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Woody Allen hat in seiner jahrzehntelangen Karriere viele Filme über neurotische New Yorker Intellektuelle gedreht, die mit sich selbst im Krieg liegen – doch „Harry außer sich" ist etwas anderes. Es ist sein wütendster, rohster, ehrlichster Film. Kein anderes Werk trägt die Handschrift seines Regisseurs so offen, so ungeschützt und gleichzeitig so selbstironisch wie dieser. Wer Allen nur aus seinen eleganten Ensemblekomödien kennt, wird hier überrascht werden – im besten Sinne.


Inhalt und Inszenierung


Harry Block ist Schriftsteller. Erfolgreich, bekannt, gefeiert – und innerlich vollkommen leer. Er schreibt über die Menschen in seinem Leben, verfremdet sie kaum, und wundert sich dann, dass er keine Freunde mehr hat. Seine Ehen sind gescheitert, seine Affären enden in Chaos, seine Therapeutin hat ihn aufgegeben. Als seine alte Universität ihn ausgerechnet jetzt ehren will, bricht Harry zu einem aberwitzigen Roadtrip auf, begleitet von seinem Freund Richard (Bob Balaban), der Prostituierten Cookie (Hazelle Goodman) – und seinem eigenen kleinen Sohn, den er kurzerhand aus dem Kindergarten entführt hat, weil er keine andere Lösung weiß.


Allen inszeniert das alles mit einer Energie, die man ihm zu dieser Zeit kaum noch zugetraut hatte. Der Schnitt ist sprunghaft, nervös, fast aggressiv – kein anderer seiner Filme ist so rastlos montiert. Die Erzählung wechselt ständig zwischen Harrys realem Roadtrip und den Episoden aus seinen Büchern, in denen die Menschen aus seinem Leben als leicht verfremdetete Figuren auftauchen. Diese Metaebene funktioniert überraschend gut: Sie ist nicht nur ein cleverer formaler Trick, sondern macht tatsächlich deutlich, wie Harry die Welt wahrnimmt – als Rohstoff, als Material, als Geschichte, die darauf wartet, erzählt zu werden. Dass er dabei echte Menschen verletzt, ist ihm entweder nicht bewusst oder schlicht egal.


Der Film endet, wie es nur bei Allen enden kann: mit einem Besuch in der Hölle, der überraschend gemütlich ausfällt, und einer Erkenntnis, die so bitter wie tröstlich ist. Harry findet Frieden – aber nur in der Fiktion, nur in seiner Arbeit. Im echten Leben bleibt er das, was er immer war: außer sich.


Der Cast – ein Who's who des amerikanischen Kinos


Was „Harry außer sich" neben Allens Regie auszeichnet, ist ein Ensemble von schwindelerregender Qualität. Allen hat stets gut darin gewesen, Schauspieler zu versammeln – hier aber trifft er sich selbst.


Woody Allen spielt Harry Block und macht dabei kaum einen Hehl daraus, dass hier autobiografische Züge mitschwingen. Er gibt dem Charakter eine Verletzlichkeit, die er hinter Zynismus und Wortgefechten verbirgt, und ist in jeder Szene präsent, auch wenn er formal wenig „spielt" im klassischen Sinne. Harry Block ist Allen auf die Spitze getrieben – das neurotische Genie, das sich selbst am besten kennt und am wenigsten versteht.


Judy Davis als Faye, eine von Harrys aufgebrachten Ex-Geliebten, ist ein Wirbelwind aus verletztem Stolz und scharfer Zunge. Davis, bekannt aus „Reise nach Indien" und „To Rome with Love", hat eine Intensität, die den Raum auflädt, sobald sie die Szene betritt. Ihre Konfrontationen mit Allen gehören zu den besten Momenten des Films – komisch und gleichzeitig unangenehm wahr.


Kirstie Alley, bekannt aus „Kuck mal, wer da spricht!" und „Die Zahnfee", spielt Joan, Harrys Ex-Frau und Psychiaterin, die ihn aus gutem Grund verabscheut. Alley verleiht der Figur eine eiskalte Würde, die umso wirkungsvoller ist, weil man ihr gleichzeitig recht geben muss. Sie ist keine Karikatur, sondern eine Frau, die ihren Mann schlicht durchschaut hat.


Elisabeth Shue, bekannt aus „Leaving Las Vegas" und zuletzt in der Erfolgsserie „The Boys" zu sehen, spielt Lucy, eine von Harrys Romanfiguren. Shue bringt in ihre Rolle eine Wärme und Normalität, die im Kontrast zu Harrys ständigem Chaos fast seltsam wirkt – was natürlich Absicht ist. Sie ist das, was Harry nie erreichen kann: jemand mit echten Gefühlen.


Billy Crystal taucht in einer der denkwürdigsten Szenen des Films auf: als Teufel persönlich, der Harry durch die Hölle führt. Crystal, der Star aus „Harry und Sally" und „City Slickers", spielt die Rolle mit entwaffnender Lässigkeit. Die Hölle bei Allen ist kein Ort des Schreckens, sondern ein mäßig klimatisierter Aufenthaltsraum für die Verdammten – und Crystal navigiert durch diese Absurdität mit dem Timing eines Vollblutkomödianten.


Robin Williams übernimmt eine kleine, aber unvergessliche Rolle: Er spielt Mel, einen Schauspieler aus einem von Harrys Romanen, der buchstäblich unscharf ist. Williams erscheint im wörtlichen Sinne unscharf auf der Leinwand, verschwommen, nicht im Fokus – ein grandioses visuelles Gag-Konzept, das Allen mit Williams' unvergleichlichem komödiantischem Instinkt kombiniert. Die Szene dauert nur wenige Minuten, bleibt aber im Gedächtnis.


Darüber hinaus sind u.a. Demi Moore, Tobey Maguire, Stanley Tucci und Bob Balaban in Nebenrollen zu sehen, was einmal mehr zeigt, welchen Stellenwert Allen in Hollywood genoss – Auftritte in seinen Filmen galten als Auszeichnung, nicht als Verpflichtung.


Die DVD von One Gate Media


One Gate Media hat sich als verlässlicher Anbieter für Klassiker und schwer zugängliche Titel auf dem deutschen Heimkinomarkt etabliert. Mit dieser Veröffentlichung von „Harry außer sich" bringen sie einen Film zurück in den regulären Handel, der hierzulande lange Zeit nur schwer zu bekommen war. Für Allen-Fans, die ihre Sammlung vervollständigen möchten, und für alle, die dieses Werk noch nicht kennen, ist die DVD eine willkommene Gelegenheit. Die Veröffentlichung erscheint ohne großen Schnickschnack – aber manchmal braucht ein großer Film eben keine aufwendige Verpackung, um für sich selbst zu sprechen.


Fazit


„Harry außer sich" ist nicht Woody Allens zugänglichster Film, aber möglicherweise sein persönlichster. Er ist wütend, melancholisch, obszön und brillant – oft alles auf einmal. Das Ensemble ist erstklassig, die Inszenierung überraschend mutig, und Allens Bereitschaft, sich selbst schonungslos zu sezieren, verleiht dem Film eine Ehrlichkeit, die man selten im Mainstreamkino findet. Wer Kino mit Tiefgang, schwarzem Humor und echtem Biss sucht, ist hier genau richtig. Klare Empfehlung.