Der Märchenfilm Der Schweinehirt aus der ARD-Reihe „6 auf einen Streich“ gehört zu den verspielteren, zugleich aber überraschend vielschichtigen Beiträgen des Formats. Unter der Regie von Carsten Fiebeler entfaltet sich eine moderne, humorvolle Interpretation des Andersen-Märchens, die klassische Motive mit zeitgemäßer Erzählweise verbindet und dabei sowohl junge Zuschauer als auch Erwachsene anspricht.
Im Zentrum der Geschichte steht ein junger Prinz, dessen Königreich vor dem finanziellen Ruin steht. Die pragmatische Lösung scheint klar: Eine Hochzeit mit der reichen Kaiserstochter würde alle Sorgen beenden. Doch der Prinz begegnet einer verwöhnten, arroganten Prinzessin, die seine ehrlichen Geschenke – eine Nachtigall und eine Rose – nicht nur verschmäht, sondern ihn nicht einmal empfangen will. Diese Zurückweisung markiert den emotionalen Kern des Films, denn sie zwingt den Prinzen, seine Rolle, seine Erwartungen und sein Selbstverständnis zu hinterfragen. Erst als er sich als Schweinehirt verkleidet und der Prinzessin auf Augenhöhe begegnet, entsteht eine neue Dynamik zwischen den beiden Figuren – eine Begegnung, die weniger von Standesunterschieden als von Persönlichkeit, Neugier und gegenseitiger Provokation geprägt ist.
Die Inszenierung überzeugt durch eine klare visuelle Handschrift, die Märchenhaftigkeit mit realistischen Emotionen verbindet. Fiebeler gelingt es, die Geschichte nicht als bloßes moralisches Lehrstück zu erzählen, sondern als lebendige Entwicklung zweier junger Menschen, die lernen müssen, hinter Fassaden zu blicken. Gerade die Transformation der Prinzessin wirkt glaubwürdig, weil sie nicht abrupt erfolgt, sondern Schritt für Schritt. Humorvolle Dialoge, liebevolle Details in Kostüm und Ausstattung sowie ein feines Gespür für Timing verleihen dem Film eine Leichtigkeit, die nie ins Beliebige abrutscht.
Besonders hervorzuheben ist die Besetzung. Emilio Sakraya verleiht dem Prinzen eine Mischung aus Charme, Verletzlichkeit und Ironie, die ihn zu einer modernen Märchenfigur macht. Er spielt nicht den makellosen Helden, sondern einen jungen Mann, der zwischen Pflichtgefühl und persönlichem Wunsch hin- und hergerissen ist. Jeanne Goursaud gestaltet die Prinzessin vielschichtig: Anfangs kühl und überheblich, zeigt sie im Verlauf der Handlung immer mehr Risse in ihrer perfekten Fassade. Gerade in den gemeinsamen Szenen mit Sakraya entsteht eine spürbare Chemie, die den Film emotional trägt und über die reine Märchenhandlung hinaushebt.
Thematisch erzählt „Der Schweinehirt“ von Schein und Sein, von sozialer Rolle und persönlicher Wahrheit. Das Märchenmotiv wird genutzt, um Fragen nach Wert, Anerkennung und echter Nähe zu stellen. Dabei bleibt der Film stets zugänglich und familienfreundlich, ohne seine Figuren zu vereinfachen. Die Tricks und kleinen Intrigen des Prinzen wirken weniger manipulativ als spielerisch und eröffnen einen Raum, in dem beide Figuren sich neu entdecken können.
Die neue DVD-Veröffentlichung von One Gate Media präsentiert den Film in sauberer Bild- und Tonqualität und richtet sich sowohl an Märchenliebhaber als auch an Sammler der „6 auf einen Streich“-Reihe. Besonders erfreulich ist das enthaltene Bonusmaterial: Das rund 24-minütige Making-of bietet einen informativen Blick hinter die Kulissen und zeigt, mit welcher Sorgfalt und Kreativität die Märchenwelt erschaffen wurde. Interviews, Set-Eindrücke und Produktionsdetails vertiefen das Verständnis für die filmische Umsetzung und machen die DVD zu mehr als nur einer reinen Archivveröffentlichung.
Insgesamt ist „Der Schweinehirt“ ein liebevoll inszeniertes Märchen, das klassische Stoffe mit moderner Sensibilität verbindet. Der Film überzeugt durch starke Hauptdarsteller, eine stimmige Atmosphäre und eine Erzählweise, die Humor, Romantik und leise Gesellschaftskritik miteinander verknüpft. Die DVD von One Gate Media rundet das Erlebnis mit solidem Bonusmaterial ab und macht diesen Beitrag der Märchenreihe zu einem besonders empfehlenswerten Titel – nicht nur für Kinder, sondern für alle, die Märchen als Spiegel menschlicher Gefühle und Entwicklungen schätzen.