film selbst ist, technisch gesehen, wahrscheinlich der best produzierte Kannibalenfilm, der jemals gemacht wurde. Martino brachte sein Giallo-Handwerk mit und inszenierte Mountain of the Cannibal God mit Stil, Finesse und echtem kinematografischem Können. Die Kameraführung von Giancarlo Ferrando ist brilliant, mit langen, atmosphärischen Einstellungen des Dschungels, dramatischen Zooms auf Gesichter und cleveren Schnitten, die Spannung aufbauen. Die Musik von Guido und Maurizio De Angelis ist einer der besten Exploitation-Soundtracks der Ära, ein Mix aus orchestraler Dramatik und exotischen Rhythmen, der perfekt zur Handlung passt. Ursula Andress ist tatsächlich gut in ihrer Rolle, sie spielt Susan mit einer Mischung aus Entschlossenheit, Verletzlichkeit und schließlich kalter Berechnung, als ihre wahren Motive enthüllt werden. Stacy Keach ist solide als Foster, der moralische Kompass der Geschichte, der langsam erkennt, dass er manipuliert wurde.


Aber dann gibt es die Tierquälerei, und hier wird der Film problematisch, selbst für Exploitation-Standards. Die Szene, in der ein lebender Affe von einer Python langsam erdrosselt und gefressen wird, ist qualvoll und unnötig. Die Kamera zeigt Nahaufnahmen des Affen, der verzweifelt versucht zu entkommen, seine Augen voller Angst. Es ist fast unerträglich zu sehen und fügt der Geschichte nichts hinzu außer einem bitteren Nachgeschmack. Die Szene, in der eine große Echse aufgeschnitten und ihre Eingeweide herausgezogen werden, ist ähnlich grausam. Eine Tarantel wird zerquetscht, ein Krokodil wird getötet. All das sind echte Tiere, die für den Film starben, und das ist heute, mit modernem Verständnis von Tierrechten, inakzeptabel. Martino selbst hat in späteren Interviews gesagt, dass er bereut, diese Szenen gemacht zu haben, und dass er nie wieder so etwas filmen würde. Die moderne Blu-ray-Veröffentlichung von Shameless Films hat die Tierquälerei-Szenen softened, was bedeutet, dass sie digital abgeschwächt oder teilweise entfernt wurden, was eine interessante Kompromisslösung ist.


Die menschliche Gewalt ist im Vergleich zur Tierquälerei fast zahm, obwohl es brutale Momente gibt. Die Kannibalen töten mehrere Expeditionsmitglieder, es gibt Darmentnahmen, ein Mann wird bei lebendigem Leib aufgeschnitten, und die berühmte Szene, in der Ursula Andress nackt und gefesselt vor den Kannibalen liegt, ist gleichzeitig exploitation und erstaunlich gut inszeniert. Martino filmt Andress mit Respekt, die Kamera ist nicht voyeuristisch, sondern zeigt ihre Verwundbarkeit und Angst. Andress selbst war fearless in dieser Rolle, sie tat ihre eigenen Stunts, ließ sich von reißenden Flüssen mitreißen, kletterte über Felsen, und ja, sie zog sich aus, obwohl sie damals 41 war und wusste, dass Kritiker sie dafür verurteilen würden. In einem Making-of-Dokumentar lobt Martino sie als eine der mutigsten Schauspielerinnen, mit denen er je gearbeitet hat.


Die Kritiken waren gemischt. Viele sahen Mountain of the Cannibal God als den klassiest cannibal film, dank Andress, Keach und Martinos Regie. Andere verurteilten ihn für die Tierquälerei und die exzessive Nacktheit. Die britische Zensurbehörde BBFC verbot ihn bis 2001 als Video Nasty, und in Deutschland wurde er 1984 indiziert. Die Indizierung blieb bis 2011 bestehen, fast 30 Jahre, was zeigt, wie kontrovers der Film war. Erst mit der Neuprüfung 2011 bekam er eine FSK 18-Freigabe, und die moderne Blu-ray-Veröffentlichung von Shameless brachte eine restaurierte, teilweise ungeschnittene Version auf den Markt, die heute legal erhältlich ist.


