Nextgengamersnet
Games, Movies and more
 
 
 


Der Schrecken der Medusa (VHS) – Retro-Review: Richard Burton und die legendäre Select Video Glasbox


Originaltitel: The Medusa Touch
Regie: Jack Gold
Jahr: 1978 (Kino) / ca. 1981-1984 (VHS-Release)
Darsteller: Richard Burton, Lino Ventura, Lee Remick, Harry Andrews, Alan Badel, Derek Jacobi
VHS-Vertrieb: Select Video (Deutschland)
Laufzeit VHS: Ca. 105-109 Minuten
Format: PAL, Magnetband, Glasbox
FSK 12
Besonderheit: Legendäre transparente Glasbox von Select Video
Damaliger VHS-Preis: Ca. 89-119 DM (Kaufversion)


Es ist Anfang der 80er Jahre, und die VHS-Revolution hat Deutschland voll erfasst. Die Videothek um die Ecke ist das neue Kino, und die Verleiher überbieten sich mit immer aufwendigeren Verpackungen, um ihre Titel hervorzuheben. Dort, zwischen den Standard-Pappschachteln von UFA und den dicken Buchboxen von VMP, steht eine Kassette, die schon durch ihre Verpackung aus der Masse heraussticht. Eine transparente Glasbox, durch die man das Tape sehen kann, mit einem Cover, das Richard Burton zeigt, dessen Gesicht halb im Schatten liegt, dahinter das Relief der Medusa von Caravaggio. Der Titel in dramatischen Lettern: Der Schrecken der Medusa. Das Select Video-Logo signalisiert Qualität, und die Glasbox selbst ist ein Statement: Das hier ist kein gewöhnlicher Film, das ist etwas Besonderes.


Du kaufst es für 99 Mark, eine stattliche Summe, aber die Glasbox allein ist schon ein Sammlerstück. Zu Hause nimmst du die transparente Box in die Hand, spürst ihr Gewicht, siehst durch das klare Plastik das schwarze VHS-Tape mit dem Select-Label. Du öffnest die Box, schiebst das Tape in den Rekorder, drückst auf Play, und für die nächsten eineinhalb Stunden erlebst du einen Film, der so unheimlich, intelligent und verstörend ist, dass du danach noch lange darüber nachdenken wirst. Willkommen bei Der Schrecken der Medusa, einem der unterschätztesten Thriller der 70er Jahre, und Select Video war der Verleiher, der ihm mit der legendären Glasbox die Verpackung gab, die er verdiente.


Die Geschichte von The Medusa Touch beginnt 1978 mit Regisseur Jack Gold, der vor allem für Fernsehproduktionen bekannt war, aber mit diesem Film seinen letzten großen Kinoauftritt hatte. Das Drehbuch von John Briley basiert auf dem gleichnamigen Roman von Peter Van Greenaway aus dem Jahr 1973, einem britischen Autor, der für politische Thriller und Science-Fiction mit düsteren Untertönen bekannt war. Die Prämisse ist faszinierend: Was, wenn ein Mensch allein durch seine Gedanken Katastrophen auslösen könnte? Was, wenn dieser Mensch die Menschheit hasste und beschloss, sie zu vernichten?


John Morlar, gespielt von Richard Burton in einer seiner letzten großen Rollen, ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der über eine erschreckende Gabe verfügt: Telekinese. Nicht die harmlosen Tricks, die man aus anderen Filmen kennt, sondern die Fähigkeit, mit bloßen Gedanken Flugzeuge abstürzen zu lassen, Menschen zu töten und Gebäude einzustürzen. Als der Film beginnt, liegt Morlar mit zertrümmertem Schädel im Koma, offensichtlich das Opfer eines versuchten Mordes. Kommissar Brunel, ein französischer Austauschpolizist gespielt von Lino Ventura, wird auf den Fall angesetzt und beginnt zu ermitteln. Was er entdeckt, ist eine Geschichte, die sich über Jahrzehnte erstreckt und zeigt, wie Morlar von einem traumatisierten Kind zu einem menschenverachtenden Monster wurde, das nun vom Krankenbett aus eine Katastrophe nach der anderen auslöst.


Die Select Video-VHS-Fassung, die in Deutschland erschien, war nahezu ungeschnitten und lief etwa 105 Minuten, nur wenige Minuten kürzer als die britische Kinofassung mit 109 Minuten. Was Select Video besonders machte, war nicht nur der Film selbst, sondern die Verpackung. Die Glasbox war in den frühen 80ern eine Innovation, ein transparenter Kunststoffbehälter, der stabiler war als Pappschachteln und edler aussah als die Standard-Plastikhüllen. Select Video war einer der wenigen deutschen Verleiher, die Glasboxen konsequent nutzten, und Sammler liebten sie, weil man das Tape sehen konnte, ohne die Box öffnen zu müssen, und weil sie robust genug waren, um jahrzehntelang zu halten.


