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Wir hatten die Gelegenheit, Sabbatical bereits vor dem offiziellen Kinostart zu sehen – und Judith Angerbauers Regiedebüt hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck. Der Film ist ein leises, zugleich emotional hoch aufgeladenes Beziehungsdrama, das sich Zeit nimmt, unter die Oberfläche seiner Figuren zu schauen und dabei schmerzlich präzise Fragen über Liebe, Familie und Selbstverwirklichung stellt.


Im Zentrum von Sabbatical steht das Paar Tara (Seyneb Saleh) und Robert (Trystan Pütter), das gemeinsam mit seiner sechsjährigen Tochter Nia (Zoë Baier) eine Auszeit in Griechenland verbringt. Was als Rettungsversuch einer brüchig gewordenen Beziehung gedacht ist, entpuppt sich zunehmend als Konfrontation mit all dem, was man hinter sich lassen wollte. Spätestens als Roberts jüngerer Bruder Jonathan (Sebastian Urzendowsky) unerwartet auftaucht, wird aus dem vermeintlichen Rückzugsort eine emotionale Druckkammer.


Judith Angerbauer interessiert sich weniger für äußere Dramatisierung als für innere Prozesse. Ihr Film beobachtet genau, manchmal fast schon schmerzhaft intim, wie sich alte Beziehungsmuster wiederholen, wie unausgesprochene Erwartungen aufeinanderprallen und wie schwer es ist, sich von gesellschaftlichen Rollenbildern zu lösen – selbst (oder gerade) dann, wenn man sie längst als überholt erkannt hat. Sabbatical erzählt von der Illusion, man könne durch einen Ortswechsel auch die eigenen Konflikte hinter sich lassen, und davon, wie trügerisch diese Hoffnung ist.


Besonders überzeugend ist das Ensemble. Seyneb Saleh verleiht ihrer Figur Tara eine große innere Zerrissenheit: zwischen künstlerischem Anspruch, Mutterschaft und dem Wunsch nach Freiheit. Ihre Darstellung ist sensibel, verletzlich und zugleich von großer Präsenz. Trystan Pütter spielt Robert als Mann, der Verantwortung trägt – und daran langsam zu ersticken droht. Die Dynamik zwischen beiden wirkt jederzeit glaubwürdig und geprägt von einer Geschichte, die man spürt, auch wenn sie nicht explizit erzählt wird. Sebastian Urzendowsky bringt als Joni eine unberechenbare Energie in den Film, die bestehende Konflikte verschärft und verborgene Wunden freilegt.


Auch formal überzeugt Sabbatical: Die Bildgestaltung von Michael Kotschi nutzt das herbstlich-raue Griechenland nicht als Postkartenkulisse, sondern als Spiegel der inneren Zustände der Figuren. Das ruhige Erzähltempo, die zurückhaltende Musik und das präzise Sounddesign unterstreichen den realistischen Ton des Films. Angerbauer vertraut auf Blicke, Pausen und Zwischentöne – und verlangt damit auch Aufmerksamkeit und Geduld vom Publikum.


*Sabbatical* ist kein Film der schnellen Antworten. Stattdessen lädt er dazu ein, unbequeme Fragen auszuhalten: Wie frei sind wir wirklich in unseren Entscheidungen? Wie sehr prägen uns unsere Eltern und deren Lebensentwürfe? Und was bedeutet es heute überhaupt, als Paar über lange Zeit zusammenzubleiben? Gerade in seiner Offenheit und Ambivalenz liegt die Stärke dieses Films.


Mit Sabbatical gelingt Judith Angerbauer ein bemerkenswertes Regiedebüt, das lange nachwirkt. Ein kluges, fein beobachtetes Drama, das sich wohltuend von lauten Beziehungsgeschichten abhebt und im deutschen Kino eine wichtige, zeitgemäße Stimme markiert. Ein Film, der nicht nur gesehen, sondern gefühlt werden will.