Lucky Luke: Dakota 1880
Eine Hommage zum 80. Jubiläum
Appollo (Autor) & Brüno (Zeichner) | Egmont Ehapa
Acht Jahrzehnte im Sattel
Seit 1946 reitet er durch den Wilden Westen, schneller als sein eigener Schatten: Lucky Luke, der sympathische Cowboy mit dem roten Halstuch, feiert 2026 sein 80-jähriges Jubiläum. Egmont Ehapa nutzt diesen runden Geburtstag für ein ambitioniertes Programm, das weit über ein einzelnes Album hinausgeht. Den Auftakt macht am 10. März „Dakota 1880" — eine Hommage, die das Jubiläumsjahr würdig einläutet.
Eine Postkutsche, sieben Begegnungen, ein Cowboy
„Dakota 1880" ist kein klassisches Lucky-Luke-Album im Sinne eines durchgehenden Abenteuers. Autor Appollo und Zeichner Brüno haben sich für eine Episodenstruktur entschieden: Lucky Luke begleitet eine Postkutsche vom Norden in den Westen der Vereinigten Staaten — und auf dieser Reise begegnet er sieben sehr unterschiedlichen Menschen aus sieben sehr unterschiedlichen Welten. Aufrührerische Frauen, ehemalige Sklaven, gescheiterte Poeten, Pioniere auf der Suche nach einem neuen Leben und widerständige Ureinwohner kreuzen seinen Weg.
Diese Struktur ist mutig, denn sie verlangt dem Leser etwas ab: Keine der Figuren bleibt lang genug, um wirklich vertraut zu werden. Doch genau darin liegt auch die Stärke des Bandes. Jede Episode ist ein Miniaturbild des Wilden Westens — rau, vielstimmig, manchmal komisch, manchmal erschütternd. Appollo gelingt es, in wenigen Seiten Figuren zu entwerfen, die trotzdem Tiefe besitzen. Der Band stellt damit eine ungewöhnlich ernsthafte Frage: Wessen Geschichte ist der Wilde Westen eigentlich?
Brünos Zeichenstil ist dabei eine Entdeckung. Er bewegt sich zwischen dem klassischen Lucky-Luke-Erbe und einem eigenwilligen, expressiveren Strich, der den Episoden ihre je eigene Atmosphäre verleiht. Die Farbgebung ist warm und staubig, die Panels atmen Weite. Fans, die den klassischen Morris-Stil erwarten, mögen kurz stutzen — doch wer sich darauf einlässt, erlebt eine frische Interpretation des Universums, die Respekt vor dem Original und eigene künstlerische Handschrift vereint.
Lucky Luke selbst bleibt, was er immer war: ruhig, treffsicher, lakonisch. Er schießt wild um sich, löst Probleme mit dem Revolver und dem trockenen Witz, der ihn seit acht Jahrzehnten unverwechselbar macht. Doch in „Dakota 1880" ist er mehr Zeuge als Held — ein stiller Beobachter, der durch die Begegnungen hindurchreitet und dem Leser dabei erlaubt, das Amerika des Jahres 1880 mit anderen Augen zu sehen.
Das Jubiläumsjahr: Was noch kommt
„Dakota 1880" ist der Startschuss für ein reiches Jahr. Im Juni folgt mit „Die Grimm Brothers" ein besonderes Highlight: Die deutschen Künstler Reinhard Kleist (Zeichner) und Flix (Autor) bringen Lucky Luke mit Jacob und Wilhelm Grimm zusammen. Die Märchensammler aus Kassel sind auf Lesereise in Amerika — und müssen feststellen, dass Schneewittchen und der Froschkönig in den Saloons des Wilden Westens herzlich wenig Anklang finden. Was klingt wie eine skurrile Pointe, verspricht tiefere Töne: Kleist ist einer der bedeutendsten deutschen Comiczeichner der Gegenwart, Flix ein brillanter Erzähler mit Sinn für das Absurde. Diese Kombination dürfte für den originellsten Lucky-Luke-Band seit Jahren sorgen.
Den Abschluss des Jubiläumsjahres macht am 3. November Band 103, verfasst von Jul und gezeichnet von Achdé — dem aktuellen Hauptzeichner der regulären Reihe. Titel und Inhalt bleiben vorerst geheim, was den Band umso erwartungsvoller macht. Jul und Achdé haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie das klassische Lucky-Luke-Temperament beherrschen: scharfer Humor, pointierte Gesellschaftskritik, tempo-reiche Abenteuer.
Auf Leinwand und in Museen
Das Jubiläum beschränkt sich nicht auf Papier. Auf Disney+ läuft eine neue Lucky-Luke-TV-Serie, die frischen Westernwind ins Wohnzimmer bringt und eine neue Generation an den Cowboy heranführt — eine Entwicklung, die Stammleser neugierig und vielleicht auch ein wenig nervös beobachten dürfen.
Besonders lohnenswert: Am 2. Oktober 2026 eröffnet im Museum für Kommunikation Berlin die Ausstellung „Lucky Luke — Morris' einsamer Westernheld". Sie widmet sich dem Schöpfer der Figur, dem belgischen Comiczeichner Maurice De Bevere alias Morris, mit Originalzeichnungen und umfangreichem Hintergrundmaterial. Wer Lucky Luke wirklich verstehen will — seine Ursprünge, seine Entwicklung, seine kulturelle Bedeutung — sollte sich diesen Termin im Kalender markieren. Originalzeichnungen von Morris zu sehen ist ein Privileg; die klare Linie, das Timing, der Humor, der bereits im einzelnen Strich steckt, wird im Druck nie ganz eingefangen.
Fazit
„Dakota 1880" ist ein gelungener Auftakt für ein außergewöhnliches Jubiläumsjahr. Appollo und Brüno nehmen Lucky Luke ernst — als Figur, als kulturelles Erbe und als Medium, um über Geschichte zu erzählen. Das Album ist kein nostalgisches Selbstfeiern, sondern ein echter künstlerischer Beitrag zum Universum des einsamen Cowboys. Wer offen ist für eine Lucky Luke, die über sich selbst hinausblickt, wird gut unterhalten und manchmal überraschend berührt.
Mit den Grimm Brothers im Sommer, Band 103 im Herbst, der Berliner Ausstellung und der neuen TV-Serie ist 2026 das bisher reichste Jahr für Fans des schnellsten Revolvers im Wilden Westen. Glückwunsch zum 80., Lucky Luke — und bitte noch viele weitere Runden.