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Das Böse bekommt seine Bühne – Rezension: Marvels Schurken: Aufmarsch der Erzfeinde (Panini Comics)


Helden kämpfen für etwas. Schurken kämpfen gegen alles. Und genau darin liegt eine Faszination, die das Medium Comic seit jeher effizienter bedient als die meisten anderen Erzählformen: Ein wirklich guter Bösewicht braucht keine Rechtfertigung, keinen moralischen Kompass, keine innere Reise – er braucht nur die Seite für sich allein. Mit „Marvels Schurken: Aufmarsch der Erzfeinde" tut Panini genau das: Es gibt sieben der ikonischsten Schurken des Marvel-Universums jeweils einen eigenen Auftritt, verklammert durch ein übergeordnetes kosmisches Spiel um Leben, Tod und Seelen. Das klingt nach Eventpflichtprogramm – und ist es auch. Aber es ist vor allem eines: ein Vergnügen der besonderen Art.


Das Konzept des Bandes ist so schlicht wie verlockend: Eine siebenteilige One-Shot-Serie, deren Hefte je einem der großen Erzschurken des Marvel-Universums gehören, wird durch eine gemeinsame Bedrohung zusammengehalten. Die Seelenschmiede, ein uraltes Artefakt mit der Macht über alle menschlichen Seelen, ist das begehrte Zielobjekt – und Mephisto derjenige, der die Fäden zieht. Um das Artefakt zu aktivieren, braucht der Herr der Hölle Komplizen: Doctor Doom, Green Goblin, Loki, den Red Skull, Abomination und Dormammu werden in seine Machenschaften hineingezogen, mal als bereitwillige Handlanger, mal als widerwillige Werkzeuge, mal als Figuren, die das Spiel des Teufels von Beginn an durchschauen. Verbindendes Element der Anthologie ist zudem die Einführung von Sister Sorrow, einer rätselhaften Neufigur, deren Hintergrund in den Backup-Geschichten jedes Heftes schrittweise ans Licht kommt.


Das Strukturprinzip ist eleganter als es zunächst scheint. Solche Anthologie-Events drohen regelmäßig zu bloßen Sammelsurien ohne echten narrativen Kern zu verkommen. Hier gelingt die Balance erstaunlich gut – zumindest in den stärksten Kapiteln. Doctor Doom eröffnet das Geschehen: Seine Konfrontation mit Sister Sorrow, die einen uralten Seelendolch aus seinem Besitz entwenden will, ist ein charakterstarker Auftakt, der Doom nicht als Comic-Bösewicht, sondern als eigenständige politische und intellektuelle Kraft zeigt – einen Mann, der Mephistos Spiel durchschaut, es aber dennoch nicht aufhalten kann.


Das stärkste Kapitel des Bandes ist zweifellos das Green-Goblin-Heft. Norman Osborn wird hier zur ausgewachsenen Slasher-Figur – in einer Geschichte, die so verstörend wie elektrisierend ist. Was besonders gelingt: Wir sehen den Moment, in dem Norman noch mehr Mensch als Goblin ist. Nervös, zögernd, fast unsicher angesichts seines ersten Auftrags für den Teufel. Und dann, in dem Augenblick, in dem er dem Wahnsinn nachgibt, beginnt etwas Schreckliches. Das Artwork bedient sich einer Bildsprache voller Horror-Motive, gebrochener Perspektiven und beunruhigender Körpersprache – visuelles Erzählen auf hohem Niveau.


Das Loki-Kapitel spinnt ein jahrzehntelanges Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Gott der Täuschung und dem Herrn der Lügen weiter. Loki braucht einen Gefallen von Mephisto und soll dafür eine Seele eintreiben – doch niemand befiehlt dem Trickster, was er zu tun hat. Das ist die konzeptionell witzigste Prämisse des Bandes: Wenn der Gott der Tricks für den Teufel arbeitet, eskaliert die Unzuverlässigkeit ins Kosmische. Red Skull und Dormammu liefern die dunkelsten Töne – der eine als ideologische Bedrohung mit ruhiger, eiskalt berechnender Kraft, der andere als dimensionale Entität, die wie ein Fremdkörper in die Geschichte hineinbricht und die Grenzen des gewöhnlichen Marvel-Erzählrahmens sprengt. Den Abschluss übernimmt Mephisto selbst, der den gesamten Cast noch einmal auf seiner Bühne versammelt – eine dramaturgisch sinnvolle Entscheidung, die dem Band einen echten Schlussakkord verleiht.


Die Diversität der Figuren ist dabei eine echte Stärke. Von der körperlichen Wucht eines Abomination bis zur intellektuellen Finesse eines Red Skull bringt jeder Schurke eine andere Energie, eine andere Philosophie der Macht mit. Genau das ist es, was ein Schurken-Anthology-Format leisten kann, was ein Helden-Ensemble nicht kann: keine Teamdynamik, keine Rücksicht, keine Solidarität. Nur Ego, Ehrgeiz und Methode. Das macht die Lektüre zu einem geradezu befreienden Erlebnis – man darf sich an Charakteren erfreuen, deren Agenda man im wirklichen Leben mit Schrecken ablehnen würde.


Ein paar Einschränkungen sind jedoch fair anzumerken. Nicht alle sieben Hefte halten dasselbe Niveau. Manche Kapitel wirken mehr wie solides Handwerk denn wie echte Offenbarungen. Wer tief in aktuelle Marvel-Kontinuitätslinien eingetaucht ist, wird gelegentlich merken, dass die One-Shot-Struktur keine Zeit lässt, die über Jahre gewachsene Komplexität dieser Figuren wirklich auszuspielen. Gerade beim Green Goblin spürt man den Zug zwischen Normans vielschichtiger jüngerer Charakterentwicklung und der hier gewählten klareren Böse-Zeichnung – eine Chance auf echte Ambivalenz, die die Geschichte zugunsten von Tempo und Schlagkraft letztlich liegen lässt. Das ist kein K.o.-Kriterium, aber ein spürbarer Verzicht.


Sister Sorrow ist dagegen eine der erfreulichsten Überraschungen. Für eine neu eingeführte Figur entwickelt sie überraschend schnell Kontur – eine Frau, die in einem Moment extremer Schwäche dem Teufel begegnet und deren Loyalität zu Mephisto ebenso erzwungen wie vielschichtig ist. Ob sie das Potenzial hat, eine dauerhafte Größe im Marvel-Schurken-Ensemble zu werden, bleibt abzuwarten. Hier zeigt sie jedenfalls, dass sie mehr ist als ein narratives Verbindungsstück.


Fazit: „Marvels Schurken: Aufmarsch der Erzfeinde" ist das, was ein gutes Anthologie-Event sein sollte: inhaltlich breit genug für jeden Lesertyp, künstlerisch ambitioniert genug für echte Highlights, und strukturell konsequent genug, um mehr als eine Nummernrevue zu sein. Mephisto als Mastermind, der sieben der mächtigsten Schurken des Universums als Schachfiguren benutzt – und dabei selbst nicht ganz sicher sein kann, wer hier eigentlich wen benutzt –, ist eine Prämisse mit echtem Potenzial. Der Band löst sie nicht immer vollständig ein. Aber er löst sie oft genug, dass man die Seiten mit echter Freude umschlägt.

Marvels Schurken: Aufmarsch der Erzfeinde | Hauptautor: Marc Guggenheim u. a. | Verlag: Panini Comics | Enthält: Bring on the Bad Guys: Doom #1, Green Goblin #1, Abomination #1, Loki #1, Red Skull #1, Dormammu #1, Mephisto #1 (alle 2025) | Format: Softcover, Farbe