Das Cover der Select Video-Glasbox war atmosphärisch und zurückhaltend. Richard Burton dominiert das Bild, sein Gesicht halb im Schatten, seine Augen durchdringend und gefährlich. Im Hintergrund das berühmte Medusa-Relief von Caravaggio, das auch in Morlars Wohnung im Film hängt und als Symbol für seine tödliche Kraft dient. Der Schriftzug Der Schrecken der Medusa in eleganten, fast viktorianischen Lettern. Die Rückseite hatte eine detaillierte Inhaltsangabe, die den Film als Mystery-Thriller präsentierte, dazu Szenenfotos und Besetzungsliste. Das Select Video-Logo war prominent, ein Zeichen für Qualität in einer Zeit, als viele Verleiher billige Kopien auf den Markt warfen.


Die Bildqualität der Select Video-VHS war für frühe 80er Jahre hervorragend. Das Bild war scharf, die Farben natürlich und gut abgestimmt, der Kontrast perfekt für die vielen düsteren, nächtlichen Szenen. Jack Gold hatte den Film mit einem Auge für Atmosphäre gedreht, und die VHS-Übertragung bewahrte diese Qualität. Die Szene, in der ein Jumbo-Jet in ein Londoner Hochhaus stürzt, eine der spektakulärsten und prophetischsten Sequenzen der Filmgeschichte, kam auf VHS beeindruckend rüber, trotz der technischen Limitierungen des Formats. Der Ton war Mono, klar und ohne größere Störungen. Die deutsche Synchronisation war, wie bei Select Video üblich, professionell. Richard Burton klingt in der deutschen Fassung bedrohlich und charismatisch, Lino Ventura rau und entschlossen, Lee Remick als Dr. Zonfeld, Morlars Psychiaterin, mitfühlend aber zunehmend verzweifelt.


Der Film selbst ist ein Meisterwerk des psychologischen Thrillers, das viel zu lange unterschätzt wurde. Jack Gold inszeniert mit einem langsamen Brennen, das Spannung aufbaut, ohne sie durch billige Schockmomente zu entladen. Die Struktur ist clever: Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt, während Brunel ermittelt und Morlars Leben Stück für Stück zusammensetzt. Wir sehen Morlar als Kind, wie er seine sadistische Nanny tötet, indem er sie die Treppe hinunterstürzen lässt. Wir sehen ihn als Jugendlichen, wie er seine Eltern in einem Autounfall umbringt. Als Erwachsenen, wie er einen korrupten Richter und einen heuchlerischen Dekan eliminiert. Jede Begegnung zeigt uns einen Mann, der die Menschheit verachtet und beschlossen hat, sie für ihre Sünden zu bestrafen.


Richard Burton ist brillant in dieser Rolle. Im Spätherbst seiner Karriere, gezeichnet von Alkohol und persönlichen Tragödien, bringt er eine Intensität mit, die perfekt zu Morlar passt. Selbst im Koma, angeschlossen an lebenserhaltende Maschinen, dominiert er den Film. Seine Präsenz ist so stark, dass man spürt, wie sein Geist aktiv bleibt, wie er weiterhin plant und mordet, selbst wenn sein Körper bewegungslos ist. Die Szenen, in denen er seine Lebensgeschichte Dr. Zonfeld erzählt, sind gespickt mit einer bitteren, zynischen Eloquenz, die nur Burton so liefern konnte. Sein berühmtester Satz im Film, I have a gift for disaster, wird zur Leitmotiv einer Figur, die ihre Kraft als Fluch sieht, aber sie trotzdem skrupellos einsetzt.


Lino Ventura, der französische Star, der in seiner Heimat eine Legende war, aber im englischsprachigen Raum nie die Anerkennung bekam, die er verdiente, spielt Brunel mit einer stoischen Intensität. Er ist der moralische Anker des Films, der Mann, der versucht, das Unbegreifliche zu verstehen und die Katastrophe zu stoppen. Seine Szenen mit Lee Remick, die Dr. Zonfeld mit einer Mischung aus professioneller Distanz und wachsender Panik spielt, sind die emotionalen Höhepunkte. Beide erkennen langsam, dass Morlar nicht gestoppt werden kann, solange sein Gehirn aktiv ist, und dass die einzige Lösung darin besteht, ihn sterben zu lassen.


Die Katastrophenszenen sind für 1978 beeindruckend und erschreckend prophetisch. Der Jumbo-Jet, der in ein Hochhaus fliegt, war 23 Jahre vor 9/11 eine Fiktion, die niemand für möglich hielt. Die Szene, in der eine große Kathedrale während einer Zeremonie mit hochrangigen Persönlichkeiten einstürzt, ist episch inszeniert, mit hunderten Statisten und aufwendigen Modellbauten. Die Special Effects von Colin Chilvers und die Miniaturarbeit sind handwerklich exzellent und halten auch heute noch stand, weil sie praktisch und nicht digital sind.


