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Die Geschichte des Marvel Universums

Die Geschichte des Marvel-Universums – Rezension (Panini Comics)


Es gibt Comicprojekte, die man getrost als ambitioniert bezeichnen darf. Und dann gibt es diesen Band. „Die Geschichte des Marvel-Universums" von Mark Waid und Javier Rodríguez ist kein ambitioniertes Projekt – es ist ein wahnsinniges. Den Versuch, über acht Jahrzehnte Marvel-Comicgeschichte, Tausende von Charakteren, Hunderte von Handlungssträngen und das gesamte kosmische Ausmaß eines der größten fiktiven Universen, die je erschaffen wurden, in einem einzigen Comicband zusammenzufassen, kann man entweder als Geniestreich oder als Hybris betrachten. Das Erstaunliche ist: Es ist beides – und es funktioniert trotzdem auf eine Art, die schlicht verblüffend ist.


Der Rahmen, den Waid für dieses Mammutprojekt wählt, ist so simpel wie genial. Am Ende der Zeit sitzt Galactus, der Verschlinger von Welten, allein im Nichts – der letzte Überlebende einer abgestorbenen Realität. Sein Gegenüber ist Franklin Richards, Sohn von Reed Richards und Sue Storm, selbst mit einer der mächtigsten Begabungen im Marvel-Universum ausgestattet: der Fähigkeit, Realitäten zu erschaffen. Galactus erzählt Franklin die Geschichte von allem. Von Beginn an. Und Franklin hört zu.


Diese Rahmenkonstruktion ist mehr als eine narrative Spielerei. Sie gibt dem Band eine emotionale Erdung, die er dringend braucht. Denn ohne diesen persönlichen Anker würde „Die Geschichte des Marvel-Universums" Gefahr laufen, in einen reinen Katalog abzugleiten – eine Enzyklopädie in Comicform, trocken und distanziert. Stattdessen entsteht durch die Dynamik zwischen dem ewigen kosmischen Wesen und dem Jungen, der am Ende einer Welt zuhört, etwas Unerwartetes: Melancholie. Staunen. Eine seltsame Zärtlichkeit gegenüber all diesen Geschichten, Figuren und Momenten, die zusammen etwas so Gewaltiges ergeben haben.


Mark Waid ist für dieses Projekt nahezu prädestiniert. Als einer der profundesten Marvel-Kenner überhaupt – ein Mann, der nicht nur Jahrzehnte lang für den Verlag geschrieben, sondern das Marvel-Universum geradezu verinnerlicht hat – verfügt er über das nötige Wissen und die nötige Liebe, um diese Geschichte zu erzählen, ohne sie zu einer bloßen Auflistung verkommen zu lassen. Sein Text balanciert geschickt zwischen Überblick und Detail, zwischen dem großen kosmischen Bogen und den kleinen menschlichen Momenten, die das Marvel-Universum über Jahrzehnte so bedeutsam gemacht haben. Waid weiß, welche Momente man hervorheben muss – nicht unbedingt die bekanntesten oder spektakulärsten, sondern jene, die das Wesen dieser Welt am treffendsten beschreiben.


Dabei gelingt ihm etwas, das auf dem Papier unmöglich klingt: Er gibt dem Marvel-Universum eine narrative Kohärenz, die es im Laufe seiner chaotischen, von zahllosen Autoren und Editoren geformten Jahrzehnte nie wirklich besessen hat. Die Geschichte beginnt mit dem Urknall, führt durch die mythologischen Frühzeiten, die Entstehung der kosmischen Kräfte, die Götter und Außerirdischen, und landet schließlich im Zeitalter der Superhelden – dem bunten, finsteren, widersprüchlichen, herzzerreißenden Jahrzehnte währenden Spektakel, das wir kennen und lieben. Waid macht aus dieser Ansammlung von Geschichten eine einzige, und das ist eine außerordentliche erzählerische Leistung.


Mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar der heimliche Star des Bandes, ist Javier Rodríguez. Der spanische Zeichner, der sich durch seine innovative Arbeit an diversen Marvel-Titeln einen exzellenten Ruf erarbeitet hat, liefert hier möglicherweise das Werk seiner Karriere. Rodríguez ist kein konventioneller Comiczeichner – seine Seiten folgen keiner standardisierten Panel-Struktur, sondern sind kompositorische Kunstwerke, die Layouts, Collage-Elemente, Farbfelder und visuelle Metaphern zu etwas zusammenfügen, das man getrost als außergewöhnlich bezeichnen darf. Jede Doppelseite ist für sich genommen ein Poster, ein Kunstwerk, eine eigenständige visuelle Aussage.


Besonders bemerkenswert ist sein Umgang mit dem schier unbewältigbaren Material. Wie stellt man in einem einzigen Bild die Entstehung des Universums dar? Wie kondensiert man den Kree-Skrull-Krieg, den Tod von Gwen Stacy, Civil War, die Infinity-Saga oder den Fall von Genosha in wenige Panels, ohne dabei oberflächlich zu wirken? Rodríguez löst dieses Problem nicht durch Vereinfachung, sondern durch visuelle Dichte und kompositorisches Gespür. Seine Seiten sind reich, manchmal fast überwältigend, aber niemals chaotisch. Man kann sie mehrfach betrachten und entdeckt immer neue Details, Anspielungen, Verbindungen.


Die Farbgebung, ebenfalls von Rodríguez verantwortet, verdient eine eigene Erwähnung. Er wechselt souverän zwischen den verschiedenen Ären und Stimmungslagen des Marvel-Universums – von den warmen, mythologischen Tönen der Frühzeit über das kräftige, pulpige Primärfarbenspektrum der klassischen Superheldenepoche bis hin zu den düsteren, entsättigten Paletten der moderneren, ernsthafteren Storylines. Diese farbliche Reise durch die Geschichte des Marvel-Universums ist für sich allein schon ein ästhetisches Vergnügen.


Was den Band darüber hinaus wertvoll macht, ist seine Haltung gegenüber dem Material. Waid und Rodríguez betrachten das Marvel-Universum nicht mit ironischer Distanz oder postmoderner Gleichgültigkeit, aber auch nicht mit blindem Nostalgiekult. Sie sehen es mit den Augen von jemandem, der versteht, warum diese Geschichten Menschen bewegt haben – und bewegen. Die Helden und Schurken, die Tragödien und Triumphe, die großen Opfer und kleinen Freuden, die dieses Universum bevölkern, werden hier mit dem Respekt behandelt, den sie verdienen. Das macht den Band zu mehr als einer Zusammenfassung: Er ist eine Liebeserklärung.


Wer den Band aufschlägt und eine vollständige, lückenlose Chronologie erwartet, wird allerdings feststellen, dass er eine andere Art von Werk in den Händen hält. „Die Geschichte des Marvel-Universums" erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – das wäre bei diesem Stoff schlechthin unmöglich. Vielmehr ist es eine impressionistische Reise, ein Destillat, eine persönliche Auswahl der Momente und Motive, die das Große Ganze am treffendsten beschreiben. Wer erwartet, dass seine Lieblingsgeschichte oder sein Lieblingsheld ausführlich gewürdigt wird, könnte enttäuscht werden. Aber wer sich darauf einlässt, was dieser Band tatsächlich ist – eine poetische, visuell mitreißende Reflexion über das Wesen eines der größten Erzähluniversen der Popkulturgeschichte – der wird reich belohnt.


Für langjährige Marvel-Fans ist dieser Band ein außergewöhnliches Erlebnis: die Gelegenheit, die eigene Geschichte mit diesen Figuren und Geschichten aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten, Zusammenhänge zu entdecken und die schiere Größe des Ganzen neu zu staunen. Für Neulinge, die verstehen möchten, was dieses Universum so besonders macht, ist er ebenfalls geeignet – als Einstieg, als Orientierungshilfe, als Einladung, tiefer einzutauchen.


„Die Geschichte des Marvel-Universums" ist eines jener seltenen Comicwerke, die man nicht einfach liest, sondern erlebt. Mark Waid und Javier Rodríguez haben etwas Großartiges geschaffen – einen Band, der so unmöglich war, dass er eigentlich nicht hätte gelingen dürfen. Und der es trotzdem getan hat.