Wenn der Stählerne die Kontrolle verliert – Rezension: Superman – Der große Verrat (Panini Comics)
Es gibt eine Frage, die jeden Superman-Autor früher oder später einholt: Was macht diesen Helden eigentlich verwundbar? Nicht körperlich – das hat die grüne Variante des Kryptonits längst beantwortet. Die wirklich interessante Frage ist: Was passiert, wenn Superman sich selbst zur Bedrohung wird? Joshua Williamson, der seit 2023 die Hauptserie des Mannes aus Stahl verantwortet, liefert mit dem Sammelband „Der große Verrat" seine bislang ambitionierteste Antwort darauf – und zwar in Form eines roten Kryptonits, das Clark Kent in eine tickende Bombe verwandelt.
„Superman – Der große Verrat" versammelt die Hefte Superman (2023) #24–27, das Superman: Lex Luthor Special #1 sowie das Summer of Superman Special #1 und bildet damit einen der narrativ gewichtigsten Abschnitte von Williamsons Run, der den Status quo der Serie erheblich verändert. Wer die vorangegangenen Bände kennt, weiß: Williamson hat sich von Beginn an darum bemüht, Superman in ein dichtes Netz aus Verantwortung, Vertrauen und ideologischen Konflikten einzuweben. Supercorp – das einstige Lexcorp, das Clark unter widerstrebender Zusammenarbeit mit Lex Luthor übernahm – war dabei immer ein zweischneidiges Schwert. Nun enthüllt sich das volle Ausmaß der Doppelspiele: Mercy Graves, bis dahin als loyale Vollstreckerin bekannt, entpuppt sich als ihre eigene Machtfigur, die im Verborgenen ein Arsenal mit dem Superman-Logo bestückt hat. Die Firma, die das Gute verkörpern sollte, ist zum Werkzeug des Verrats geworden.
In dieses brenzlige Szenario platzt das rote Kryptonit wie eine psychische Brandbombe. Anders als sein grünes Pendant tötet es den Kryptonianer nicht – es destabilisiert ihn. Wird Clark wütend, verliert er die Kontrolle über seine schier grenzenlose Kraft. Jede Emotion kann zum Auslöser werden, jede Ungerechtigkeit, jede Niederlage. Das ist ein kluger, weil konsequent charakterbasierter Ansatz: Williamson macht Supermans psychologische Verletzbarkeit zum Drehbuch. Nicht ein Schurke schlägt ihn nieder, sondern das, was ihn zutiefst menschlich macht – die Fähigkeit, Wut zu empfinden.
Besonders stark gelingt dem Autor die daraus resultierende Dynamik zwischen Clark und Lex Luthor. Es wäre zu simpel zu sagen, dass Luthor hier der Held ist – aber er ist derjenige, der die Hand ausstreckt, während alle anderen zurückweichen. Das ist Williamsons ureigenes Terrain: moralische Graubereiche, in denen die Frage, wer das Richtige tut, keine saubere Antwort kennt. Lex tritt zwischen ein rasend gewordenes Monster und eine hilflose Metropolis – und tut es aus Gründen, die edel wirken, aber nie frei von Eigeninteresse sind. Die Spannung zwischen diesen beiden Männern, die sich hassen, bewundern und brauchen, ist das Herzstück des Bandes. Dazu gesellen sich das Lex Luthor Special, das einen tiefen Einblick in die Psyche des Erzschurken bietet, und das Summer of Superman Special, das die laufenden Handlungsfäden mit leichterem Erzählton begleitet und dem Band etwas Atemraum gibt.
In Sachen Zeichenkunst beweist Panini abermals ein glückliches Händchen bei der Versammlung starker Talente. Eddy Barrows, der durch seine Arbeit an Batman – Detective Comics bekannt ist, überzeugt mit einem Stil, der Realismus und dynamische Comicästhetik miteinander verbindet. Seine Figurensprache ist ausdrucksstark, seine Action-Sequenzen besitzen kinetische Energie, ohne ins Chaotische abzugleiten. Dan Mora – der zuletzt mit „Absolute Power" Furore machte – bringt seine charakteristische Präzision und visuelle Eleganz ein, die gerade bei den stillen Momenten funktioniert, in denen Blicke mehr erzählen als Dialoge. Alejandro Sánchez' Kolorit trägt wesentlich zur Atmosphäre bei: Die Farbpalette wechselt spürbar, sobald Supermans Kontrollverlust einsetzt – das Rot kriecht ins Bild, als würde die Seite selbst die Infektion spüren.
Ein besonderes Lob verdient die Superwoman-Storyline. Lois Lane hat in diesem Run eine eigene Heldinnen-Identität entwickelt, und Williamson nutzt sie klug: Nicht als Anhängsel Clarks, sondern als eigenständige Kraft, die in diesem Band ein substanzielles Opfer bringen muss. Dass Marilyn Moonlight – eine der originellsten Neuentwicklungen des gesamten Runs – dabei als Gegenspielerin auftritt, zeigt einmal mehr, wie sehr Williamson daran arbeitet, das Superman-Rogues'-Gallery mit echtem Charakter zu füllen, statt nur auf Klassiker zurückzugreifen.
Wo liegt also die Kritik? Wer den gesamten Williamson-Run nicht lückenlos mitverfolgt hat, wird an einigen Stellen ins Stolpern geraten. Die Supercorp-Handlungsfäden, die Entwicklung von Mercy Graves, Lex' langsam brodelnde Rückkehr zu alten Instinkten – all das setzt Vorwissen voraus, das dieser Band nicht vollständig nachliefert. Für Einsteiger ist „Der große Verrat" kein idealer Einstiegspunkt; für Langzeitbegleiter hingegen ist es ein fulminantes Kapitel. Auch das Summer of Superman Special fühlt sich im Kontext des Bandes etwas deplatziert an – es ist eine willkommene Erweiterung, aber narrativ eher ein Bonustrack denn ein integraler Bestandteil der Hauptgeschichte.
Unterm Strich aber: Dieser Band liefert genau das, was man von einem ambitionierten Superhelden-Comic erwarten darf. Er nimmt seinen Protagonisten ernst, stellt unangenehme Fragen, bietet erstklassige Zeichenkunst und traut sich, Verhältnisse zu verändern, statt nach jedem Abenteuer wieder auf Null zu setzen. Der Titel ist Programm: Der große Verrat passiert auf mehreren Ebenen gleichzeitig – eine Firma, ein Feind, ein Freund, und am Ende vielleicht Superman selbst, der sich selbst verrät.
Fazit: Williamsons laufende Superman-Serie hat sich als eine der besten und konsequentesten Superhelden-Comicserien der letzten Jahre etabliert. „Der große Verrat" ist ihr bislang dunkelster und charakterlich reichster Abschnitt – Pflichtlektüre für alle, die dem Stählernen schon länger folgen, und ein starkes Argument, sich den gesamten Run von Beginn an zu Gemüte zu führen.
Superman – Der große Verrat | Autor: Joshua Williamson | Zeichner: Eddy Barrows, Dan Mora | Verlag: Panini Comics | Enthält: Superman (2023) #24–27, Superman: Lex Luthor Special #1, Summer of Superman Special #1 | Format: Softcover, Farbe