Der Soundtrack von Michael J. Lewis ist ein weiteres Highlight. Orchestral, düster und prophetisch, untermalt er die Spannung perfekt, ohne aufdringlich zu werden. Die Musik suggeriert von Anfang an, dass etwas Schreckliches passieren wird, und sie hat Recht.


Die Kontroversen blieben damals minimal, weil der Film nicht als Horror vermarktet wurde, sondern als intelligenter Thriller. Kritiker waren gespalten. Manche fanden ihn zu langsam, zu cerebraler für das Massenpublikum. Andere lobten genau das: die Weigerung, billige Thrills zu liefern, die Betonung von Atmosphäre und Charakterentwicklung. In Deutschland lief der Film 1980 erstmals im Fernsehen, bevor er 1981 in die Kinos kam, was ungewöhnlich war. Die VHS-Veröffentlichung durch Select Video folgte kurz danach und wurde ein solider Erfolg unter Thriller-Fans.


Heute ist Der Schrecken der Medusa ein wiederentdeckter Klassiker. Koch Media brachte 2020 ein aufwendiges Mediabook mit Blu-ray und DVD heraus, mit restauriertem Bild, Audiokommentar von Jack Gold und Filmhistorikern, einer Featurette über die Special Effects und sogar der deutschen Super 8-Kurzfassung als Bonus. Die Blu-ray zeigt den Film in seiner vollen visuellen Pracht, aber die Select Video-VHS bleibt für Sammler ein Schatz, weil sie ein Stück deutscher Videogeschichte repräsentiert.


Die Glasbox selbst ist heute ein Sammlerobjekt. Je nach Zustand und Titel werden Select Video-Glasboxen für 30 bis 150 Euro gehandelt. Der Schrecken der Medusa liegt im mittleren Bereich, etwa 50 bis 80 Euro für eine gut erhaltene Box mit funktionierendem Tape. Die Glasbox-Ära war kurz, nur etwa 1981 bis 1985, bevor billigere Plastikhüllen sie ersetzten. Aber in dieser Zeit waren sie das Non-Plus-Ultra für anspruchsvolle Sammler.


Würde ich Der Schrecken der Medusa heute jemandem empfehlen? Absolut. Es ist ein Film, der zeigt, dass Thriller intelligent, atmosphärisch und erschreckend sein können, ohne auf billige Schocks zu setzen. Es ist Richard Burton in einer seiner letzten großen Rollen, ein Testament an seine Fähigkeit, Dunkelheit und Charisma zu vereinen. Und es ist ein Film, der 1978 Dinge zeigte, die später schreckliche Realität wurden, was ihm eine unheimliche Zeitlosigkeit verleiht.


Fun Facts


🎭 Richard Burton im Spätherbst: Burton war während der Dreharbeiten stark vom Alkohol gezeichnet, was seiner Darstellung des gequälten Morlar eine zusätzliche Authentizität verlieh. Es war eine seiner letzten großen Rollen.


📦 Legendäre Glasbox: Die transparente Select Video-Glasbox war in den frühen 80ern eine Innovation und ist heute bei Sammlern begehrt. Sie kostete in der Produktion mehr, hielt aber Jahrzehnte.


✈️ 23 Jahre vor 9/11: Die Szene, in der ein Jumbo-Jet in ein Londoner Hochhaus stürzt, erschien 1978 wie reine Science-Fiction. Nach 2001 wirkt sie erschreckend prophetisch.


🎬 Jack Golds letzter Kinofilm: Der kleine Lord-Regisseur Jack Gold drehte nach Der Schrecken der Medusa fast nur noch fürs Fernsehen. Das war sein letzter großer Kinoauftritt.


🇫🇷 Lino Ventura, die verkannte Legende: Der französische Star war in Frankreich ein Superstar, bekam aber im englischsprachigen Raum nie die Anerkennung, die er verdiente. Seine Performance hier ist brilliant.


📚 Peter Van Greenaway-Roman: Das Drehbuch basiert auf Van Greenaways 1973er Roman, der politische Thriller mit düsteren SF-Elementen verband und bis heute lesenswert ist.


🎨 Caravaggio-Medusa: Das Medusa-Relief in Morlars Wohnung ist eine Nachbildung von Caravaggios berühmtem Gemälde und Symbol für Morlars tödliche Kraft: Wer ihm begegnet, stirbt.


🎵 Michael J. Lewis-Score: Der Komponist schuf einen der atmosphärischsten Soundtracks der 70er, orchestral und düster, der die Spannung von Anfang an suggeriert.


📺 TV vor Kino: In Deutschland lief der Film zuerst 1980 im Fernsehen (ARD), bevor er 1981 in die Kinos kam – eine ungewöhnliche Veröffentlichungsstrategie.


💿 Koch Media Mediabook 2020: Die restaurierte Blu-ray-Veröffentlichung enthält u.a. die deutsche Super 8-Kurzfassung (18 Min.) als historisches Bonusmaterial – ein Einblick in die Heimkino-Ära vor VHS.