THE BUS – BERLIN
Spieletest | PS5-Version | Aerosoft
EINLEITUNG – DER LANGE WEG ZUR HALTESTELLE
Simulationsspiele haben auf Konsolen traditionell einen schweren Stand. Was am PC mit Maus, Tastatur und einem Dutzend programmierbarer Zusatztasten intuitiv funktioniert, wirkt auf einem Controller oft wie ein Kompromiss, den niemand wirklich wollte. Aerosoft weiß das – und hat sich trotzdem getraut. Nach mehreren Jahren Entwicklungszeit, einer ausgedehnten Early-Access-Phase auf Steam und einem kontinuierlichen Ausbau auf Basis von Spielerfeedback ist The Bus nun auch auf der PS5 angekommen. Das Versprechen: das komplette Berliner Nahverkehrserlebnis, authentisch, detailliert und offiziell lizenziert. Ob dieses Versprechen eingelöst wird, ist keine einfache Frage – denn The Bus ist kein Spiel, das man in einer Stunde durchschaut.
BERLIN ALS SPIELWELT – WENN DIE HAUPTSTADT ZUR STRECKE WIRD
Das Herzstück von The Bus ist sein Setting, und hier lässt Aerosoft keine Zweifel an den eigenen Ambitionen. Berlin wird nicht als abstrahiertes Stadtmodell präsentiert, sondern als 1:1-Nachbildung realer Strecken. Wer die Linie 100 kennt – jene legendäre Route, die vom Bahnhof Zoo über den Alexanderplatz bis zum Lustgarten führt und nebenbei an mehr Sehenswürdigkeiten vorbeischrammt als so mancher Stadtrundgang –, der erkennt sie hier wieder. Straßenzüge stimmen, Haltestellen sitzen an der richtigen Ecke, und Landmarks wie das Brandenburger Tor oder der Fernsehturm ragen exakt dort auf, wo sie hingehören.
Diese geografische Treue ist keine Kleinigkeit. Sie verändert die Art, wie man das Spiel erlebt. Man fährt nicht durch eine generische Großstadt, man fährt durch Berlin. Das schafft eine Vertrautheit, die bei Berliner Spielerinnen und Spielern geradezu nostalgische Züge annimmt, und gleichzeitig eine Neugier bei allen anderen, die die Stadt aus Touristenperspektive kennen oder gar noch nie besucht haben. Die Welt lebt: KI-Verkehr füllt die Straßen mit realistischer Dichte, Fußgänger bewegen sich auf Bürgersteigen und überqueren Ampeln, und das dynamische Wetter- sowie Tageszeitensystem sorgt dafür, dass dieselbe Strecke um 7 Uhr morgens im Herbstregen völlig anders wirkt als an einem sonnigen Sommernachmittag.
Gleichwohl muss man ehrlich sein: So beeindruckend das Stadtmodell in seiner Gesamtheit ist, so spürbar sind die Grenzen. Nicht jede Fassade ist gleich detailliert, nicht jede Nebenstraße mit der gleichen Sorgfalt ausgearbeitet wie die Tourismusrouten. Wer die Kamera aus dem Busfenster streckt und gezielt nach Schwachstellen sucht, wird sie finden. Wer aber – und das ist die gedachte Spielhaltung – hinter dem Steuer sitzt, sich auf Fahrplan und Verkehr konzentriert und gelegentlich den Blick durch die Frontscheibe schweift, der erlebt eine Kulisse, die ihresgleichen im Konsolenbereich sucht.
DIE BUSSE – LIZENZ, LIEBE UND LENKRAD
Die Zusammenarbeit mit der BVG ist kein Marketing-Gimmick, sondern spürbares Qualitätsmerkmal. Die Fahrzeuge – moderne Niederflurbusse, wie sie täglich durch Berlin rollen – sind mit einer Detailverliebtheit modelliert, die man sonst aus aufwendigen PC-Simulatoren kennt. Innenräume sind vollständig ausgebaut, Armaturenbretter funktionsfähig, Fahrgeräusche authentisch aufgezeichnet. Das Türöffnen, das Ansagen der Haltestellen, das charakteristische Zischen der Druckluft beim Halt – all das ist vorhanden und trägt erheblich zur Immersion bei.
Auf der PS5 wird das Fahrgefühl durch den DualSense-Controller um eine Dimension ergänzt, die auf dem PC schlicht nicht existiert. Der haptische Feedback-Motor überträgt Straßenunebenheiten, Bordsteinkanten und das leichte Ruckeln beim Anfahren direkt in die Hände. Die adaptiven Trigger simulieren den Widerstand von Bremspedal und Gaspedal mit überraschender Präzision. Das ist keine Spielerei – es ist funktionale Immersion, die tatsächlich dabei hilft, das Fahrzeug zu spüren und feiner zu dosieren. Wer gut bremst, spürt den Unterschied. Wer zu hart ins Pedal tritt, spürt auch das.
