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Rezension: V/H/S/85 (2023)

Blu-ray-Veröffentlichung: LEONINE, 27. März 2026 Format: Blu-ray & DVD, Uncut, FSK 18 Laufzeit: 111 Minuten Regie: David Bruckner, Scott Derrickson, Gigi Saul Guerrero, Natasha Kermani, Mike P. Nelson Produktion: USA/Mexiko, 2023

Endlich auf physischem Träger

Es war eine der größeren Lücken in der deutschen Horrorveröffentlichungslandschaft: V/H/S/85 war hierzulande weder auf Blu-ray noch auf DVD erhältlich – und das, obwohl der Film in der internationalen Found-Footage-Community längst Gesprächsthema war. LEONINE schließt diese Lücke nun mit einer ungekürzten Veröffentlichung, die pünktlich zum 27. März in den Handel kommt. Für Sammler physischer Medien und Fans des Franchises ist das schlicht überfällig.

Das Konzept

V/H/S/85 ist der sechste Teil des gleichnamigen Anthologie-Franchises, das seit 2012 immer wieder bewährte und neue Horrorregie-Talente zusammenbringt, um Found-Footage-Kurzfilme unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Das Konzept ist denkbar einfach und in seiner Simplizität wirkungsvoll: Mehrere Regisseure liefern jeweils einen eigenständigen Kurzhorrfilm, lose verbunden durch eine Rahmenhandlung, das Ganze präsentiert als zusammengestückeltes VHS-Kassettenmaterial. Was bei anderen Anthologien gelegentlich nach billiger Verlegenheitslösung klingt, gehört hier zur DNA des Projekts.

Für den sechsten Teil versammelte Produzent Brad Miska ein Quintett, das sich sehen lassen kann: David Bruckner, der zuletzt mit seiner Hellraiser-Neuinterpretation auf sich aufmerksam machte, Scott Derrickson, Schöpfer von Sinister und The Black Phone, die mexikanische Regisseurin Gigi Saul Guerrero, Natasha Kermani sowie Mike P. Nelson.

Die Segmente im Überblick

„Total Copy" – David Bruckner

Bruckner übernimmt die Rahmenhandlung und gestaltet sie als fiktiven TV-Dokumentarfilm über ein Wissenschaftsteam, das glaubt, ein formwandelndes außerirdisches Wesen unter Kontrolle zu haben – ein Irrtum mit fatalen Folgen. Formal ist das geschickt gelöst: Die Dokumentaraufnahmen werden häppchenweise zwischen die anderen Segmente geschnitten, so als wären die Kassetten über dasselbe Band gerecordet worden. Das ergibt eine beklemmende Rahmenwirkung, die dem Film insgesamt mehr Zusammenhalt verleiht, als man von einem Anthologieformat erwarten würde. Bruckner beweist einmal mehr, dass er zu den verlässlichsten Handwerkern des modernen Horrors gehört.

„No Wake" & „Ambrosia" – Mike P. Nelson

Nelson leistet sich eine strukturelle Besonderheit, die es in dieser Form im Franchise bisher nicht gab: Er liefert zwei miteinander verwobene Segmente, die dieselbe Geschichte aus zwei völlig unterschiedlichen Perspektiven erzählen. „No Wake" zeigt zunächst eine Gruppe junger Erwachsener bei einem Ausflug an einen See, dessen sommerliche Unbeschwertheit abrupt in brutale Gewalt umschlägt. „Ambrosia" liefert dazu den Gegenblick: eine verstörende Kleinstadtfamilie mit sadistischen Glaubensritualen, die sich als auserwählt betrachtet. Beide Segmente funktionieren für sich allein – zusammengesetzt entfalten sie eine fast synaptische Wirkung. „No Wake" ist dabei der blutigste Beitrag des gesamten Films und dürfte dem Splatter-affinen Publikum besonders gefallen.

„God of Death" – Gigi Saul Guerrero

Guerreros Beitrag ist der ehrgeizigste des Films. Als Ausgangspunkt wählt sie das reale Erdbeben von Mexiko-Stadt 1985 – eine der verheerendsten Naturkatastrophen der jüngeren lateinamerikanischen Geschichte – und macht daraus aztekischen Götterhorror. Ein Fernsehteam überlebt den Einsturz eines Gebäudes, nur um in den Trümmern unter der Stadt auf etwas Uraltes und Bösartiges zu stoßen. Die Entscheidung, historisches Trauma als Horrorkulisse zu nutzen, ist mutig und nicht ohne Risiko, geht aber im Kontext des Films auf. Die Spannung schraubt Guerrero dabei auf ein fast unerträgliches Niveau – ein bemerkenswert physisches Horrorerlebnis.

