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H.P. Lovecrafts „The Dunwich Horror", erstmals 1929 im Pulp-Magazin Weird Tales veröffentlicht, gehört zu den wichtigsten Texten des Cosmic-Horror-Genres und ist gleichzeitig einer der zugänglichsten Einstiege in den Lovecraft'schen Mythos. Die Geschichte entfaltet sich langsam und unerbittlich: Im verarmten, abgeschiedenen Ort Dunwich, Massachusetts, bringt die etwas schlichte Lavinia Whateley ein Kind zur Welt, dessen Vater niemand kennt – oder kennen will. Der Großvater, als Hexer und Okkultist verschrien, treibt seltsame Rituale auf dem verfallenen Familienhof. Wilbur, das Kind, wächst mit unnatürlicher Geschwindigkeit heran, studiert schließlich das verbotene Necronomicon an der Universität Miskatonic – und was sich hinter den vernagerten Wänden des Whateley-Hauses verbirgt, übertrifft die schlimmsten Befürchtungen der Dorfbewohner bei weitem.


Der Text besticht durch seinen für Lovecraft typischen Aufbau: Das eigentliche Monster bleibt bis zuletzt unsichtbar oder unbeschreibbar, die eigentliche Horrorerkenntnis trifft die Figuren erst spät und mit voller Wucht. Dass Lovecraft dabei gelegentlich auch einen leicht satirischen Ton einfließen lässt und sich diskret über die Konventionen des Genres amüsiert, verleiht der Geschichte eine zusätzliche Dimension, die sie von seinen rein kosmisch-düsteren Werken wohltuend abhebt.


Die Umsetzung: Titania Medien auf vertrautem Terrain


Mit fast 200 Folgen im Rücken bewegt sich das Gruselkabinett auf bestens vertrautem Terrain, wenn es erneut einen Lovecraft-Stoff in Angriff nimmt. Regisseur Marc Gruppe, der die Reihe von Anfang an prägt und ihr ihre unverwechselbare Handschrift verliehen hat, liefert mit Folge 197 eine Produktion ab, die deutlich spürbar mit Überzeugung und Sorgfalt angegangen wurde. Die Spielzeit von rund 88 Minuten lässt genug Raum für atmosphärische Entfaltung – für eine Lovecraft-Kurzgeschichte, die in Prosaform vielleicht 60 bis 70 Seiten umfasst, eine durchaus respektable Laufzeit, die nie gestreckt wirkt, sondern konsequent genutzt wird.


Atmosphäre und Inszenierung: Das langsame Heraufziehen des Grauens


Was diese Folge von Anfang an auszeichnet, ist ihre kompromisslose Atmosphäre. Die Produktion setzt bewusst nicht auf klassische Spannungsdramaturgie oder schnelle Effekte, sondern auf ein langsames, fast unaufhaltsames Heraufziehen des Grauens. Das Gefühl, dass in Dunwich etwas grundlegend nicht stimmt, ist von der ersten Minute an präsent und wird konsequent verdichtet. Diese Entscheidung ist mutig, denn sie setzt voraus, dass der Hörer bereit ist, sich auf ein Hörspiel einzulassen, das keinerlei Kompromisse in Richtung Mainstream-Horror macht.


Das Sounddesign trägt dabei einen Großteil der Wirkung. Die akustische Konstruktion von Dunwichs bedrohlicher Enge, die Klanglandschaft der umliegenden Hügel und das beklemmende Schweigen, das zwischen den Dialogen liegt – all das ist auf dem gewohnt hohen Niveau, das Titania Medien in dieser Disziplin seit Jahren zuverlässig liefert.


Besonders eindrucksvoll gelingt die Inszenierung des kosmischen Wesens Yog-Sothoth, einem der sogenannten Äußeren Götter aus dem Lovecraft-Mythos. Sein Auftritt ist klanglich sowohl unheimlich als auch physisch wuchtig gestaltet – das Unbenennbare wird erfahrbar gemacht, ohne es zu banalisieren. Das ist exakt das, was Liebhaber des kosmischen Horrors sich erhoffen, und es gelingt hier überzeugend.


Die Sprecher: Ein bewährtes Ensemble in Höchstform


Mit 20 Sprecherinnen und Sprechern ist diese Folge üppig besetzt und schöpft das gesamte Potenzial des Gruselkabinett-Stammensembles aus.


