Batman: Gotham Nocturne 3 – Rezension
„Act II" – Der Dunkle Ritter zwischen Wahnsinn und Mythologie
Die Saga und ihr dritter Akt
Mit dem dritten Sammelband setzt Panini Comics Ram Vs ambitioniertes Batman-Epos fort, das sich längst als eine der ungewöhnlichsten Bat-Geschichten der letzten Jahre erwiesen hat. Wo andere Batman-Storys auf klare Actionbögen und rasante Plotentwicklungen setzen, verfolgt Ram V – bekannt aus Justice League Dark – einen grundlegend anderen Ansatz: gothische Oper statt Comicheft, psychologische Tiefe statt glatter Oberfläche, langsames Aufbauen statt schnelles Abfackeln. Der dritte Band, der dem amerikanischen Original Detective Comics: Gotham Nocturne Act II entspricht, sammelt fünf Hefte und präsentiert Batman auf einer höllischen Reise tief in die Eingeweide seiner Heimatstadt – aus der er vielleicht nicht mehr zurückkehren wird.
Die Geschichte: Abstieg in den Wahnsinn
Batman dringt in die Ruinen des Arkham Asylum vor und stößt dabei auf ein dämonisch durchtränktes Geheimnis, das Gotham und die Familie Orgham seit Jahrhunderten miteinander verbindet. Das klingt nach viel, und es ist tatsächlich viel. Der Band nimmt sich ausgiebig Zeit, diese Verstrickungen zu entfalten – teils in ausgedehnten Rückblenden in Arzens Vergangenheit, die manchen Lesern womöglich zu üppig geraten sein dürften.
Den dramatischen Kern bildet der unvermeidliche Showdown zwischen Batman und Prinz Arzen Orgham. Ausgestattet mit einer magischen Maske, die ihm übermenschliche Kräfte verleiht, bekämpft Arzen den Dunklen Ritter nicht nur körperlich, sondern vergiftet ihn mit Wahnsinn und Dunkelheit. Genau diese Infektion des Geistes ist das eigentliche Leitmotiv des gesamten Gotham-Nocturne-Projekts: Was geschieht, wenn der Jäger der Dämonen selbst von einem Dämon erfasst wird? Hinzu kommt eine folgenreiche Enthüllung – Arzen erfährt, dass Bruce Wayne und Batman ein und dieselbe Person sind. Ein Wendepunkt, der die Machtverhältnisse in der Geschichte fundamental verschiebt.
Stärken: Atmosphäre, Mythos und ein einzigartiger Ton
Ram V beherrscht wie kaum ein anderer aktueller DC-Autor das Handwerk der stimmungsvollen Verdichtung. Rückblenden auf Bruces Kindheit entfalten eine echte emotionale Wirkung, und die Actionszenen beschwören eine packende Bildgewalt, die über das übliche Superhelden-Spektakel hinausgeht. Die Entscheidung, Gotham als eine Stadt zu zeigen, die buchstäblich einen okkulten Fluch in sich trägt und seit Generationen von den Orghams korrumpiert wird, verleiht der Geschichte eine mythologische Wucht, die im Genre ausgesprochen selten ist.
Gotham Nocturne denkt in großen Bögen: Es ist kein loser Verbund von Einzelheften, sondern ein bewusstes Spiel auf langer Distanz – ein Roman, aufgeteilt in Episoden. Wer diesen Ansatz schätzt und bereit ist, sich auf das langsame Brennen einzulassen, wird reichlich belohnt. Die thematischen Schichten sind dabei besonders stark: Der Dunkle Ritter als Symbol einer Stadt, die stets zwischen Ordnung und Chaos taumelt, wird auf seine dunkelsten Grundfragen zurückgeworfen. Hat Bruce Wayne immer schon einen Dämon in sich getragen? Ist Batman die Antwort auf seine innere Finsternis – oder ihr Katalysator?
