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Mit Hereditary (2018) und Midsommar (2019) etablierte sich Ari Aster als eine der prägendsten Stimmen des modernen Horrorfilms. Mit Beau Is Afraid (2023) überraschte er sein Publikum mit einer fast dreistündigen, alptraumhaften psychologischen Odyssee, die die Kinogemeinde tief spaltete. Nun folgt Eddington – und der 39-jährige Regisseur polarisiert erneut, diesmal auf noch radikalere und politisch aufgeladenere Weise. Denn mit seinem vierten Spielfilm verlässt Aster das vertraute Terrain des Horrors und betritt das mindestens ebenso verminte Gelände der Gegenwartssatire. Das Ergebnis ist eines der aufreibendsten, ambitioniertesten und zugleich herausforderndsten Werke des amerikanischen Kinos der jüngsten Zeit.

Inhalt: Amerika im freien Fall, destilliert auf 2.634 Einwohner

Es ist Mai 2020. Die COVID-19-Pandemie hat auch die Kleinstadt Eddington im ländlichen New Mexico erfasst. Kein einziger Fall ist bislang gemeldet worden, und doch liegt die Spannung in der Luft wie Staub vor einem nahenden Sandsturm. Mittendrin: Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix), ein stoischer, kraushaariger Mann mit Asthma und einer ausgeprägten Abneigung gegen Vorschriften jeglicher Art. Seine Ehe mit Louise (Emma Stone) ist zerrüttet, nahezu wortlos eingeschlafen. Louises Mutter Dawn (Deirdre O'Connell) bringt täglich neue Ausdrucke von Verschwörungstheorien mit nach Hause und füttert die ohnehin angespannte Atmosphäre mit immer neuen apokalyptischen Narrativen.

Auf der anderen Seite steht Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal), ein aalglatter, empathisch posierender Lokalpolitiker, der sich auf eine Technologiefirma als finanziellen Retter der Stadt verlässt und in jeder Situation das Richtige zu sagen weiß. Als Cross die Maskenmaßnahmen öffentlich verweigert und beschließt, gegen Garcia bei der nächsten Wahl zu kandidieren, beginnt ein Kleinkrieg, der die Stadt in immer tiefere gesellschaftliche Gräben reißt. Dann geschieht ein Mord. Und dann noch einer. Und dann entgleist alles vollständig.

Im zweiten Akt entwickelt sich der Film zu einem rasanten, beinahe western-artigen Eskalationsstrudel. Die Ermordung George Floyds in Minneapolis erschüttert auch Eddington; jugendliche Aktivisten protestieren auf den Straßen, Verschwörungstheorien verbreiten sich wie ein Lauffeuer durch die sozialen Medien, und ein viraler Scharlatan (Austin Butler in einer bewusst klein gehaltenen, aber wirkungsvollen Rolle) zieht Louise zunehmend in seinen Bann.

Themen: Ein Brennglas auf ein gespaltenes Amerika

Was will Eddington eigentlich sein? Das ist die Frage, die Kritiker und Zuschauer seit der Weltpremiere in Cannes 2025 beschäftigt. Der Film wirft die großen Konfliktlinien des Jahres 2020 in einen Topf: Maskenpflicht und Pandemie-Leugnung, Verschwörungstheorien, Rassismus und Polizeigewalt, die Mechanismen viraler Empörungskultur und die moralische Selbstgerechtigkeit beider politischer Lager. All das gefiltert durch den Rahmen eines klassischen amerikanischen Westerns, in dem sich zwei Männer unausweichlich auf einen Showdown zubewegen.

Aster liefert dabei kein einfaches politisches Statement. Er verspottet die COVID-Skeptiker ebenso wie den performativen Anti-Rassismus woißer Mittelstandsjugendlicher. Er zeigt, wie moralische Selbstgewissheit auf allen Seiten zur Sucht geworden ist, und wie eine gemeinsame Wirklichkeit in tausend persönliche Wahrheiten zerbricht. Das ist mutiger Stoff und in seinen besten Momenten auch erhellend. Besonders eindringlich gelingt Aster die Darstellung von Momenten, die schmerzhaft klein wirken und doch die ganze gesellschaftliche Zerrissenheit in sich tragen: Ein Streitgespräch in einer Bar, bei dem eine Person eine Bedrohung wahrnimmt, während die andere dasselbe Ereignis als harmlos erlebt – zwei unvereinbare Wahrheiten, kein Schiedsrichter.

Allerdings hat diese Weigerung, eine klare Haltung einzunehmen, ihren Preis. Der einzige schwarze Hauptcharakter, Officer Michael (Micheal Ward), bleibt erschreckend unterentwickelt. Aster nutzt ihn vorwiegend als symbolisches Vehikel für gesellschaftliche Debatten, ohne ihm echte Innenperspektive oder dramatische Eigenständigkeit zu gönnen. Das ist ein berechtigter Kritikpunkt, der den Film bei aller Ambition in ethisch unbehagliches Terrain führt.

Regie und Stil: Zwischen Western und kollektivem Realitätsverlust

Aster selbst hat als wesentlichen Bezugspunkt nicht die großen Western-Klassiker eines Leone oder Ford genannt, sondern das entfesselte, verschwörungsgetränkte Chaos von Oliver Stones JFK (1991). Das ist ein aufschlussreicher Hinweis, denn Eddington ist weniger daran interessiert, Wahrheit aufzudecken, als daran, den Taumel einer Gesellschaft einzufangen, in der Wahrheit selbst ihren verbindenden Wert verloren hat.

