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Rezension: Wundervoll anders von Louise Gooding & Ruth Burrows (DK Verlag)


Ein Buch, das Kinder mit sich selbst versöhnt


In einer Zeit, in der das Bewusstsein für Neurodiversität langsam aber stetig wächst, fehlt es im Kindersachbuchbereich noch immer an Werken, die das Thema weder verniedlichen noch überfrachten. Wundervoll anders, erschienen im DK Verlag, schließt diese Lücke mit bemerkenswerter Leichtigkeit – und mit echter Wärme.


Inhalt und Aufbau


Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die aufeinander aufbauen und gemeinsam ein stimmiges Gesamtbild ergeben:


Zunächst wird erklärt, wie das Gehirn grundsätzlich funktioniert – verständlich, ohne vereinfachend zu sein. Kinder ab sieben Jahren werden hier abgeholt, ohne dass sie das Gefühl bekommen, belehrt zu werden. Anschließend widmen sich die Autorinnen den verschiedenen Formen der Neurodiversität: ADHS und ADS werden sorgfältig voneinander unterschieden – ein Detail, das viele Bücher dieser Art vernachlässigen. Auch Autismus-Spektrum-Störungen, Legasthenie (LRS), Rechenschwäche (Dyskalkulie), Epilepsie und Tourette-Syndrom erhalten jeweils eigene, differenzierte Abschnitte.


Ein besonderes Highlight sind die Porträts bekannter neurodivergenter Persönlichkeiten: von Wolfgang Amadeus Mozart bis zum Rekordschwimmer Michael Phelps. Diese Beispiele sind mehr als nur nette Randnotizen – sie vermitteln Kindern das Gefühl, dass ihr anders arbeitendes Gehirn sie nicht einschränkt, sondern möglicherweise sogar beflügelt.


Sprache und Gestaltung


Louise Gooding und Ruth Burrows gelingt es, eine Sprache zu finden, die respektvoll, präzise und zugleich zugänglich ist. Fachbegriffe werden eingeführt und sofort erklärt, ohne dass der Lesefluss stockt. Es wird weder dramatisiert noch bagatellisiert – eine Balance, die gerade bei diesem sensiblen Thema schwer zu halten ist.


Die Gestaltung durch den DK Verlag ist gewohnt hochwertig: bunte, abwechslungsreich strukturierte Seiten, klare Infografiken und ansprechende Illustrationen, die das Lesen in kurzen Einheiten ermöglichen. Das ist wichtig – denn gerade Kinder mit ADHS oder Legasthenie, die das Buch vielleicht am meisten brauchen, profitieren von einem Layout, das nicht als Textwand erscheint, sondern zum Blättern und Entdecken einlädt.


Haltung und Botschaft


Was dieses Buch von vielen vergleichbaren Titeln unterscheidet, ist seine grundlegende Haltung: Neurodiversität wird nicht als Problem dargestellt, das gelöst werden muss, sondern als natürliche Variante menschlicher Vielfalt. Der Ton ist durchgehend positiv und inklusiv, ohne dabei naiv zu sein. Die Autorinnen verschweigen nicht, dass ein neurodivergentes Gehirn im Schulalltag Herausforderungen mit sich bringt – aber sie rahmen diese Herausforderungen stets in einen größeren Kontext ein, der Stärken sichtbar macht.


Dieser Ansatz ist pädagogisch wertvoll: Kinder, die sich selbst in den beschriebenen Mustern wiedererkennen, erhalten keine Diagnose-Checkliste, sondern eine Einladung zur Selbstakzeptanz. Und Kinder, die neurotypisch sind, lernen Empathie und Verständnis – ohne Mitleid, sondern mit echtem Respekt.


Für wen ist das Buch geeignet?


Das Buch richtet sich primär an Kinder ab 7 Jahren, funktioniert aber auch sehr gut als gemeinsames Lese- und Gesprächsbuch für Eltern und Kind. Besonders empfehlenswert ist es:


  • für Familien, in denen eine Diagnose wie ADHS oder Autismus kürzlich gestellt wurde
  • für Geschwister neurodivergenter Kinder, die Zusammenhänge besser verstehen möchten
  • für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, die Inklusion im Unterricht greifbar machen wollen
  • für alle Kinder, die das Gefühl kennen, „irgendwie anders" zu sein

Kritische Anmerkungen


Wer eine tiefergehende, klinische Auseinandersetzung mit den einzelnen Störungsbildern sucht, wird hier nicht fündig – das ist jedoch ausdrücklich nicht der Anspruch des Buches. Für Eltern, die nach einer Diagnose ihres Kindes weiterführende Informationen benötigen, empfiehlt sich ergänzende Fachliteratur. Zudem sei angemerkt, dass einige der genannten historischen Persönlichkeiten – etwa Mozart – zwar häufig im Kontext von Neurodiversität erwähnt werden, eine gesicherte Diagnose jedoch naturgemäß nicht vorliegt. Hier wäre ein kurzer Hinweis auf die spekulative Natur solcher Zuschreibungen wünschenswert gewesen.


Fazit


Wundervoll anders ist ein rundum gelungenes, einfühlsames Sachbuch, das eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe übernimmt: Es erklärt Kindern in einer zugänglichen, bunten und empathischen Sprache, warum unterschiedliche Gehirne nicht weniger, sondern manchmal sogar mehr können. Es räumt mit Vorurteilen auf, stärkt das Selbstbewusstsein neurodivergenter Kinder und fördert bei allen anderen Verständnis und Toleranz.


Ein Buch, das in keine Kinderzimmer-Bibliothek fehlen sollte – und das weit über die direkt betroffenen Familien hinaus wirken kann.


Bewertung: ★★★★½ (4,5 von 5 Sternen)
„Jedes Gehirn ist anders – und das ist gut so." Diese einfache Botschaft, konsequent und liebevoll umgesetzt, macht Wundervoll anders zu einem der wichtigsten Kindersachbücher zum Thema Neurodiversität im deutschsprachigen Raum.