Das Künstler-Kollektiv: Glanz und Grenzen
Gotham Nocturne ist ein Ensembleprojekt im wahrsten Sinne: Viele Hände formen das visuelle Bild. Allein für fünf Hefte plus Backup-Storys versammelt der Band eine bemerkenswert hohe Zahl an Zeichnern. Namen wie Ivan Reis, Stefano Raffaele, Francesco Francavilla und Dustin Nguyen sind dabei allesamt Hochkaräter ihres Fachs.
Das Problem liegt auf der Hand: Stilvariationen können bereichern, aber auch stören. Keines der Artworks ist schlecht – das sei ausdrücklich betont –, doch der häufige Wechsel lässt den Band uneinheitlicher wirken als nötig. Francavilla ragt dabei besonders heraus: Seine expressive, dramatische Bildsprache verleiht den Seiten, die er gestaltet, eine ganz eigene Dringlichkeit. Ivan Reis liefert verlässliche, professionelle Arbeit in den zentralen Konfrontationssequenzen, während Dustin Nguyens eigenwilliger Stil in den introspektiveren Passagen eine traumartige Qualität erzeugt, die perfekt zum Tonfall der Geschichte passt. Wer sich auf den Stilwechsel einlässt, erlebt ihn beinahe wie wechselnde Sätze in Rams gothischer Oper.
Schwächen: Tempo und Nebenstorys
Nicht alles überzeugt gleichermaßen. Die Handlung tritt stellenweise auf der Stelle, und bei einem so langandauernden Epos beginnt die Orientierung gelegentlich zu schwinden. Besonders Arzens ausgedehnte Vorgeschichte, die gut zwei Hefte einnimmt, polarisiert: Für die einen ist sie notwendige Charaktertiefe, für die anderen eine spürbare Bremse in der Haupthandlung.
Auch die Backup-Storys bleiben ein Diskussionspunkt. Die Qualität ist gegenüber den Vorgängerbänden gestiegen, und einzelne Figuren – etwa der Detective mit seiner bodenständig menschlichen Perspektive auf Gotham – bringen frischen Wind. Dennoch fügen sich nicht alle Nebenstorys organisch ins Gesamtbild ein. Und einige der emotionalen Schlüsselmomente – Batman an den Gräbern seiner Eltern, der Held, der an der eigenen Wirkungslosigkeit zweifelt – sind Motive, die Bat-Fans vielfach erlebt haben. Ram V variiert sie klug, aber für erfahrene Leser bleibt die Überraschungswirkung begrenzt.
Einordnung in die Gesamtserie
Auf halbem Weg durch Ram Vs Lauf lässt sich festhalten: Gotham Nocturne ist ein kohärentes, in sich geschlossenes Werk, das bewusst nicht als Ansammlung von Einzelabenteuern funktioniert. Das macht es eigenständig und mutig – aber auch zugangsbeschränkt. Wer die Reihe von Anfang an verfolgt, wird mit Band 3 gut unterhalten. Wer mittendrin einsteigt, dürfte sich schnell verloren fühlen. Als Gesamtwerk wird das Epos voraussichtlich noch deutlich stärker wirken, wenn alle Bände vorliegen und die Bögen sich vollständig schließen.
Fazit
Batman: Gotham Nocturne 3 ist ein Band für Leser, die Batman als literarische Figur erleben wollen – dunkel, mythologisch aufgeladen, psychologisch komplex. Ram V schreibt keine klassische Superheldengeschichte, sondern eine düstere Oper über Gotham, über Dämonen und über die Frage, ob ein Mensch mit so vielen Schatten je wirklich im Licht stehen kann. Die künstlerische Vielfalt ist gleichzeitig Stärke und Schwäche, das Tempo ist nicht für jeden, und manche Nebenstorys hätten straffer ausfallen können. Wer sich jedoch darauf einlässt, findet eines der atmosphärischsten und ambitioniertesten Batman-Werke der letzten Jahre.