Manchmal ist Nostalgie das stärkste Argument, das ein Spiel ins Feld führen kann. Bei City Hunter für die PS5 ist es das einzige. Und je nach Perspektive reicht das – oder eben nicht ganz.
Ryo Saeba, Tokios berühmtester „Sweeper", räumt seit 1985 in Manga und Anime das Stadtgesindel auf, flirtet unermüdlich mit jeder Frau, die ihm begegnet, und rettet dabei trotzdem die Welt. 1990 bekam er auf dem japanischen PC Engine-System sein bislang einziges offizielles Videospiel – und das schlummerte anschließend über 35 Jahre lang im Tiefschlaf des asiatischen Importmarkts. Nun, im Rahmen des 40. Jubiläums des Franchise, erweckt Red Art Games dieses seltene Stück Spielgeschichte zu neuem Leben und bringt es erstmals offiziell in den Westen.
Das ist kulturhistorisch zweifellos ein besonderer Moment. Für Fans von Ryo Saeba, Kaori und dem ikonischen Soundtrack von TM Network bedeutet dieser Release eine längst überfällige Anerkennung. Doch was bekommt man konkret in die Hand?
Das Spiel selbst ist ein Action-Plattformer im klassischen Sinne der frühen Neunziger. Man kämpft sich durch Stages, weicht Gegnern aus, sammelt Items und bestreitet Bosskämpfe – alles mit dem typischen Look und Feel einer Ära, in der Pixel noch echte Arbeit bedeuteten. Der ursprüngliche Charme der PC-Engine-Fassung ist erhalten geblieben, mit all seinen Ecken, Kanten und der eingentümlichen Steifheit jener Zeit. Wer mit dieser Epoche aufgewachsen ist, wird ein vertrautes Gefühl spüren. Wer nicht, wird sich anfangs fremd fühlen.
Red Art Games hat jedoch sorgfältig daran gearbeitet, das Erlebnis zugänglicher zu gestalten, ohne den historischen Kern anzutasten. Der sogenannte Enhanced Mode ist dabei die klügste Entscheidung des gesamten Projekts. Er behebt echte Schwachstellen des Originals – träge Steuerung, wirkungslose Projektile, nervige Bugs – und macht daraus ein Spiel, das sich heute noch angenehm spielen lässt. Die Verbesserungen sind spürbar und ehrlich, ohne den Charakter des Originals zu verfälschen.
Noch ambitionierter ist der Hard Mode, der über bloße Korrekturen hinausgeht und das Spiel tatsächlich neu denkt. Verändertes Item-Placement, angepasste Schadensbalance, schnellere und aggressivere Gegner, überarbeitete Hitboxen und sogar eine komplett neue Gameplay-Sequenz machen diesen Modus zur eigentlichen Hauptattraktion für erfahrene Retro-Spieler. Hier steckt echte Liebe zum Handwerk, und das merkt man.
Die Lebensqualitäts-Features wie Save States, Rewind-Funktion und CRT-Filter sind genau das, was man von einer soliden Retro-Veröffentlichung erwartet und verdient. Der CRT-Filter ist dabei angenehm zurückhaltend umgesetzt und versucht nicht, die Vergangenheit zu romantisieren, sondern sie respektvoll zu rekonstruieren. Die Möglichkeit, verschiedene Bildschirmverhältnisse zu wählen, ist ein kleines, aber feines Detail.
Was das Paket wirklich aufwertet, sind die Bonus-Inhalte. Die Galerie mit Anime-Stills, Schlüsselillustrationen und Original-Verpackungsgrafiken ist für Fans ein echtes Herzstück. Der Music Player, der neben dem Spielsoundtrack auch TM Networks unvergessliches „Get Wild" enthält, ist schlicht ein Geschenk. Wer die Serie kennt, wird bei diesen Klängen sofort in eine andere Zeit versetzt. Dazu kommen detaillierte 3D-Modelle der Originalverpackung, der Karte und des Handbuchs – eine liebevolle Reverenz an Sammler und Geschichtsinteressierte.
Die Lokalisierung in fünf Sprachen, darunter Deutsch, ist ebenfalls mehr als eine Pflichtübung. Es ist das erste Mal, dass dieses Spiel offiziell für ein westliches Publikum zugänglich gemacht wird, und das verdient Anerkennung.
Dennoch muss man ehrlich sein: Als reines Spiel ist City Hunter 2026 ein Produkt seiner Zeit. Die Spielzeit ist überschaubar, die Mechaniken sind simpel, und moderne Maßstäbe legt man besser beiseite. Das ist kein Versagen des Ports, sondern eine schlichte historische Tatsache.
Wer City Hunter liebt, bekommt mit dieser PS5-Version die definitive Ausgabe eines lang vermissten Stücks Anime-Geschichte. Wer neugierig auf Retro-Plattformer ist und sich auf die Eigentümlichkeiten der frühen Neunziger einlassen kann, wird hier ein aufgeräumtes, respektvoll aufbereitetes Erlebnis finden. Und wer einfach nur „Get Wild" auf seiner Konsole abspielen möchte, während er 3D-Modelle alter Spielverpackungen betrachtet – auch der ist hier goldrichtig.
Wertung: 7 von 10 – Ein liebevoll konservierter Zeitkapsel-Port mit echtem Mehrwert für Fans, der als Spiel die Grenzen seiner Entstehungszeit nicht überwinden kann, aber auch gar nicht vorgibt, es zu wollen.