Kameramann Darius Khondji taucht die weiten New-Mexico-Landschaften in ein staubtrockenes, fast klinisches Licht, das den Western-Topos als Folie nutzt, ohne ihn zu romantisieren. Die Innenräume hingegen sind beengend und klaustrophobisch – eine Aster-Spezialität, die er seit Hereditary souverän beherrscht. Das Sounddesign und die Musik von Bobby Krlic und Daniel Pemberton unterstreichen die zunehmend deliriöse Stimmung des Geschehens auf eindrucksvolle Weise.

Trotz aller handwerklichen Stärken leidet der Film an einer strukturellen Schwäche, die auch schon Beau Is Afraid plagte: Er weiß nicht, wann er aufhören soll. Bei 149 Minuten Laufzeit hätte ein entschlossener Schnitt dem Werk zweifellos gut getan. Der dritte Akt verliert sich in Längen, und das Ende hinterlässt ein Gefühl der Unabgeschlossenheit, das weniger bewusst offen als schlicht unentschlossen wirkt.

Die Darsteller: Das unbestreitbare Glanzstück

Wenn Eddington eines zweifelsfrei meisterhaft macht, dann ist es das Zusammenspiel seiner Hauptdarsteller.
Joaquin Phoenix trägt den Film als Sheriff Joe Cross mit einer Mischung aus grollender Sturheit, verschlepptem Trotz und einem seltsamen, fast unfreiwilligen Charme. Cross ist weder Held noch simpler Bösewicht, sondern das Portrait eines Mannes, der von einer Welt überrollt wird, die er nicht mehr versteht, und der darauf instinktiv mit Verweigerung antwortet. Phoenix erlaubt sich dabei bemerkenswerte komödiantische Untertöne – Cross ist an vielen Stellen beinahe absurd in seiner Sturheit, ohne dass die Figur je zum Karikatur wird.

Pedro Pascal als Bürgermeister Garcia ist das präzise Gegenstück: poliert, rhetorisch glatt, empathisch posierend. Seine Figur verkörpert den neoliberalen Politiker, der immer die richtigen Worte findet und dabei die eigentlichen Machtverhältnisse hinter einem freundlichen Lächeln verbirgt. Der Kontrast zwischen Cross' rauem Intuitivismus und Garcias professioneller Geschmeidigkeit ist eine der stärksten dramatischen Achsen des gesamten Films.

Emma Stone bekommt als Louise vergleichsweise wenig Leinwandzeit, nutzt aber jeden Moment mit stiller Intensität. Ihre Figur ist in einer lähmenden Ehe gefangen und gleitet langsam in den Sog eines viralen Charlatans. Stone verleiht dieser innerlichen Auflösung eine zurückgenommene, durchdringende Präsenz, die tief nachwirkt.

Deirdre O'Connell als Dawn, die verschwörungstheoriebesessene Schwiegermutter, rundet das Ensemble auf großartige Weise ab. Sie steht in der Tradition jener Mutterfiguren, die Aster seit Hereditary mit Vorliebe entwirft: gleichzeitig rührend und zutiefst beunruhigend, eine Quelle von Wärme und Angst in ein und derselben Person.

Die Blu-ray von Leonine: Technische Details

Die deutsche Blu-ray erscheint von Leonine im Bildformat 1.85:1 in 1080p HD. Der Ton liegt in DTS-HD Master Audio 5.1 sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch vor, deutsche Untertitel sind ebenfalls enthalten. Als Bonusmaterial sind ein Making-of-Featurette sowie Interviews beigelegt.

Das Bild ist für eine 1080p-Scheibe gut gelungen. Khonjis wüstenartige, staubig-trockene Bildsprache profitiert von satten Kontrasten und einem warmen Farbspektrum, das auf einem gut kalibrierten Fernseher eine starke Wirkung entfaltet. Wer das volle technische Potenzial ausreizen möchte, sei auf die nordamerikanische 4K-UHD-Version hingewiesen, die mit Dolby Vision und Dolby Atmos aufwartet – allerdings ohne deutschen Ton. Für den deutschsprachigen Heimkinomarkt ist die Leonine-Scheibe dennoch die erste Wahl.

Der DTS-HD-5.1-Ton ist solide und trägt besonders in den zunehmend eskalierenden Szenen des zweiten und dritten Aktes spürbar zur Atmosphäre bei. Ein leichter Wermutstropfen: Das Bonusmaterial fällt mit Featurette und Interviews recht überschaubar aus. Angesichts der thematischen Komplexität des Films hätte man sich ein umfangreicheres Making-of gewünscht, wie es auf der US-amerikanischen Veröffentlichung von A24 in Form einer rund 33-minütigen Dokumentation enthalten ist.

Fazit: Faszinierend, unbequem, unvollendet

Eddington ist kein einfacher Film, und er will keiner sein. Ari Aster dreht Filme, in denen das Wohlbefinden des Publikums erkennbar kein vorrangiges Ziel ist – und das als konsequente künstlerische Haltung, nicht als bloße Provokation. Das kann man ihm vorwerfen oder respektieren, aber gleichgültig lässt es einen selten.

Der Film wirft die zentralen Konflikte des Jahres 2020 in den Mixer und drückt auf Püree. Das Ergebnis ist manchmal erhellend, manchmal erschöpfend, immer unbequem. Wer eine klare politische Botschaft sucht, wird enttäuscht. Wer bereit ist, sich auf das kollektive Unbehagen einer Gesellschaft im Realitätsverlust einzulassen, findet hier einen der mutigsten und eigenwilligsten amerikanischen Filme des Jahres 2025.
Dass Leonine den Film ohne 4K-Option und mit vergleichsweise schmalem Bonusmaterial auf den deutschen Markt bringt, ist für Heimkino-Enthusiasten ein kleiner Wermutstropfen. An der Empfehlung für alle Freunde anspruchsvollen, herausfordernden Kinos ändert das jedoch nichts.