Heute ist die UFA-VHS von Die weiße Göttin der Kannibalen ein Sammlerstück, das je nach Zustand zwischen 50 und 120 Euro kostet, manchmal mehr, wenn sie ungeprüft und in Originalverpackung ist. Die Blu-ray von Shameless aus den 2010ern ist technisch überlegen, mit 2K-Restaurierung, wiederhergestelltem Material, das aus Martinos privater Sammlung stammt, und einem ausführlichen Making-of-Dokumentar. Aber die VHS hat ihren Charme. Sie erinnert an eine Zeit, als Filme wie dieser gefährlich waren, als ein ungeprüftes UFA-Tape das Tor zu Welten sein konnte, die man lieber nicht betreten hätte, aber trotzdem betrat.


Mountain of the Cannibal God ist kein perfekter Film. Die Tierquälerei ist unentschuldbar, die Darstellung der Eingeborenen ist problematisch und kolonialistisch, und die Handlung ist voller Klischees. Aber er ist auch technisch brillant, gut gespielt und atmosphärisch dicht. Er ist Sergio Martino, der sein Giallo-Handwerk ins Dschungel-Genre bringt und zeigt, dass Exploitation nicht billig aussehen muss. Er ist Ursula Andress, die ihre Karriere riskiert, um eine Rolle zu spielen, die 99 Prozent der Hollywood-Stars abgelehnt hätten. Und er ist ein Zeitdokument einer Ära, in der Kannibalenfilme der letzte Schrei waren und Verleiher wie UFA bereit waren, sie zu veröffentlichen, auch wenn sie wussten, dass die Zensurbehörden bald zuschlagen würden.


Schalte das Licht aus. Drücke auf Play. Der Berg Ra Ra Me wartet.


Fun Facts
🌴 Sri Lanka statt Neuguinea: Obwohl der Film in Papua-Neuguinea spielt, wurde er komplett in Sri Lanka gedreht, was dem Film eine authentische tropische Atmosphäre gab, die in Europa unmöglich gewesen wäre.
👙 Ursula Andress mit 41: Die ehemalige Bond-Girl war 41 Jahre alt, als sie die Rolle übernahm, und ließ sich trotz ihres Alters komplett nackt filmen, was damals für einen Star ihrer Größe ungewöhnlich und mutig war.
🐒 Tierquälerei-Kontroverse: Ein Affe, eine Echse und eine Tarantel wurden während der Dreharbeiten getötet, was zu jahrzehntelangen Kontroversen führte. Martino bereute diese Szenen später und sagte, er würde nie wieder so etwas filmen.
🎬 Sergio Martinos Giallo-Handwerk: Martino brachte sein Können aus stilvollen Gialli wie All the Colours of the Dark und Torso mit und machte Mountain of the Cannibal God zum technisch best produzierten Kannibalenfilm der Ära.
🔴 Video Nasty in UK: Der Film war von 1984 bis 2001 in Großbritannien als Video Nasty verboten und durfte weder verkauft noch verliehen werden. Erst 2001 bekam er eine geschnittene Freigabe.
🎵 De Angelis-Soundtrack: Die Brüder Guido und Maurizio De Angelis komponierten einen der besten Exploitation-Soundtracks der 70er, der perfekt zwischen orchestraler Dramatik und exotischen Rhythmen balanciert.
💎 Uran-Plot-Twist: Im Gegensatz zu vielen anderen Kannibalenfilmen hat Mountain of the Cannibal God einen cleveren Plot-Twist: Susan wusste von Anfang an, wo ihr Mann war, und nutzte die Expedition nur, um Uran zu finden.
📼 UFA Super 8-Fassung: Neben der VHS gab es auch eine Super 8-Version (3 x 110m), die heute extrem selten und bei Sammlern begehrt ist, besonders in gutem Zustand.
🎭 Stacy Keach phoned it in: Laut mehreren Kritikern wirkte Keach distanziert und wenig investiert in seine Rolle, was im Kontrast zu Andress' furchtloser Performance stand.
📀 2K-Restaurierung 2018: Shameless Films veröffentlichte 2018 eine 2K-restaurierte Blu-ray mit nie zuvor gesehenem Material aus Martinos privater Sammlung, inklusive expliziterer Sexszenen, die ursprünglich geschnitten wurden.