Die Steuerung selbst ist auf dem Controller ordentlich gelöst, aber nicht ohne Abstriche. Manche Funktionen, die am PC intuitiv auf einer dedizierten Taste liegen, sind auf dem Gamepad in Menüs oder Button-Kombinationen vergraben. Gerade in stressigen Situationen – dichter Stadtverkehr, ein Fahrgast klingelt, gleichzeitig nähert sich eine Ampel – kann das zur Geduldsprobe werden. Wer sich die Belegung nicht erarbeitet, wird stellenweise suchen statt fahren.
GAMEPLAY – FAHRPLAN, FAHRGÄSTE UND FEINGEFÜHL
The Bus ist keine Rennaction und kein Arcade-Erlebnis. Es ist eine Simulation, und das im ernsten Sinne des Wortes. Man übernimmt Schichten, fährt Linien nach Fahrplan, hält pünktlich an Haltestellen, lässt Fahrgäste einsteigen und aussteigen, achtet auf Ampeln, Vorfahrtsregeln und das Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer. Verspätungen schlagen sich in Bewertungen nieder. Zu hartes Bremsen verärgert die Passagiere. Ein übersehenes Rotlicht ist nicht nur moralisch, sondern auch spielmechanisch ein Problem.
Das Fahrgastverhalten ist dabei erstaunlich lebendig. Menschen warten an Haltestellen, reagieren auf den heranfahrenden Bus, drängen sich bei voller Besetzung, und manche Linien sind zu Stoßzeiten schlicht überfüllt. Das Streckenmanagement erfordert ein Gefühl für Rhythmus: Zu langes Warten an einer Haltestelle bringt den Fahrplan ins Wanken, zu schnelles Losfahren schließt Fahrgäste aus. Dieses Gleichgewicht zu finden und zu halten, ist der eigentliche spielerische Kern – und er ist erstaunlich befriedigend, wenn er gelingt.
Die Vollversion bringt gegenüber der Early-Access-Fassung spürbare Verbesserungen in der Fahrzeugsteuerung. Das Lenkverhalten ist feiner justiert, die Physik reagiert authentischer auf Beladung und Geschwindigkeit. Neue Gameplay-Systeme wie erweiterte Karrieremodi und Tagesplanung geben dem Spielfortschritt mehr Struktur. Man ist nicht länger nur Fahrer, sondern in gewissem Sinne auch Betriebsplaner – was dem Spiel eine Tiefe verleiht, die über das reine Streckenabfahren hinausgeht.
TECHNIK & PERFORMANCE AUF DER PS5
Hier wird es differenziert. Die PS5 hat mit The Bus keine leichte Aufgabe: Eine offene Großstadt mit KI-Verkehr, dynamischem Wetter und hohem Detailgrad ist technisch anspruchsvoll, und die Konsole ist in Sachen Speicherkapazität und GPU-Leistung schlicht nicht der PC-Highend-Bereich, den die Entwicklung ursprünglich anvisiert hat.
Das Ergebnis ist eine Konsolenversion, die überwiegend stabil läuft, gelegentlich aber mit Framerate-Schwankungen kämpft – besonders in dicht bebauten Bereichen mit viel Querverkehr. Diese Einbrüche sind selten spielunterbrechend, fallen aber auf. Ladezeiten nutzen die SSD der PS5 gut, der Einstieg in eine Schicht geht zügig vonstatten. Die Bildqualität ist ordentlich, bei näherer Betrachtung aber erkennbar unterhalb dessen, was eine gut bestückte Gaming-PC-Version leistet – was angesichts der Ausgangsbedingungen keine Überraschung, aber der Vollständigkeit halber erwähnenswert ist.
Positiv fällt die technische Stabilität im laufenden Betrieb auf. Abstürze oder gravierende Bugs, wie sie Early-Access-Phasen bisweilen prägen, sind in der Vollversion der Vergangenheit angehört. Aerosoft hat die Konsolen-Portierung erkennbar ernst genommen und keine hastige Umsetzung abgeliefert.
FAZIT – AM STEUER DER GEDULD
The Bus ist kein Spiel für jeden. Wer Explosionen, Highscores oder schnelle Erfolgserlebnisse sucht, wird hier nicht fündig. Wer aber bereit ist, sich auf das ruhige, fokussierte Handwerk des Stadtbusfahrens einzulassen, findet auf der PS5 ein außergewöhnliches Simulationserlebnis, das in dieser Form auf Konsolen bislang nicht existiert hat. Berlin ist überzeugend nachgebaut, die BVG-Lizenz macht sich in jedem Detail der Fahrzeuge bemerkbar, und der DualSense verleiht dem Fahrgefühl eine haptische Qualität, die echten Mehrwert gegenüber der PC-Version darstellt.
Die Schwächen – gelegentliche Performance-Einbrüche, eine Steuerung, die Einarbeitung verlangt, und ein Stadtmodell mit ungleichmäßiger Detaildichte abseits der Hauptrouten – trüben das Bild, zerstören es aber nicht. The Bus ist ein Spiel, das wächst, je mehr man ihm gibt. Wer die erste Schicht hinter sich hat, die Strecke auswendig kennt und die erste pünktliche Linie ohne Zwischenfälle abschließt, versteht, warum diese Art von Simulation eine treue Fangemeinde hat. Der Weg von Haltestelle zu Haltestelle ist das Ziel.