Axel Lutter als alter Whateley, der Großvater und Hexer, ist eine Idealbesetzung. Seine Stimme trägt jene beunruhigende Mischung aus scheinbarer Senilität und dunklem Wissen, die die Figur bei Lovecraft so einprägsam macht – herrlich verschroben und dabei stets glaubwürdig.


Marie Bierstedt als Lavinia Whateley trifft den richtigen Ton für diese tragische, von der Dorfgemeinschaft verstoßene Frau. Verletzlich, ein wenig verloren und doch nicht ohne Würde – Bierstedt verleiht der Figur eine menschliche Dimension, die über das reine Klischee weit hinausgeht.


Julian Tennstedt als Wilbur Whateley übernimmt eine der ungewöhnlichsten Rollen des Ensembles: ein Kind, das zu schnell erwachsen wird, das fremd und bedrohlich wirkt und dennoch seiner eigenen, düsteren Logik folgt. Eine solche Figur zu sprechen, ohne ins Übertriebene zu kippen, ist eine echte Herausforderung – Tennstedt meistert sie mit Bravour.


Thomas Balou Martin, Bert Stevens und Peter Lontzek bilden das stabile Gerüst der Produktion, wie man es von ihnen kennt. Nebenrollen von Uschi Hugo und Bodo Primus sind kurz, aber hörenswert – es ist schlicht eine Freude, die beiden zu hören, egal in welchem Rahmen. Das gesamte Ensemble wirkt wie ein gut eingespieltes Kammerorchester: Jede Stimme kennt ihren Platz, und gerade in der Summe entfaltet sich die eigentliche Wirkung.


Treue zur Vorlage und eigenständige Qualitäten


Ein besonderes Lob verdient die Texttreue der Adaption. Lovecrafts gelegentlich ironische Untertöne, seine subtilen Momente, in denen er das Genre mit einem Augenzwinkern kommentiert, haben es unbeschadet in die Hörspielbearbeitung geschafft. Das verleiht dieser Episode etwas Eigenständiges und bewahrt sie davor, zu einer rein düsteren Pflichtübung zu werden. Wer nur die schwere, apokalyptische Seite Lovecrafts kennt, wird überrascht sein, wie leicht die Geschichte in manchen Momenten atmet – bevor sie den Hörer wieder tief in die kosmische Dunkelheit zieht.
Die Mythos-Referenzen, vom Necronomicon bis zu den großen Äußeren Göttern, sind selbstverständlich vorhanden und werden liebevoll eingebettet, ohne den Hörern, die nicht jeden Winkel des Lovecraft-Universums kennen, das Erlebnis zu vermiesen. Marc Gruppe weiß genau, was sein Publikum erwartet – und liefert es ohne Umwege.


Kritische Einordnung: Für wen ist diese Folge?


„Das Grauen von Dunwich" ist kein Hörspiel für zwischendurch und kein Werk, das mit Tempo oder Schocks arbeitet. Wer klassische Spannungsdramaturgie mit Wendungen und Auflösungen erwartet, wird hier auf unbekanntem Terrain sein. Diese Produktion ist konsequent auf Atmosphäre und kosmisches Unbehagen ausgerichtet – das ist ihre Stärke, aber auch ihre implizite Anforderung an den Hörer.


Wer das Gruselkabinett kennt und schätzt, weiß das und wird sich sofort heimisch fühlen. Wer neu einsteigt, sollte wissen: Hier wird nicht mit dem Schrecken gearbeitet, sondern mit dem, was hinter und unter dem Schrecken liegt. Das ist, bei aller Stille, die deutlich nachhaltigere Erfahrung.


Fazit


Gruselkabinett 197 ist eine der stärksten Lovecraft-Adaptionen, die Titania Medien bislang vorgelegt hat – handwerklich makellos, atmosphärisch konsequent und getragen von einem Ensemble, das die Geschichte trägt, ohne sie zu überlagern. Die Vorlage, eine der erzählerisch vollständigsten und wirkungsmächtigsten Kurzgeschichten Lovecrafts, findet hier eine akustische Entsprechung, die ihr in jeder Hinsicht gerecht wird. Wer sich auf Dunwich einlässt, wird so schnell nicht wieder herauskommen.