„TKNOGD" – Natasha Kermani

Das experimentellste Segment des Films. Kermani entwirft eine Performance-Kunstshow, in der Virtual-Reality-Technologie – 1985 noch Zukunftsvision und Gesprächsstoff in Tech-Kreisen – eingesetzt wird, um Kontakt mit einer neuen Form von Gottheit aufzunehmen. Was als avantgardistisches Spektakel beginnt, endet in blutiger Apokalypse. Das Segment ist das sperrigste und langsamste der Sammlung und wird polarisieren: Wer sich auf Kermanis eigenwillige Bildsprache einlässt, erlebt eine der verstörendsten Sequenzen des gesamten Franchises. Wer schnelle Schocks erwartet, könnte die Geduld verlieren.

„Dreamkill" – Scott Derrickson

Derrickson liefert konzeptionell den stärksten Aufhänger: Ein Detective erhält Videoaufnahmen eines Serienkillers – Tatortaufnahmen von Morden, die zum Zeitpunkt der Aufnahme noch gar nicht begangen wurden. Die Prämisse erinnert thematisch an Sinister, Derrickson borgt sich aber auch sichtlich von Michael Manns Manhunter und macht daraus etwas spürbar Eigenes. Das Segment ist zudem ein Familienprojekt: Derricksons Söhne sind in Schlüsselpositionen involviert, als Darsteller sowie als Komponist des Scores. Letzterer klingt herrlich nach Fulci trifft Carpenter – ein echter Ohrengenuss für Genre-Kenner.

Stärken: Seltene Gleichmäßigkeit

Was V/H/S/85 von den meisten seiner Vorgänger unterscheidet, ist eine ungewöhnliche qualitative Konsistenz. Bei Anthologieformaten ist es fast unvermeidlich, dass einzelne Segmente deutlich abfallen – hier hält das Niveau durch. Kein Segment ist schwach, kein Segment ist so dominant, dass es den Rest beschattet. Die strukturelle Verknüpfung durch Bruckners Rahmenhandlung und Nelsons Doppelsegment gibt dem Film außerdem mehr innere Logik, als man von einem Projekt mit fünf Regisseuren erwarten dürfte.

Schwächen: Das Found-Footage-Dilemma

Nicht ganz unberechtigte Kritik entzündet sich an der formalen Konsequenz. Das V/H/S-Franchise lebt vom Versprechen, authentisch wirkendes Archivmaterial zu präsentieren – gefundene Kassetten, zufällig eingefangene Schrecken. Einige Segmente in V/H/S/85 wirken jedoch zu durchkomponiert, zu kinematografisch durchdacht, als dass die Grundprämisse überzeugend trägt. Auch der gelegentliche Einsatz von CGI-Effekten wirkt anachronistisch – gerade wenn der Film gleichzeitig so demonstrativ auf analoge Ästhetik setzt.

Für Puristen des Genres ist das ein echtes Argument. Wer Found Footage eher als stilistisches Werkzeug denn als fundamentales Glaubensbekenntnis versteht, wird damit weniger Probleme haben.

Die LEONINE Blu-ray

LEONINE bringt den Film ungeschnitten und mit FSK-18-Freigabe auf den deutschen Markt – für ein Werk dieser Schule der einzig richtige Umgang. Die bewusst körnige, artifizielle VHS-Optik des Films ist eine stilistische Entscheidung, keine technische Schwäche, und sollte auf der Blu-ray entsprechend respektiert werden. Details zu Bonusmaterial und Tonspuren lagen zum Zeitpunkt dieser Rezension noch nicht vollständig vor – hier lohnt ein Blick auf die finale Produktseite kurz vor Erscheinen. Eines steht fest: Für deutsche Fans der Reihe ist diese Veröffentlichung längst überfällig.

Fazit

V/H/S/85 ist einer der stärksten Einträge in einem Franchise, das sich gegen alle Erwartungen als dauerhaft lebensfähig erweist. Die Kombination aus dezidierter 80er-Jahre-Ästhetik, kosmischem und körperlichem Horror, mutigen Prämissen und einem handwerklich soliden Ensemble ergibt ein Horromerlebnis, das unterhält, erschreckt und gelegentlich echte Beklemmung erzeugt. Wer die Reihe kennt, wird V/H/S/85 als einen ihrer höhepunktreichsten Einträge schätzen. Neueinsteiger können hier durchaus direkt einsteigen, gewinnen aber durch die Kenntnis der Vorgänger zusätzlich.

Die LEONINE Blu-ray macht diesen Film erstmals physisch in Deutschland zugänglich – ungeschnitten, solide produziert und für Sammler schlichtweg ein Muss.